Roman von Lola Lafon

Wie ein eingewachsener Splitter

Von Niklas Bender
20.01.2022
, 23:15
Auf Händen getragen? So mag es aussehen, aber Lafons Roman enthüllt die Brutalität, mit der eine junge Tänzerin konfrontiert wird.
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Ein Leben aus Nacht und Neuanfang: Lola Lafon erzählt in ihrem Roman „Komplizinnen“ von sexuellem Missbrauch in der Tanzausbildung.
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Pygmalion ist eine von vielen Figuren der antiken Mythologie, die aus MeToo-Sicht suspekt erscheinen: Der Bildhauer verliebt sich in sein Werk, eine Elfenbein­statue, und wünscht sich von Venus eine solche Frau. Er wird erhört, die Statue belebt sich unter seinen Liebkosungen, „und zugleich mit dem Himmel erblickt sie den Mann, der sie liebt“ (so heißt es in Ovids „Metamorphosen“). Die Frau als Geschöpf männlichen Begehrens – Jean-Jacques Rousseau, Autor eines Pygmalion-Melodrams, tauft es auf den Namen Galathée.

Als Fondation Galatée tritt in Lola Lafons Roman „Komplizinnen“ ein Kreis von reichen älteren Männern auf, die jungen Mädchen aus einfachen oder schwierigen Verhältnissen Stipendien versprechen und deren „Reife“ bei intimen Mittagessen testen. Wenn die Statue Ovids auf den zweiten Blick mehr ist als ein männliches Phantasma, nämlich eine Parabel auf die Macht der Kunst, werden bei Lafon die Mädchen zu Statuen, brutal eingefroren im Alter von dreizehn Jahren, missbraucht beim ersten Versuch, eigene Träume zu verwirklichen.

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Die Nummernrevue gleichauf mit dem Ballett

Dieses heikle Thema geht Lafon klug an. Sie baut ihren Roman um ein Mädchen aus einem östlichen Pariser Vorort auf: Cléo, die Tänzerin werden will. Sie trainiert im Jugendzentrum Jazztanz und wird von der eleganten Cathy angesprochen, die sie durch Geschenke und Vorzugsbehandlung nicht nur zum Opfer, sondern auch zur Täterin macht, die der Stiftung weitere Kandidatinnen zuführt. All das wird im ersten und längsten Kapitel erzählt, das ein Viertel des Romans ausmacht. Der Hauptteil von „Komplizinnen“ ist Cléos Leben danach gewidmet: eine Entscheidung, die einerseits den Langzeitfolgen von Missbrauch gerecht wird und andererseits zeigt, dass das Leben nicht nur daraus besteht. Vieles aber bestimmt er doch: „Diese Geschichte ist ein Splitter, um den herum mit den Jahren neue Haut gewachsen ist. Ein kleiner Hügel rosa Leben, straff und elastisch. Ein Fremdkörper, der keiner mehr ist, er gehört zu ihr, fest verankert in einem Strang Muskelfasern, kaum abgenutzt vom Lauf der Zeit.“ Am Ende steht das Projekt zweier Regisseurinnen, einen Dokumentarfilm zum Thema zu machen, ein Unterfangen, das es der nunmehr 48 Jahre alten Cléo, verheiratet und Mutter, erlaubt, auf die anderen Opfer zuzugehen.

Lola Lafon: „Komplizinnen“. Roman.
Lola Lafon: „Komplizinnen“. Roman. Bild: Hanser Berlin Verlag

Die 35 Jahre dazwischen werden schlaglichtartig in Kapiteln mit wechselnden Figuren erhellt. Ab und an wechselt der Fokus zu Betty, einer anderen Tänzerin, die Cléo der Fondation zu­geführt hatte und die längere Zeit einen vierzigjährigen „Verlobten“ hatte. Erzählt wird von Yonasz, Cléos Jugendfreund aus Gymnasialzeiten, Ossip, der als Tänzerinnen-Arzt auch Betty versorgt hat, Alan, einem One-Night-Stand Cléos, Lara, ihrer ersten großen Liebe, Claude, Cléos Ankleiderin im Diamantelles, und Anton, Bettys Neffe, der verstehen will, warum ein ehrgeiziges junges Mädchen den Tanz aufgibt, sich den familiären Erwartungen verweigert und ein Leben als Tierfreundin auf Sozialhilfe wählt. Der Blick auf die Leidensgefährtin ergänzt Cléos Parcours, indem er andere Reaktionen auf das Erlebte zeigt.

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Eine verstörende Mischung aus Ekel, Zweifel und Tanzrausch

Die Hauptfigur ist gerade deshalb spannend, weil sie so relieflos, so schwer zu fassen ist: „Sie war durch so viele Kulissen gegangen, durch Scheinwelten, ein Leben aus Nacht und Neuanfang. Sie kannte sich aus mit dem Neuerfinden.“ Eine soziale Aufsteigerin, die sich lange Zeit ein- und anpasst, tut, sagt und denkt, was man von ihr erwartet, und nur für den Tanz lebt. Tatsächlich gelingt es der 1974 geborenen Lafon, selbst eine ehemalige Tänzerin, hervorragend, die Technik, die Atmosphäre und das Lebensgefühl des Tanzens einzufangen, sei es das einer Paillettenshow à la Folies Pigalle, das eines Jazz-Trainings im Jugendzen­trum oder die Tortur des Balletts: „Kannte die Backstages so vieler Theater, den Holzgeruch, die verwinkelten Flure, in denen sich die Tänzerinnen drängelten, die rosa, abgenutzten Wände der fensterlosen Garderoben mit verblichenem Linoleumboden, die Spiegel umrahmt von Glühbirnen, die Schminktische, auf denen eine Ankleiderin ihr Kostüm bereitlegte, an einer Stecknadel ein Zettel: CLÉO.“ Für die Anarchistin Lafon ist Programm, dass alle Tanzformen nebeneinanderstehen, die nackende Nummernrevue gleichauf mit dem Ballett.

Die Stiftung Galatée ist erfunden, der Kern von „Komplizinnen“ eine Versuchsanordnung. Lafon, deren Romane sowohl Leistungssport als auch Vergewaltigung schon thematisiert hatten, konstruiert sie moralisch und psychologisch spannend. Zwei Punkte sind dafür essenziell. Erstens taucht Lafon ihre Hauptfigur ins Zwielicht: Cléo hat Cathy Mitschülerinnen zugeführt, dafür materielle Gegenleistungen und soziales Prestige erhalten. Natürlich handelt es sich um eine weitere Form des Missbrauchs, wenn eine Dreizehnjährige derart instrumentalisiert wird – aber das entspricht nicht ihrem eigenen Erleben. Auch weil sie von keiner Not getrieben war, schätzt Cléo sich noch als Erwachsene als Handelnde und Schuldige ein – der Fall „eines schlechten Opfers“. Dem Viktimologenkitsch macht Lafon einen Strich durch die Rechnung.

Zweitens seziert Lafon das Verhalten der Familien. Bettys Sippe, die den viel zu alten Liebhaber ihrer viel zu jungen Tochter aus Ehrgeiz akzeptiert hatte, liefert das Paradebeispiel: „Alle Familien kannten die Anleitung zu diesem Prozess des Bleichens: War ein Wort zu grell, so tauchte man es in ein Leugnungsbad, bis nur noch seine Kontur übrig blieb, die Kontur eines Verlobten.“ Die Verdrängungsmechanismen nimmt Lafon treff­sicher auseinander: „Und die ständige Sorge um Betty-ohne-Zukunft überdeckte die Frage, die Betty-aus-der-Vergangenheit stellte. Betty, die alle ermuntert hatten, in ihre Zukunft hinauszugaloppieren wie ein kleines mechanisches Blechpferd.“

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Als Eindruck bleiben: Frauenfiguren, „mit dem gestärkten Bubikragen“ und dem „Plappern eines kleinen Mädchens“ (Betty) oder einem „Mädchengesicht von königlicher Sanftheit“ (Cléo), eine verstörende Mischung aus Ekel, Zweifel und Tanzrausch, der versöhnliche Ausblick, als die gealterten Mädchen zu­einanderfinden, und eine herausfordernde Lektüre jenseits der Komfortzone.

Lola Lafon: „Komplizinnen“. Roman. Aus dem Französischen von Elsbeth Ranke. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2021. 288 S., geb., 22 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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