Michael Krüger: Ins Reine

Draußen sind wir zu finden

Von Friedmar Apel
23.09.2010
, 16:45
Gleiche Gewichte: Michael Krüger möchte durch seinen neuen Gedichtband mit sich und der Welt ins Reine kommen. Er beharrt gegen die technologische Ratio auf der Bedeutung des Sichtbaren und liest in der Natur.

Die Metapher der Lesbarkeit der Welt hat Hans Blumenberg zufolge in der Moderne kritisches Potential freigesetzt, weil sie unwillkürlich mit dem Wunsch verbunden ist, die sichtbare Welt möge mehr Bedeutung für den Menschen zeigen, als vernünftigerweise von ihr erwartet werden kann. Schon bei Charles Baudelaire zeigt sich die widersprüchliche Angewiesenheit des modernen lyrischen Subjekts auf die Anschauung der Natur. Ihre nichtmenschliche Sprache scheint stumm und soll doch mit menschlichen Mitteln zum Ausdruck kommen, um der Zerstörung des Herzens im naturbeherrschenden Fortschritt durch Eingedenken des Verlorenen zu trotzen.

Auch das Ich, dass in Michael Krügers neuem Gedichtband mit sich und der Welt ins Reine kommen möchte, beharrt gegen die technologische Ratio auf der Bedeutung des Sichtbaren. „Wieder lese ich, gegen meinen Willen, / von der Gleichgültigkeit der Natur / und stürze in den zerzausten Garten, / um mich, mit den Vögeln, / in Zorn und Rage zu reden.“ Wie ein moderner Franziskus sucht es die Kontemplation im Gespräch mit den Gefiederten. Auch Baudelaires einsamer Dichter erblickte im Vogelflug die Freiheit der Gedanken und verglich sich mit dem Albatros, der am Boden unbeholfen und von den Menschen verspottet im Blau des Himmels zum König wird. Ähnlich hält es Michael Krüger gegen deren schlechten Ruf mit den Krähen. „Es mag Ihnen seltsam vorkommen, / aber auch Krähen haben ein Herz.“

Wir pochen auf das Sichtbare

Die Erinnerung an die Krähen von Corbara, die dem menschlichen Zuschauer „über der Steilklippe das Gleichgewicht der Welt“ demonstrieren, stellt sich nicht zufällig bei der Frage ein, welche Welt man einst zu haben können glaubte, in der Reflexion über die unleserlicher werdenden lebensgeschichtlichen Wunschzettel, „wenn man einsehen muss, / dass der eingeschlagene Weg den Verzicht / auf alle anderen Wege bedeutet“. Die Erfahrung der Natur aber vermittelt nach der Hoffnung des Subjekts eine Kraft, welche „die vielen Worte für Unglück“ vertreibt. Diese Kraft aber stellt sich erst im energischen Schauen und der Verständigung mit der Bewegung des Meeres ein: „Wir pochen auf das Sichtbare.“

In einer beharrlichen Kultur des Auges wird die Welt gegen die wissenschaftlichen Vorurteile und jenseits des Begrifflichen wieder lesbar, aber nur für flüchtige Momente. Die Wellen „führen Buchstaben mit sich, / die ein Wort formen wollten“. Das aber ist bei Krüger keine nostalgische Rückkehr zu einer zukunftsfreudigen romantischen Poetik. Die Antworten der Dinge fügen sich nicht zur Anschauung eines Ganzen der Erfahrbarkeit. „Deshalb wenig Zukunft, / auch wenn der Vogelflug anderes verheißt.“ Kein Gott wird sich zeigen, um Erbarmen zu fordern „für den Glanz auf den Dingen“. Das ist dem Dichter aufgegeben im Bewusstsein der Vergeblichkeit. Bald werden ihm die Worte fehlen für das Licht. Bis dahin aber gilt es anfällig zu bleiben „wie der bleiche Bach, / der sich ständig erneuert / in einer anderen Sprache“.

Auf der Höhe seiner Kunst

Den verlorenen Schlüssel zur Natur, den Code ihrer Entzifferung mögen die Vögel kennen, für den Menschen ist er unwiederbringlich. „Und das Licht kann nicht siegen, wenn das Geheimnis verbraucht ist.“ Die Dinge enthalten die Lebensgeschichte, aber sie auszulegen, ins Geschick zu bringen, wie Michael Krügers Vor-Leser Johann Georg Hamann gegen die aufklärerische Zweckrationalität forderte, gelingt nicht dauerhaft, der Zusammenhang von Reden und Sehen scheint durchtrennt.

Michaels Krügers neue Gedichte fügen sich zu einer großen Elegie auf die schwindende Sichtbarkeit der Welt, die gebrochen, aber nicht resignativ an eine große Tradition der Naturlyrik anknüpft, sich aber zugleich immer wieder als eine sehr persönliche Klage um versäumtes Leben darstellt. „Ins Reine“ zeigt den Lyriker auf der Höhe seiner Kunst. Die aber strebt nicht zu eisigen Gipfeln, sondern zielt nur so hoch, wie die Vögel fliegen. Aufmerksame Naturbetrachtung erscheint darin als ein Mittel der Distanzierung von der beschleunigten Welt, in der wie immer flüchtig und melancholisch getönt Vorstellungen von gelingendem Leben aufscheinen, die dem Leser zu Herzen gehen.

Michael Krüger: „Ins Reine“. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 120 S., geb., 16,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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