Nobelpreisträger Imre Kertész

Wie sich der Einzelne gegen das Grauen behauptet

Von Paul Ingendaay
21.05.2022
, 22:04
Imre Kertész (1929 bis 2016) im Sommer 1968
Das langsame Werden eines Meisterwerks: Frühe Arbeitstagebücher des ungarischen Nobelpreisträgers Imre Kertész zeigen, wie der „Roman eines Schicksallosen“ entstand.
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Diese frühen Aufzeichnungen aus dem Nachlass des ungarischen Schrift­stellers Imre Kertész, geschrieben zwischen 1958 und 1962, handeln von der Entstehung seines Meisterwerks „Roman eines Schicksallosen“ (1975). Damit wird das Buch, für das der Autor den Nobelpreis erhielt – die Schilderung nationalsozialistischer Lager aus der Sicht eines vierzehnjährigen Jungen –, zu einem der bestdokumentierten Werke der Weltliteratur des zwanzigsten Jahrhunderts.

Mit „Aufarbeitung“, „Bewältigung“ und ähnlich klinischem Vokabular, mit dem die deutsche Sprache Rache zu nehmen scheint an jedem künstlerischen Willen, dem Unaussprechlichen eine ästhetische Form zu geben, hat der Roman allerdings wenig zu tun. Der Arbeitstitel, den der dreißig Jahre alte Autor im März 1960 findet, lautet „Ferien im Lager“. Ein böser Titel, ein früher Kertész-Sarkasmus, denn es handelt sich um die Deportation eines jüdischen Jungen nach Auschwitz und Buchenwald. Neun Monate bringt der vierzehnjährige Kertész dort zu, magert ab, sieht Elend und Tod, bevor er im April 1945 befreit wird.

Bild: Verlag

Er wolle seine „eigene Mythologie“ schreiben, notiert er 1960 unter dem Eindruck der Lektüre von Dostojewski, Camus und Thomas Mann, und das betrifft vor allem das im Lager gewonnene Bewusstsein, dass der Mensch, der dies erlebt hat, unwiderruflich ein anderer geworden ist, dass es „unmöglich ist, den ihm bestimmten Platz in der Welt der Ordnung wieder einzunehmen, den Platz, der einem Jungen zukommt, ihm, der das Wissen vom Tod in sich trägt“.

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Eine der originellsten Entscheidungen betrifft den Ton des Romans, der ja schon manchen Leser mit seiner Leichtigkeit schockiert hat, fast so als fehlte es dem Buch an existenziellem Ernst. Keine Rede jedenfalls vom Tremolo des Tragischen. „Ich muss eine Art kindliche Reinheit für die Erzählerstimme finden“, schreibt Kertész zu Beginn seiner Überlegungen. Statt eines Bewusstseins von Grauen und Genozid: das naive Staunen eines Jugendlichen, der die Welt so nimmt, wie sie ist. Sein Roman werde auf diese Weise „doppelt schmerzhaft“, glaubt der Autor, gerade weil „ich alles Grauenhafte daraus hinauswerfe und den Akzent auf die Poesie setze“. Das ist der bleibende Affront, die sprachlos machende Kühnheit dieses Romans: zu zeigen, was Auschwitz diesem einen Menschen geschenkt, nicht geraubt hat. Viel später, 1992, wird Kertész in seiner Wiener Rede über Jean Améry eine für sein eigenes Schreiben maßgebende, abermals schockierende Formel prägen: „Holocaust als Kultur“.

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Buchenwald, die Wahrheit seines Lebens

Natürlich braucht er sehr lange, um dorthin zu kommen, auch wenn schon die frühesten Ideen für den Roman brillant sind, fast zu klug für das Buch, das sie ja erst werden sollen. Der größte Widerspruch seines Lebens besteht darin, dass er in Zusammenarbeit mit einem Freund erfolgreiche Komödien schreibt, die ihm die Existenz sichern, während seine wahre Ambition der Prosa gilt. Bis in die Mitte der Sechzigerjahre scheint die Glätte seiner Bühnenproduktion, gepaart mit dem Zwang zu Unterbrechungen, jede ernsthaftere Kunstbemühung zu verspotten, und seine harschen Urteile über das Theater jener Jahre – Brecht empfindet er als „hochstaplerisch, blöd, deutsch, großmäulig, leer“, Tennessee Williams als „Schrott, Kommerz, überholt“ – haben sicherlich mit seinem widerwillig geleisteten Schreibdienst zu tun.

Während die ersten Kapitel nur schleppend vorangehen, verlagert sich die Auseinandersetzung mit dem Romanstoff ins Denkerisch-Essayistische: „Buchenwald: Alpha und Omega aller Wahrheit in meinem Leben“, schreibt er am 22. April 1961. Er wolle kein Romanautor sein, „der even­tuell gute Bücher schreibt und den man eventuell liest“, denn „gemessen an Buchenwald, ist das gleichgültig und zählt überhaupt nicht“. Er, Kertész, wolle etwas anderes. „Der eine sucht zu erobern, um die Welt zu besitzen; der andere sucht sich aufzugeben, um selbst Welt sein zu können. Auf dem Weg des Verstehens ins Zentrum der Dinge einzudringen ergibt das vollkommenste und universellste Ich-Gefühl.“

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Im „Roman eines Schicksallosen“ spiegelt selbst der humorvoll-fatalistische Umgang des Erzählers mit den Läusen unter seinem Hemd diese Haltung. Er beobachtet sie, studiert sie und versetzt sich in ihre Lage: „Mir ging auf, dass ich sie (die Läuse) in gewisser Hinsicht verstehen konnte, wenn ich es mir recht überlegte. Zu guter Letzt war ich schon fast erleichtert, es schauderte mich schon fast nicht mehr.“

Die späte „Glückskatastrophe“

Die Folgerung gilt durchgehend: Staunen überwiegt Entsetzen. Kertész erkennt das Lager als „Zweiter-Weltkriegs-Zauberberg“ und geht daran, „die Geschichte von Hans Castorp neu zu schreiben“. Sein phänomenologischer Blick vermag in seinem Material sogar eine eigentümliche Madeleine-Szene zu entdecken: Nach dem Kauf eines neuen Uhrarmbands geht ihm auf, „dass der chemische Geruch des frisch präparierten Leders den scharfen Geschmack des chlorhaltigen Wassers im Lager von Auschwitz evoziert“. Und er erkennt, dass Sehnsucht „die Stütze, der Grundton für die Erinnerung an das Lager ist“, dass er „mit einem morbiden Lustgefühl eintauchen kann in diese durch physische Schmerzen sublimierten, sich auf rein seelische Eindrücke beziehenden Er­innerungsfetzen“. Kertész hat einen Holocaust-Roman geschaffen, in dem die Erkenntnisarbeit des beschädigten Subjekts immer den Vorrang vor der Monstrosität der Ereignisse hat.

Erst siebzehn Jahre nach Beginn dieser Aufzeichnungen, 1975, und gleichsam unter Ausschluss der Öffentlichkeit erfolgt die Publikation von „Sorstalanság“ (wörtlich: Schicksallosigkeit) im kommunistischen Ungarn. Erst die zweite deutsche Übertragung durch Christina Viragh 1996 sorgt für eine Sensation. Abermals sechs Jahre später, 2002, erhält Kertész den Literaturnobelpreis. So kam es zur sprichwörtlich gewordenen „Glückskatastrophe“ im Leben des Autors, der sich als alter Mann noch einmal mit den Kämpfen seiner jungen Jahre verbindet und in der Zeit, die ihm noch bleibt, den unerwarteten Ruhm zu verwalten hat. Das frühe Arbeitstagebuch, ein Reflexionsmedium aus eigenem Recht, ist Teil einer langen Reihe von Aufzeichnungen, die sich mit dem „Galeeren­tage­buch“ (Deutsch 1993) fortsetzen und in „Letzte Einkehr“ (2015) ihren Abschluss finden. Jetzt also wissen wir, wie alles begann.

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Imre Kertész: „Heimweh nach dem Tod“. Arbeits­tagebuch zum „Roman eines Schicksallosen“.

Herausgegeben und aus dem Ungarischen übersetzt von Ingrid Krüger und Pál Kelemen. Mit einem Nachwort von Lothar Müller. Rowohlt Verlag, Hamburg 2022. 144 S., geb., 24,– €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ingendaay Paul
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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