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Meilen zu gehen

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Erst als Robert Frost 1915 nach drei Jahren England in die Vereinigten Staaten zurückkehrte, bemerkte er, daß er dort inzwischen berühmt geworden war. Ihm fiel "The New Republic" in die Hand: "Mein Name starrte mich von der Titelseite an. Zwei Spalten waren über mich." Die vorübergehende Auswanderung des gescheiterten Farmers und erfolglosen Poeten hatte sich gelohnt. In England hatte der fast Vierzigjährige 1913 für sein erstes Gedichtbuch einen Verleger gefunden. Frosts zweites Buch, "North of Boston", das ein Jahr später erschien, erhielt sogleich glänzende Rezensionen. Die Lyrikerin Amy Lowell sorgte dafür, daß Frost auch in Amerika bekannt wurde. Ezra Pound, damals das Londoner Haupt der amerikanischen Avantgarde, schrieb hellsichtig: "Was er zu sagen hat, bleibt im Gedächtnis haften - nicht der Wortlaut, nicht der Tonfall, aber die Sache." Es war der Anfang einer glänzenden und, wie es schien, ungetrübten Karriere.

Zehn Jahre nach seinem Debüt erhielt Frost für den Band "New Hampshire" den Pulitzer-Preis. Drei weitere Pulitzer-Preise sollten folgen. Dazu, 1963, im Jahr seines Todes, der ebenso renommierte Bollingen-Preis. Hinzu kamen die Ehrendoktorate verschiedener Universitäten, der Titel des Poeta laureatus oder die Ehre, bei John F. Kennedys Amtsübernahme 1961 eines seiner Gedichte zu sprechen. Dabei war Frost alles andere als ein akademischer Dichter. Seine Lesungen waren überfüllt, er war wirklich populär, ein Dichter für alle. Es mußte der Kritiker Lionel Trilling kommen, der an Frosts 85. Geburtstag auf die versteckte Problematik, die dunklere Seite der scheinbar schlichten und eingängigen Gedichte aufmerksam machte.

Frosts Leben liefert zu dieser Deutung mehr als genug Material. Schlimmer: es erweist sich als eine kaum unterbrochene Folge privater Tragödien. Ein erster Sohn stirbt vierjährig an der Cholera, Frosts Frau Elinor verfällt in Depression, seine Mutter stirbt an Krebs. Im Jahr 1907 verlieren die Frosts ein Töchterchen, drei Tage nach der Geburt. Frosts Schwester Jeanie stirbt 1929 in der Irrenanstalt, seine Tochter Marjorie, lange tuberkulosekrank, 1934 an Kindbettfieber. 1938 stirbt seine Frau an Herzversagen, zwei Jahre später erschießt sich der Sohn Carol, der schon lange unter Depressionen litt. 1947 schließlich muß Frost auch seine erstgeborene Tochter Irma in eine Anstalt einweisen lassen. "Was ich über das Leben gelernt habe", schreibt Frost stoisch, "kann ich in drei Wörter fassen: Es geht weiter."

Frost, oft als bukolischer Dichter, als Nachfolger Theokrits und Vergils, Wordsworth' und Thoreaus gefeiert, hat die Tragödien seines privaten Lebens zu objektivieren vermocht. "Heimbegräbnis" schildert den Hader zwischen zwei Eheleuten, die mit dem Tod ihres Kindes nicht zu Rande kommen. Das Gedicht "Im Dienst der Arbeiter" zeigt Frosts Angst vor dem Erbe einer Geisteskrankheit. Er legt sie einem weiblichen Ich in den Mund: "Ich habe Macken - nun, das liegt in der Familie."

Wo es um Schmerz oder Destruktion geht, spricht der Dichter durch Masken. Das Leben, wie es viele dieser Gedichte zeigen, ist schwer, aber es ist das beste, das seine Figuren sich vorstellen können. "Er hat ihre Tragik für Tragik und ihren Eigensinn für Eigensinn genommen", schrieb Pound, der das Extravagante dem Alltäglichen vorzog. Mit leichtem Degout, aber untrüglicher Sensibilität kommentierte er: "Frosts Personen sind unverkennbar echt. Ihre Sprache ist echt, er hat sie alle gekannt. Ich verspüre keine große Lust, ihnen zu begegnen."

Frosts Leser dürften von seiner biographischen Tragik wenig gewußt oder erfahren haben. Sie mögen sich an des Dichters Satz gehalten haben, wonach ein Gedicht "fröhlich beginnen und in Weisheit enden" solle. Sie schätzten Frost als Sänger des Landlebens, als puritanischen Konservativen, auch als Antipoden zur lyrischen Moderne. Frost ist kein Dichter der Pastorale, sentimentale Verklärung der Natur ist ihm fremd. Er war schließlich Farmer, mehrfach und für längere Zeit, auch wenn er sich selbst als schlechten Landwirt sah. Er blickt mit etwas Neid auf Existenzen, die freier scheinen, etwa den Harzsammler, der ihm die "Klumpen voller Duft wie rohe Edelsteine" vorzeigt: "Da rühmte ich sein schönes Leben."

Der Farmer Frost aber weiß, daß er vom Markt abhängt und auch von der Erschließung der Landschaft. Er besingt nicht, wie Wilhelm Lehmann, den Grünen Gott. Er besingt "The Line-Gang", den Kabeltrupp, der in die Wildnis den Lebensfaden einer Telefonleitung bringt. Aber er akzeptiert auch die Wildnis, wenn sie das Zivilisatorische zurücknimmt, etwa eine aufgelassene Farm.

Frosts Stärke liegt in seinen Langgedichten, in ihrer präzisen Deskription, der Einfühlung in die Figuren. Anthologiemäßigen Ruhm genießen einige seiner kürzeren Stücke wie "The Road Not Taken" oder "Stopping by Woods on an Snowy Evening". Auch diese Gedichte, die reine Lyrik scheinen, verweisen in ihrem Anspielungsreichtum auf die existentiellen Probleme ihres Verfassers. "Der Weg, den ich nicht nahm" gibt dem alten Motiv vom Scheideweg einen neuen Akzent: "Ich nahm dann den, der kaum begangen war." "Rast am Wald an einem verschneiten Abend" endet mit den berühmt gewordenen Zeilen:

The woods are lovely, dark, and deep,

But I have promises to keep,

And miles to go before I sleep,

And miles to go before I sleep.

Wir sind gebannt von der Musik der Verse, auch wenn wir nicht erfahren, was den Sprecher an dem verschneiten Wald fasziniert, noch um welche Versprechen es sich handelt. Frost ist alles andere als ein naiver Poet. Er ist ein Kenner der Tradition, ein Meister der verborgenen Bezüge, ein Meister auch von Versbau und Reim, deren scheinbare Simplizität er raffiniert behandelt. Frost verstand es, seine Modernität in tradierten Mustern zu verstecken. Pound hätte ihn aber trotzdem gern zum vers libre überredet. Frost hielt dagegen: "Da könnte ich ebensogut Tennis ohne Netz spielen." Diese nicht aufgesetzte Modernität, die sich am alltäglichen Sprechen orientiert ("all folk speech is musical"), wirkt immer noch aktuell. Nicht umsonst hat Joseph Brodsky einen großen Essay über Frost geschrieben.

In Deutschland hat es seit den fünfziger Jahren Versuche gegeben, Frost bekannt zu machen, ja einzubürgern. Unter anderem haben Wilhelm Lehmann und Paul Celan einzelne Gedichte übertragen. Der neue Versuch, den Lars Vollert jetzt mit seiner Auswahl unternimmt, kommt zur rechten Zeit und verdient es, weite Beachtung zu finden. Vollert bringt Frosts schönste und wichtigste Gedichte und läßt das blasse, weitgehend meditative Spätwerk beiseite. Er hält sich weitgehend ans Metrum, etwa an den Blankvers, verzichtet aber fast durchweg auf den Reim. Eine richtige Entscheidung, und doch auch ein schmerzlicher Verlust. Und so hat es den Übersetzer wohl gejuckt, auch ein paar gereimte Versionen zu versuchen. Fünf Texte erscheinen in beiderlei Gestalt. Der Leser hat das Vergnügen des Vergleichens. Etwa beim Schluß von "Stopping by Woods on an Snowy Evening":

Der Wald ist lieblich, schwarz und tief,

doch ich muß tun, was ich versprach,

und Meilen gehn, bevor ich schlaf,

und Meilen gehn, bevor ich schlaf.

Wem das zu nüchtern und bar jeder Magie scheint, lese die gereimte Version:

Der Wald ist schwarz und lieblich nun.

Was ich versprochen, muß ich tun,

und Meilen gehn, dann kann ich ruhn,

und Meilen gehn, dann kann ich ruhn.

Ist das nun die Quadratur des Kreises? Wird der Reimklang nicht durch einen recht konventionellen Duktus erkauft? Wie immer: Der Leser hat zum Vergleich die englischsprachigen Originale in dieser sorgfältig und schön gemachten Ausgabe. Frost hatte gehofft, manche seiner Gedichte würde der Leser nicht so bald loswerden. Hier gibt es sie.

Robert Frost: "Promises to keep / Poems - Gedichte". Aus dem Amerikanischen übersetzt und mit einem Nachwort von Lars Vollert. Verlag Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München 2002. 158 S, br., 14,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.01.2003, Nr. 21 / Seite 46
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