Mit Fremden reden? Nie!

21.03.2007
, 12:00
Eigentlich hat es Ulf gut. Er ist sechs, die Eltern gehen sonntags miteinander spazieren, und das eröffnet dem Spieltrieb kleiner Jungen jede Menge Möglichkeiten. Vater hat eine Zahnarztpraxis, wo man mit dem Bohrer prima Seifestücke gravieren kann. Außerdem hat Ulf ein braunes Fahrrad. Es macht ...
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Eigentlich hat es Ulf gut. Er ist sechs, die Eltern gehen sonntags miteinander spazieren, und das eröffnet dem Spieltrieb kleiner Jungen jede Menge Möglichkeiten. Vater hat eine Zahnarztpraxis, wo man mit dem Bohrer prima Seifestücke gravieren kann. Außerdem hat Ulf ein braunes Fahrrad. Es macht ihm auch nichts aus, dass er das Rad nur von seinem großen Bruder Jan geerbt hat, als der ein neues bekam, denn wie wunderbar man damit herumflitzen kann, ist ein wesentliches Thema in "Super-Ulf", Ulf Starks entfesseltem Jugendbuch über einen Sonntag zwischen Verbot und Ausbruch.

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An diesem Tag nämlich, die Eltern schicken sich bereits zum Gehen, ist der große Bruder ausgesprochen fies zu Ulf. Das mag an Jans lächerlich aerodynamischem Fahrradhelm liegen, mit dem er sich besonders wichtig vorkommt - oder an seinem doofen Freund Nils und dessen ähnlich bescheuertem Fahrradhelm. Jedenfalls wollen die beiden ihn nicht mitnehmen, um das große Radrennen anzusehen.

Aber da wissen sie nicht, dass sie es eigentlich mit Super-Ulf zu tun haben. Und der nimmt diesen öden Sonntag nun in die eigene Hand. Eine turbulente, von Markus Majaluoma liebevoll illustrierte Geschichte beginnt. Dabei verirrt sich der "Wunderjunge" (so der schwedische Originaltitel) Ulf, muss ständig Versuchungen widerstehen, gerät von einem Abweg zum nächsten, nur um am Ende in den Armen des Vaters eine überraschende Apotheose zu erleben.

All das ist rasant und witzig, es eignet sich zum Vorlesen wie zur stillen Lektüre, es ist aber noch mehr: Der Autor bringt das Kunststück fertig, das heikle Thema des notwendigen Verbots, mit Fremden zu sprechen oder gar etwas von ihnen anzunehmen, ernsthaft zu verhandeln, ohne es mit der zugrundeliegenden Gefahr zu illustrieren. Ulf jedenfalls, dem aus seiner Heimatstadt plötzlich ein wahres Labyrinth erwächst, in dem jeder Orientierungsversuch auf lächerliche Weise zum Scheitern verurteilt ist, Ulf presst auch in der höchsten Not entschieden die Lippen aufeinander, wenn er von dem anscheinend freundlichen Fremden nach seinem Namen und seiner Adresse gefragt wird.

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Dass ihn sein Vater dann abholt und kräftig herzt, ist nur gerecht. Und absolut verständlich.

ULF VON RAUCHHAUPT

Ulf Stark: "Super-Ulf". Aus dem Schwedischen übersetzt von Birgitta Kicherer. Illustriert von Markus Majaluoma. Carlsen Verlag, Hamburg 2007. 48 S., geb., 8,90 [Euro]. Ab 5 J.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2007, Nr. 68 / Seite L12
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