Kim de l'Horizons „Blutbuch“

Wie Menschen ineinander wurzeln

Von Elena Witzeck
14.08.2022
, 22:23
Hat ein sehr körperbetontes Buch geschrieben über das Gefühl, im eigenen Körper fremd zu sein: Kim de L’Horizon
Gegen das Schweigen der Großeltern: Kim de l’Horizons Debütroman „Blutbuch“ erzählt von einem Vermächtnis und der Suche nach dem eigenen Körper.
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Das Kind, um das es geht, ist scheu. Der Natur fühlt es sich näher als den Menschen. Es spricht mit den Kastanien, den Himbeeren, den Bäumen. Es duckt sich vor den lauten Stimmen, die nach ihm rufen, den rauen Händen, es macht sich unsichtbar. „Das Kind weiß: Es darf kein Mann werden.“ Die Liebe seiner Mutter ist riesig, verschlingend groß, aber sie endet dort, wo das Mannsein beginnt und mit ihm die Wut der Mutter über die Ungerechtigkeit des weiblichen Daseins, über ein Leben unter Zwängen. Also läuft das Kind in den Hühnerstall und probiert Hexensprüche aus für das Geschlecht, das einmal zu ihm passen soll.

Die Geschichte von dem Kind, von seinem Aufwachsen bei Bern, ist ein Teil der Suche, die dieser Debütroman erzählt, einer rastlosen, besinnungslosen Suche der Erzählfigur Kim nach der wahren Bedeutung hinter den Dingen an der Oberfläche, die ihren Anfang in der Krankheit der Großmutter nimmt, ihrer wachsenden Demenz, und die dann kreisend, tastend in die Suche nach dem eigenen Körper mündet, nach dem, was das eigene Geschlecht prägt und sprichwörtlich (er)tragbar macht. Ein Buch wie auf eine Matroschka geschrieben: Immer wieder fällt eine Erzählschicht ab, wird von allen Seiten betrachtet und fördert die nächste zutage, und für jede findet Kim de l’Horizon einen eigenen Ton.

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Überhaupt ein Roman?

Ein solches Buch zu beschreiben, darüber zu urteilen ist schwierig. Wie das Kind verweigert es sich der Kategorisierung. Ein Familienroman? Ein Coming-of-Age-Roman? Ein Queerness-Roman? Überhaupt ein Roman? Zunächst sind da die Puzzleteile der Kindheit, das „Schwemmgut“, ist die minutiöse Be­schreibung der Großmutter in ihrer körperlichen Präsenz, in ihrer hilflosen Übergriffigkeit. Was Kim de l’Horizon, bei Bern geboren, in Biel im Literarischen Schreiben ausgebildet und im Theater zu Hause, spielend beherrscht, ist die Verwandlung von physischer Übermacht in Sprache, in Worte für das Unwohlsein, wenn einem der eigene Körper fremd bleibt, eine Wahrnehmung, die für jemanden, der sich keinem Ge­schlecht zugehörig fühlt, noch viel ex­tremer sein muss. Wenn eine Ahnung davon, wie sich das anfühlt, möglich ist, gelingt sie diesem Roman.

Kims Suche führt weiter zu den verschwiegenen Biographien zweier Frauen aus der Familie, einer früh gestorbenen und einer früh geschwängerten, die daraufhin ins Gefängnis kam. Aus den Geheimnissen der Familie erhofft sich Kim Erkenntnisse über sich und aus dem geschwätzigen Schweigen der Großmutter eine Annäherung an sie in ihrer Krankheit. Erst viel später offenbart sich im von der Mutter zusammengestellten weit zurückreichenden Stammbaum der Frauen der Familie das Ausmaß der weiblichen Leiden. Fähige, unangepasste Frauen, Frauen, die wegen ihrer Schönheit erschlagen wurden, weil es hieß, sie verbreiteten die Pest. Frauen, denen man vorwarf, es wäre ihre Schuld, dass ihre Töchter, nicht aber ihre Söhne über­lebten. Sehr subtil und sehr poetisch wird hier von der fortgeschriebenen Er­fahrung der Eltern, Großeltern und Ur­großeltern erzählt, davon, wie Menschen in­einander wurzeln.

Kim de l'Horizons „Blutbuch“ wurde mit dem Literaturförderpreis der Jürgen Ponto-Stiftung ausgezeichnet.
Kim de l'Horizons „Blutbuch“ wurde mit dem Literaturförderpreis der Jürgen Ponto-Stiftung ausgezeichnet. Bild: dpa

In jeder Erzählschicht behält Kim de L’Horizon einen strengen Blick auf die Erzählsprache, die ohne abgegriffene Wendungen auskommt, und einen liebevollen Blick auf die Sprache der Familie. Mutter heißt „Meer“ im Berndeutschen, ein Meer der Liebe und ein Meer zum Versinken. Und wie oft diese Sprache auf das Sächliche zurückgreift! Das Mueti, das Mami, beinahe alle Frauen und alle Kinder sind Dinge. Und dann ist da die Sprache des queeren jungen Menschen in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts, der in die Geschichten über seine Großmeer seine eigene Sprachkultur integriert. „Mensch“ schreibt Kim de l’Horizon statt „man“ und „jemensch“ statt „jemand“ und benutzt den Genderstern, formt und biegt die Sprache während der eigenen Metamorphose.

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In einem so körperlichen Buch muss es eine Schicht geben, die aus Sex besteht. Der Sex in „Blutbuch“ ist ausgiebig und plastisch. Tagsüber sitzt Kim in der ­Bibliothek und sammelt die historischen Bruchstücke seiner Vergangenheit, sammelt Wissen über die Blutbuche, die im Garten der Familie steht, und abends und nachts schläft Kim mit jedem Mann, der sich anbietet. Das Überkonkrete und das Abstrakte, das Fleisch und der Geist mischen sich also auf dem Weg zur Erkenntnis, zur sterbenden Großmutter. Einer der Höhepunkte dieser Passage ist eine Suada gegen Arroganz und Blasiertheit in der Wissenschaftsliteratur. Nur der männliche Adel verstand etwas von Gartengestaltung, liest Kim mit Erstaunen in einem Fachbuch über Blutbuchen, liest davon, wie das gemeine Volk, also „Bürger und Frauen“, die Zierbäume entgegen ihrer Bestimmung in kleine Hausgärten „hineinquetschte“. Und fertigt anschließend in gewohnt lässigem Ton den „boys-only-club“ ab, der solche Ab­handlungen verfasst.

Zehn Jahre, gibt Kim de l’Horizon an, habe die Schreibarbeit am „Blutbuch“ gedauert, noch vor Veröffentlichung gewann das Manuskript den Literaturförderpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung. Auch das Lesen dieses Familienwurzelwerks ist Arbeit, es erfordert Hingabe, die man aber ohne zu zucken zulässt für dieses eigensinnige Erzähler-Ich und seine Sprachvolten, seine Fähigkeit, über Hunderte von Seiten Gedankenbilder zusammenzuhalten, Recherchematerial einfühlsam zu verwandeln und sich spitz­bübisch an Kanon und Konvention zu schaffen zu machen, ohne die Tradition seiner Meerkultur je aus den Augen zu verlieren.

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Kim de l’Horizon: „Blutbuch“. Roman. DuMont Verlag, Köln 2022. 336 S., geb., 24,– €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Witzeck, Elena
Elena Witzeck
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