Essays von Lukas Bärfuss

Kopfhörer hält er für Kriegsgerät

Von Jan Wiele
17.01.2021
, 23:13
Es gibt nichts Traurigeres als Menschen, die sich absondern: In seinem dritten Essayband fordert Lukas Bärfuss Solidarität und verbindliche Maßstäbe – auch für die Literatur.

Wenn man gerade erst die lässigen neuen Essays von Michel Houellebecq gelesen hat, wirken die von Lukas Bärfuss dagegen sehr ernst. Der Schweizer, der 2019 mit dem Büchnerpreis ausgezeichnet wurde, hat schon vielfach gezeigt, wie ernst er das Engagement des Schriftstellers nimmt, in einem Interview hat er etwa gesagt: „Für mich ist es eine Anomalie, Literatur nicht als politisch zu begreifen.“

Deutlicher denn je wird in diesem, seinem dritten Essayband, dass Bärfuss das Ideal eines Schriftstellers als eines guten, vorbildlichen Menschen anstrebt. Aus dem Titel des Bandes, „Die Krone der Schöpfung“, mag man Sarkasmus angesichts der heutigen Menschheit, vielleicht aber auch einen Appell an diese herauslesen, ihrer Spitzenrolle gerecht zu werden. So jedenfalls kann man den Schluss eines Essays darin über Natur und Kultur verstehen, der, „statt den Menschen zu dämonisieren“, dessen Solidarität, Mitgefühl und „Sehnsucht nach einer globalen Gerechtigkeit“ beschwört.

Strebt er einen neuen Sozialistischen Realismus an?

„Wir müssen auf unsere Redlichkeit bestehen, als Schriftsteller, als Historiker, als Menschen“, sagt Bärfuss. Die jüngst wieder aufgeflammte Debatte über die sprachliche Darstellung von Wahrheit, die für manche gerade in eine puritanisch anmutende Ablehnung der Fiktion mündet, rollt Bärfuss noch einmal grundsätzlich auf, um zu dem Schluss zu kommen, dass alle Abgrenzungsversuche zwischen Fakt und Fiktion, Literatur und Geschichtswissenschaft „nutzlos“ seien. „Jede Empfindung für Wahrheit und Wirklichkeit bedarf nicht zuerst des Wissens, sie bedarf des Vertrauens.“ Dieses Vertrauen müsse der Schriftsteller durch Glaubwürdigkeit gewinnen. Sie erwartet Bärfuss nicht nur von „Individuen und Institutionen“, sondern auch von deren Werken.

Das führt bei ihm zu einem Wunsch nach Literatur, die ausdrücklich ihre eigene Gemachtheit herausstellt, statt „Nahtstellen zu kaschieren“. In der Ablehnung des Fabulierens und Dramatisierens erinnert seine Kritik an die nouveaux romanciers oder Peter Handke; in der Ablehnung des psychologisierenden Erzählens an Alfred Döblin und die Neue Sachlichkeit. Manchmal allerdings fragt man sich hier, ob Bärfuss vielleicht am ehesten einen neuen Sozialistischen Realismus anstrebt. In der gegenwärtigen Belletristik sieht er eine Flucht ins Ungefähre, in die psychologische Einfühlung, die er als manieristisch und obsolet empfindet, da ja niemand ein anderes Bewusstsein als das eigene kennen könne.

Große Moralisten

Bärfuss’ Positionen sind teils radikale. So radikal, wie er das psychologisierende Erzählen als bürgerlichen, spätkapitalistischen Müll kritisiert, geißelt er auch dessen technische Erscheinungsformen wie Smartphones oder Kopfhörer, weil sie der Vereinzelung dienen: „Vieles ist traurig, aber nichts ist so traurig wie ein Mann in seinen besten Jahren mit einem Noise-Cancelling-Kopfhörer auf den Ohren.“ Wer so etwas für milde Ironie hält, unterschätzt, wie furchtlos Bärfuss von einem solchen Satz zu dem Schluss gelangt, diese Kopfhörer seien eigentlich Kriegsgerät, ihre Träger mithin Soldaten, also gefährlich.

So verschieden Lukas Bärfuss und Michel Houellebecq, um diese Klammer zu schließen, in ästhetischer Hinsicht sein mögen, haben sie weltanschaulich eines gemeinsam: Beide sind im Grunde große Moralisten. Während der Franzose der reinen Liebe hinterhertrauert, sehnt sich der Schweizer nach ethisch verbindlichen Maßstäben, die auch in der Literatur sichtbar werden. Das zeigt sich nicht zuletzt an seinem Wunsch nach einem Kanon, für den er in einem gegenwȁrtigen intellektuellen Klima, das alles Kanonische oder überhaupt die Bewertung der Literatur nach Qualitätskriterien schon naserümpfend betrachtet, mutig eintritt: Er tut das am Beispiel der Schweiz, wo es zu seinem Bedauern keinerlei verbindlichen Lehrplan für Literatur mehr gebe, und wiederum aus Motiven der Solidarität: „damit nicht jeder für sich alleine liest“. Bärfuss’ Kritik hat dabei, weit über die Schweiz hinausreichend, universalen Anspruch: „Bis jetzt wird der Kanon des digitalen Zeitalters nicht durch Argumente und offene Diskurse, sondern durch Manipulation und Algorithmen entwickelt.“ Könnte man mal drüber nachdenken.

Lukas Bärfuss: „Die Krone der Schöpfung“. Essays. Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 174 S., geb., 20,– €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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