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Romandebüt von Marina Frenk

Vom Selbstverlust

Von Oliver Jungen
Aktualisiert am 04.04.2020
 - 22:14
Marina Frenk
Systeme sind Chimären, ihre Folgen nicht: Marina Frenks beeindruckend elegantes Romandebüt erzählt von der Migration als Lebenslauf des Nichtankommens.

Echte Dionysiker sind selten, und vermutlich ist das gut so. Unsere Künstler, zumal die jungen wilden, pilgern doch meist brav zum Tempel des Apoll. Ihre Weihe empfangen sie im Zeichen des „Gnothi seauton“ – und auch daran ist nichts falsch: „Erkenne dich selbst“ als Grundlage für alles weitere Erkennen. Allerdings führte dieses in der Autorenausbildung stark geförderte Credo zu zahllosen Selbstbeschau-Debüts, in denen leicht verfremdete Alter Egos der Autoren deren kaum je wirklich dramatische Kindheiten nachspielen. Aus der Flut solcher Erinnerungsbücher ohne übergroßen Erkenntnisgehalt ragt jetzt jedoch – und selten genug – ein lebensgeschichtlich inspirierter Roman heraus, der das hier durchaus abenteuerliche Private elegant mit dem Großen und Grundsätzlichen zu verbinden weiß, mit der langen Ära des Nationalwahns und der seit je virulenten Heimatfrage. Apollinisch erzählt ist auch dies, formgebunden, nicht entgrenzt, aber dennoch offen zum Poetischen hin, das wiederum als Abwehrzauber gegen dionysisch tanzende Dämonen fungiert.

Stilistisch bewundernswert schreibt sich die in Moldau geborene Autorin (und Schauspielerin und Musikerin) Marina Frenk anhand ihrer eigenen Migrationsgeschichte an die alle Zugehörigkeiten kalt zermalmende Gewalt der jüngeren, fatal von Systemen, Nationalitäten und Rassen faszinierten Geschichte heran. Und das geschieht so spielerisch und leichtfüßig, dass wir es zunächst kaum bemerken, weil wir gebannt die höchst gegenwärtige Erzählung über die junge Berliner Malerin Kira – sie entstammt wie die Autorin einer russisch-jüdischen Familie aus Moldau – verfolgen. Es mag Ursache oder Folge von Kiras depressiver Veranlagung sein, dass sie in einer unglücklichen, sprachlos gewordenen Beziehung zu Marc lebt, dem Vater des gemeinsamen Kinds Karl. Jedenfalls richtet sie sich in ihrer Mutterschaft ein und schämt sich angesichts von Flüchtlingen, die „an den Grenzen in Käfigen sitzen“, angesichts von in Goldfolie gewickelten Kindern, deren Eltern gefoltert oder vergewaltigt wurden, des Luxusproblems, sich im reichen Deutschland nicht mehr spüren zu können.

Auch als Malerin fühlt sich die Protagonistin gescheitert, gibt nur noch Malstunden für Kinder. Dabei waren ihre Bilder, oft Familienporträts, eine kurze Zeit lang gefragt gewesen, auch wenn die Käufer kaum ahnten, dass die vielleicht wichtigste Aufgabe dieser Bilder darin bestand, die in ihrem Innere tobenden Stimmen zu besänftigen. Diese Stimmen, sie stammen von Kiras mehrfach entwurzelter Familie, gelten ihr zugleich als Warnung vor allem naiven Heimischwerden. Die Szenen vom plötzlichen Aufbruch, von der Flucht nur mit dem Notwendigsten und unter Zurücklassung der Alten und der eigenen Leichtigkeit ähneln sich in ihrer Vorstellung auffällig: ob es nun 1941 in Bessarabien den Deutschen und Rumänen zu entkommen galt oder 1993 dem aus sowjetischer Hand entlassenen, russisch-jüdische Einwohner drangsalierenden Moldau. Die Reihe geht weiter.

Zu den raffiniert strukturierten Rückblicken der Ich-Erzählerin auf ihr Leben – dramatische Ausreise, Ankunft im Ruhrgebiet, der Weg zur Malerei, eine erste Beziehung samt traumatischer Fehlgeburt, das Finden einer guten Freundin, das kurze Liebesglück mit Marc, das übermächtig werdende Gefühl der Einsamkeit – treten Imaginationen über die Erlebnisse ihrer Vorfahren. Beides verbindet sich zu einer Reflexion über das Verlorengehen zwischen den Identitäten.

Schwerer werden, leichter sein

Angekommen in der gelobten Europäischen Union, muss die Heldin feststellen, dass sie die Diaspora mitgeschleppt hat, die Traumata des Faschismus und des gescheiterten Kommunismus: „Ich habe keine Nationalität und keine Heimat, weil meine Wurzeln in der Besatzung eines politischen Systems liegen, und Systeme sind erfunden, irgendwann immer vorbei und dann gar nicht mehr wahr.“ Sowjetisch, das ist mit einem Mal nur noch Chimäre, keine adressierbare Herkunft mehr. In der jüdischen Gemeinde von New York, in Israel oder der Republik Moldau fühlt sich Kira ebenfalls fremd. Es bleibt ihr nur die Familienerinnerung. So malt sie alte Fotos ab, belebt sie mit Öl und Nostalgie.

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„Schwerer werden, leichter sein“, die zum Motto erkorene Gedichtzeile von Paul Celan, trifft exakt die dunkle Gestimmtheit dieses Lebens, das zum Leichten nur findet, wo es durch die Seinsschwere hindurchgegangen ist, also nur zum höchsten Preis – was der deutsche Partner nicht versteht. Marc, der sein „osteuropäisches Biest“ liebt, wirkt geheimnislos in allem, was kein Kompliment ist: „Die durchsichtigen Tropfen färben sich schwarz wie der Schuh . . . Durchsichtigkeit kann eben alles werden, sie ist rückgratlos und glasklar.“ Ihr Sohn wiederum spürt, dass in Kira etwas zerbrochen ist. Weil sie gelernt hat, dass Flucht nichts löst, wählt sie das Ertragen: „Ich bin zu kleingeistig für Suizid, das wäre ja schon fast pathetisch, wie meine beschissenen Bilder. Außerdem braucht Karl mich.“

Wie stark die Heldin dabei eigentlich ist, wird erst mit der Zeit bemerkbar, in dem Maße nämlich, in dem sie uns als Künstlerin entgegentritt. Was Marc, der auf seine journalistische Verantwortung gegenüber der Wahrheit pocht, ihr nur halb im Scherz vorhält – als Künstlerin (respektive Hexe) könne sie sich einfach „etwas ausdenken“, etwa den Krieg in Moldau –, das wirkt hier in der Tat als poetologisches Prinzip, indem die Erzählerin sich bildreich in ihre Vorfahren hineinversetzt: „Bei uns Hexen ist das ganz einfach.“ Dabei löst sie sich aber mehr und mehr von der Vorlage, taucht in die eigenen Ängste ab und führt schließlich in einem erschütternden Tableau mehrere Generationen ihrer Familie – inklusive SS-Männern wie Marcs Großvater – in einem Frachtwaggon zusammen: ein Transport ins Ungewisse. Im Unterbewussten wütet der Faschismus noch.

Der Clou daran ist, dass diese historisch freihändige Wort-Malerei hier angemessener wirkt als jede faktengenaue Historiographie, weil es nicht die politische Geschichte ist, die Kira – und wohl die meisten Entwurzelten – bedrückt, sondern deren psychische Folgen. Für den einzelnen Menschen zählen Hoffnung, Glück und Schmerz, und es zählen die weitergegebenen Erinnerungen an diese drei. Jahreszahlen sind da egal: „Chronologie ist erfunden, es gibt keine. Sie ist eine Lüge, wie alle Systeme.“ Marina Frenk hat ein kluges, wundervoll poetisches und dabei ganz unprätentiöses Buch über das Akkumulieren von Erinnerungen geschrieben: Als Bollwerk gegen die Fremdheit gedacht, können sie sich in ein Verlies für die eigene Einsamkeit verwandeln. Es ist ein hochaktuelles Buch über die Heimatsuche, das Migration mutig als Nichtankommen behandelt und trotzdem nicht in der Hoffnungslosigkeit versinkt. Beim Apoll, hier hat jemand sich und mehr erkannt.

Marina Frenk: „Ewig her und gar nicht wahr“. Roman. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2020. 240 S., geb., 22,– €.

Quelle: F.A.Z.
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