Literatur

Anfang für immer

Von Julia Encke
01.08.2007
, 11:07
Schreibt sich Geschichten vom Leib: Monika Maron
Eben war man noch 35, jetzt ist man plötzlich 45 - und fragt sich: Was jetzt? Die Schriftstellerin Monika Maron über die ewigen Wiederholungen im Leben, Umzüge, Frauenzeitschriften und ihren neuen Roman.

Es ist nicht so, dass Monika Maron die literarischen Figuren, die sie zum Leben erweckt hat, alle besonders mag. Über manche schrieb sie überhaupt nur, um sie loszuwerden, um ihre Wut an ihnen entladen zu können. Über den SED-Pensionär Herbert Beerenbaum aus der „Stillen Zeile Sechs“ etwa, einen unnachgiebigen Stalinisten mit menschlichen Zügen, dessen Ambitionen dahin gingen, an Generationen von Menschen die kommunistischen Ideale zu erproben. Unmöglich konnte man diesen Beerenbaum einfach nur hassen, den Bilderbuchkommunisten, in dem, wer wollte, Monika Marons Stiefvater Karl Maron erkennen konnte, der in der DDR Innenminister gewesen war. Es war komplizierter. Und so schrieb sie ihn sich mit diesem Roman vom Leib. Er wurde buchstäblich Geschichte.

Andere kamen, blieben. Sie gehören mittlerweile zum Monika-Maron-Figurenkosmos, den man sich, auch wenn sie es sehr bewundert, zwar nicht wie das dichte Biographien-Netzwerk aus Uwe Johnsons „Jahrestagen“ vorstellen muss. Hier geht nicht etwas immerzu weiter. Eher ist es so, dass man, plötzlich, nach Jahren, eine Figur wiedertrifft, so wie man im Leben jemandem, den man immer sehr mochte, nach Jahren zufällig auf der Straße wiederbegegnet. Man bleibt stehen, freut sich. Und weil Monika Maron geschlossene Kausalzusammenhänge widerstreben, eine abgeschlossene Geschichte für sie immer nur der Tod sein kann, ihre Romane also alle offen enden, weiß man, dass es viel zu erzählen gibt.

Monika Maron öffnet die Tür ihrer Wohnung in Berlin-Schöneberg, wo einen als Allererstes ihr Hund Bruno anbellt, den man unter anderem Namen gewissermaßen auch schon kennt, aus dem Roman „Endmoränen“ und aus dem neuen Buch. Hunde, stellt man fest, sind in Büchern leiser als im wirklichen Leben. Doch da beruhigt sich Bruno schon und döst vorm Sofa. „Ach Glück“ heißt der neue Roman von Monika Maron, was deswegen ein bisschen schade ist, weil es so sehr nach Seufzer klingt, nach resignativer Vergeblichkeit, obwohl es doch um einen Neuanfang geht, um die Wiedergewinnung von so etwas wie Zukunft. Es ist die Geschichte von Johanna, die, damals in „Endmoränen“, aufs Land fuhr, sich fragte, was sie da sollte, und wieder zurückfuhr. Mehr passiert in Monika Marons Romanen oft nicht, was sie auszeichnet, sie in eine Tradition mit jenen ereignislosen Romanen stellt, deren Meister aus Frankreich kam und Flaubert hieß.

Auch diesmal passiert nicht viel. Johanna hadert, will weg, geht. Sie hadert mit ihrem Ehemann, einem Kleist-Forscher, von dem sie tagtäglich eigentlich immer nur den Rücken sieht, weil er an seinem Kleistforscher-Schreibtisch wie festgewachsen zu sein scheint. Sie hadert mit sich und vor allem mit ihrem Alter.

Muss man erst Mitte fünfzig werden, um sich die Frage zu stellen, ob es das nun gewesen ist im Leben? Fragt man sich das nicht auch vorher ständig?

Sicher, aber wenn man jünger ist, hat man ein natürliches Vertrauen in die Zukunft. Man sagt sich: Das wird schon noch, ich werde meinen Weg finden. Und dann ist man plötzlich 45, eben war man noch 35 und überall die Jüngste, und man stellt fest, dass es mit den natürlichen Anfängen vorbei ist. Es findet sich nicht mehr so schnell eine neue Liebe und auch nicht ohne weiteres ein neuer Job. Man weiß, dass es trotzdem noch lange geht, und fragt sich: Was jetzt? Wenn die Angebote weniger werden, muss man dem Leben die Dinge abtrotzen, da von alleine überhaupt nichts mehr passiert. Und an diesem Punkt befindet sich meine Protagonistin.

Sie ist auch deshalb auf sich selbst zurückgeworfen, weil sie aus der DDR kommt und es dort als ihre Aufgabe betrachtet hatte, den freien Geist gegen die Diktatur zu verteidigen. Das braucht sie jetzt nicht mehr. Gibt es trotzdem nicht auch heute noch viel zu verteidigen?

Sie kommt in ein anderes Lebenssystem und stellt fest, dass man alles sagen, alles schreiben kann. Vorher, als das nicht möglich war, hatte sie in die Texte, die sie veröffentlichte, geheime Botschaften hineingeschmuggelt. Natürlich ist die DDR an diesen systemkritischen Botschaften nicht zugrunde gegangen. Da konnte man sich über seine Wichtigkeit ja auch große Illusionen machen. Für Johanna gerät ihre Konstruktion ins Wanken. Das, was sie bis dahin getan hat, verliert seine Bedeutung. Sie ist ein defensives Temperament, keine Straßenkämpferin. Ein anderer Mensch würde sagen, jetzt gehe ich zu Amnesty oder zu Greenpeace. Aber das würde sie nicht tun, sie ist noch gar nicht justiert in diesem neuen System.

Was genau meinen Sie mit den geheimen Botschaften?

Die gab es überall, wo man mit einer Öffentlichkeit kommunizierte. Nehmen Sie zum Beispiel das Theater. Das war im Osten etwas ganz anderes als hier. Da wusste man, dort oben stehen Schauspieler, die lebendig sind und jeden Abend irgendeinen Satz sagen können, der unten sofort verstanden wird. Alle wussten, warum sie sich jetzt in diesem Raum gemeinsam befinden, und freuten sich, wenn diese Verständigung gelang. Natürlich waren alle unglaublich sensibilisiert, solche kleinen Botschaften zu verstehen. Diesen Sinn hat Theater hier überhaupt nicht, den braucht es nicht, und manchmal frage ich mich, warum sind wir alle jetzt da. Worin liegt der Reiz des Augenblicks, wenn alle lebendig im Raum sitzen? Wir könnten auch ins Kino gehen und uns eine Kopie ansehen.

Monika Maron studierte in der DDR Theaterwissenschaften, arbeitete aber nie am Theater, sondern wurde Journalistin, zunächst bei der Frauenzeitschrift „Für Dich“, später bei der „Wochenpost“. Mit „Flugasche“ schrieb sie sich vom zensierten Journalismus frei, indem sie ihn zum Thema machte; mit ihrem ersten Roman, den jetzt wiederzulesen vor allem deshalb so ein Erlebnis ist, weil er mehr ist als ein Roman über die DDR. Gleichzeitig ist es die universelle Geschichte einer jungen Frau, die den Kampf gegen die Beschränkungen ihres Lebens antritt; die sich fragt, wie sie, alleinerziehend, mit ihrem kleinen Sohn zurechtkommen soll; ob, wie ihre Freunde meinen, man tatsächlich glücklicher ist, wenn man heiratet. Monika Maron ist durch die Allgemeingültigkeit ihrer Bücher dem Etikett „DDR-Autorin“ immer entkommen. Selbst als sie noch im Osten schrieb, hatten ihre Geschichten alle möglichen Grenzen im Kopf bereits überschritten.

Wie war es, in den siebziger Jahren bei „Für Dich“ zu arbeiten?

Das war eine Frauenillustrierte, und es war wirklich furchtbar da. Ich war drei Jahre Wirtschaftsreporterin.

Bei einer Frauenzeitschrift?

Ja. Es wurden zum Beispiel Porträts über Arbeiterinnen gedruckt. Außerdem war es eine Zeit, in der in der DDR viel Wirtschaftstheater gemacht wurde. Es gab einen Autor, Benno Wogatzki, der Stücke aus der Produktion schrieb, und ich habe mir gesagt: Dann gucke ich mir das lieber richtig an. Wir glaubten ja alle, oder viele - und ich auch, dass, wenn der Sozialismus für uns schon nicht gut ist, er es wenigstens für die Arbeiter sein könnte.

Was genau war so furchtbar daran, dort zu arbeiten?

Ich weiß noch, dass ich einmal ein Gespräch mit dem stellvertretenden Chefredakteur hatte, in seinem Zimmer saß und so wütend war, dass ich in seinen Topf mit Büroklammern griff und sie durchs Zimmer warf. Das war eine hilflose, ohnmächtige Wut. Er hat dann mit mir nur noch vor Zeugen geredet. Mit 44 Jahren starb er an einem rätselhaften Fieber, und am Morgen, als die Todesanzeige in der Zeitung stand, rief jemand bei mir an, ich weiß bis heute nicht, wer, und fragte: „Monika, warst du das?“ Ich bin da nur so lange geblieben, weil plötzlich ein neues Gesetz beschlossen wurde, nach dem man freiberuflich nur mit fünfjähriger Berufspraxis arbeiten konnte.

Die hatten Sie nicht?

Nein. Ich ging zu der Chefredakteurin, Lilo Thoms, und sagte: „Lilo, ich muss bleiben, obwohl ich vor ein paar Wochen noch gedacht habe, ich gehe lieber zur Zeitschrift ,Der Hund', als hier zu bleiben.“ Daraufhin schmiss sie mich aus ihrem Zimmer. Was ich nicht wusste, war, dass es einmal eine Frau gegeben hatte, die tatsächlich zur Zeitschrift ,Der Hund' gegangen war - und sich kurz darauf umgebracht hatte.

Die Wirtschaftsjournalistin aus „Flugasche“ bleibt, als ihre Reportage über den Dreck in Bitterfeld und das unwürdige Leben der Menschen dort nicht gedruckt wird, irgendwann einfach zu Hause - um neu aufzubrechen. „Man muss im Leben nur dafür sorgen, dass es zu jeder Zeit Anfänge gibt“, heißt es in Marons neuem Roman. Und als eine Kette solcher nicht abreißender Anfänge lassen sich auch ihre Bücher verstehen. Doch gibt es in „Ach Glück“ etwas Neues: Maron lässt ihre weibliche Protagonistin diesmal nicht „Ich“ sagen, sondern hat, im Wechsel, Passagen eingeschoben, in dem ihr Mann beobachtet. Verloren rennt er, als sie nach Mexiko reist, durch Berlin-Mitte und merkt, jetzt, wo sie weg ist, dass er ohne sie auch nichts Rechtes mit sich anzufangen weiß. In einer Galerie in der Auguststraße sucht er Igor, den Russen, auf, den er verdächtigt, eine Affäre mit seiner Frau gehabt zu haben. Dieser Dialog, allein unter Männern, die notorisch immer nur in Aussagesätzen reden, also jeden Zweifel verbergen, indem sie sich nie etwas fragen, ist einer der interessantesten und auch lustigsten des Romans. Monika Maron lässt ihre Rivalen mit scharfer, möchtegern-selbstgewisser Zunge zischen. Mächtig plustern sie sich auf.

Die Frau, über die die beiden Männer reden, ist längst weg. Auch man selbst verliert sie aus den Augen. Allerdings ist es nicht ausgeschlossen, ihr irgendwann wiederzubegegnen, diesmal in Mexiko. Im neuen System hat sie sich bis dahin sicher längst justiert, weiß, was es zu verteidigen gilt. Monika Marons nach neuen Anfängen süchtige Heldinnen haben sich, wie die Autorin selbst, vom Osten in den Westen gerettet. Von dort aus treibt es sie hinaus in die Welt.

Monika Maron: „Ach Glück“. Roman. S. Fischer, 224 Seiten, 18,90 Euro. Gleichzeitig ist das von Martina Gedeck gesprochene Hörbuch erschienen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.07.2007, Nr. 30 / Seite 19
Autorenporträt / Encke, Julia
Julia Encke
Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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