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Bücher über Irmgard Keun

So mit Beinen und viel Haut um sich

Von Rose-Maria Gropp
16.01.2022
, 22:06
Idealbild der neuen Frau aus der Weimarer Republik: Irmgard Keun, fotografiert um 1932. Bild: Abb. a. d. bspr. B.
Einmal Bildband, einmal Briefausgabe: Michael Bienert erweist sich mit über „Man lebt von einem Tag zum andern“ und „Das kunstseidene Berlin“, zwei ihr gewidmeten Büchern, als idealer Nachlebenverwalter von Irmgard Keun.
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Geboren wurde Irmgard Keun 1905, in eine wohlhabende gutbürgerliche Familie in Char­lottenburg, das damals noch nicht ins große Berlin eingegliedert war. Im Jahr 1913 zieht die Familie nach Köln um, weil der Vater dort Teilhaber einer Raffinerie wird. Nach dem Abschluss an einem Mädchenlyzeum arbeitet sie zunächst als Stenotypistin; sie will eigentlich Schauspielerin werden, was nicht gut gelingt, und wendet sich dem Schreiben zu. Im Jahr 1931 kehrt sie nach Berlin zurück, um ihr Glück in der Metropole zu suchen – wie die Heldin ihres ersten Romans „Gilgi, eine von uns“, der Keun im selben Jahr als gänzlich unbekannter Autorin einen Überraschungserfolg beschert hat.

Es war dann in den Siebzigern, als Irmgard Keuns zwei frühe Romane, eben „Gilgi“ und „Das kunstseidene Mädchen“ von 1932, geradezu euphorisch wiederentdeckt wurden. Dass sie fortan in den germanistischen Seminaren der Universitäten durchgenommen wurden, verdankte sich nicht zuletzt dem neuen Feminismus, wie etwa auch das wiedererwachte Interesse an den Werken von Marieluise Fleißer. Damals lag hinter Keun ein steiniger Lebensweg, der sie zudem von 1966 bis 1972, vor allem wegen ihrer Alkoholsucht schon als junge Frau, in eine psychiatrische Klinik geführt hatte; danach lebte sie bis zu ihrem Tod 1982 wieder in Köln.

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Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten hatten die existenzbedrohlichen Probleme für sie begonnen, ihre Bücher wurden verboten. Sie war keine Jüdin, ihre Publikationen missfielen aber dem braunen Regime, dem sie couragiert entgegentrat; ihr Aufnahmeantrag in die Reichsschrifttumskammer wurde abgelehnt.

Irmgard Keun: „Man lebt von einem Tag zum andern“. Briefe 1935–1948. Hrsg. von Michael Bienert. Quintus Verlag, Berlin 2021. 176 S., geb., 24,– €. Bild: Quintus Verlag

Keun flüchtete sich 1936 ins belgische Ostende, wo ein Kreis von Exilanten sie aufnahm, zu dem Hermann Kesten, ­Stefan Zweig und Joseph Roth, der ihr Geliebter wurde, gehörten. Den Krieg überlebte sie als Untergetauchte in Deutschland, mit gefälschtem Pass und geschützt durch eine Falschmeldung in der Presse über ihren angeblichen Tod. Danach konnte sie nicht mehr Tritt fassen und kaum an alte Verbindungen anknüpfen, ihre weiteren Bücher blieben beinahe unbeachtet.

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Als Ideal der Zwanzigerjahre

Mit ihren Protagonistinnen Gilgi und Doris, dem „kunstseidenen Mädchen“, schuf Irmgard Keun zwei Vertreterinnen der viel beschworenen neuen Frau, wie sie die Zwanzigerjahre als Ideal entworfen hatten. Immer wieder ist auf deren Modernität, ihr Selbstbewusstsein verwiesen worden. Das ist allerdings bloß die halbe Wahrheit. Denn diese Einschätzung lässt die harten privaten wie beruflichen Niederlagen außer Acht, im Ringen um Eigenständigkeit, soziale Anerkennung und gesellschaftlichen Aufstieg. Beide werden Gilgi und Doris brutal ausgebremst in ihren Illusionen, scheitern an ihren Glücksvorstellungen. Sie sind als Identifikationsfiguren vielfach gebrochen. In dem schon 1980 erschienenen Essayband „Die Fröste der Freiheit“, der ein Zitat von Marieluise Fleißer aufnimmt, hat Gisela von Wy­socki über die Doppelgesichtigkeit jener Emanzipation geschrieben: „Denn die Befreiung der Frau zur weiblichen An­gestellten, die sich jetzt vorbereitet, gibt dem Leben eher einen dürftigen, vor allem funktionalen Zuschnitt.“ Das ist die andere Seite des Versuchs, sich aus der Abhängigkeit von den Männern zu befreien, aus eigener Kraft den erstrebten sozialen Ort zu finden.

Irmgard Keun, damals selbst nur wenig älter als ihre Protagonistinnen – sie machte sich fünf Jahre jünger, die längste Zeit galt 1910 als ihr Geburtsjahr –, hat dafür eine starke Sprache gefunden. Es ist ihr kühner kühler Stil, der sie als Autorin auszeichnet, der den hohen Reiz in den frühen Büchern ausmacht. Das reiht sie gegen Ende der Weimarer Zeit ein unter die „Asphaltliteraten“ – zunächst eine denunziatorische Be­zeichnung der Nationalsozialisten –, neben einem Alfred Döblin oder Erich Kästner. Mit gleich zwei Bänden, die Michael Bienert nun Irmgard Keun widmet, hat er genau diese Verletzlichkeit und Gebrochenheit, aber auch Widersetzlichkeit aufgespürt und erlebbar gemacht. Er folgt Keun mit Verständnis und erkennbarer Zuneigung, dabei keineswegs kritiklos.

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„Sehr egale Gesichter und viel Maulwurfspelze“

Unter dem Titel „Das kunstseidene Berlin“ sucht er Keuns Schauplätze in der Stadt auf, die realen, die so oft mit den literarischen Orten zusammenfallen. Es beginnt mit dem Kapitel „Dem Glanz auf der Spur“. Gemeint ist jener „Glanz“, zu dem Doris im „Kunstseidenen Mädchen“ selbst werden will. Wie die Frauen auf den Boulevards des Ber­liner Westens, die sie so erlebt: „Die gehen nur. Sie haben sehr egale Gesichter und viel Maulwurfpelze – also nicht ganz erste Klasse – aber doch schick – so mit Beinen und viel Hauch um sich.“ Im Zitat wird zugleich Keuns wirklich moderner elliptischer Stil sichtbar, ihre eigenständige Stimme auf der Grenze von Expressionismus und Neuer Sachlichkeit. Dafür steht auch das Adjektiv „kunstseiden“, das den Siegeszug von artificial silk, dem Glanzstoff jener Jahre, aufnimmt. Und es schwingt, darf man finden, der etwas unseriöse Beiklang von „halbseiden“ mit. Dass Doris selbst im ersten Teil des Romans einen Mantel aus grauem Eichhörnchenfell, „Feh“ genannt, stielt, um so ihren Ex-Freund zu beeindrucken, passt dazu.

Michael Bienert: „Das kunstseidene Berlin“. Irmgard Keuns literarische Schauplätze. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2020. 200 S., Abb., geb., 25,– €. Bild: Verlag für Berlin-Brandenburg

Entlang den Handlungssträngen der Romane entfaltet Bienert Irmgard Keuns Biographie, folgt ihr im Berlin von damals und heute. Die einzelnen Kapitel – „Kindheit im neuen Westen“, „Verbotene Liebe“ oder „Autorin ohne Ort“ – entfalten die äußere und innere Topographie der jungen Autorin: den frühen Ruhm, den jähen Absturz mit dem Beginn des nationalsozialistischen Aufstiegs, die Unbehaustheit im Deutschland nach dem Krieg. In den vielen Abbildungen, Fotografien und Stadtplänen, der Kinowerbung und den Zeitungsausschnitten verdichtet sich die Atmosphäre der nervösen Großstadt um sie herum, die sie schließlich ins Exil nach Belgien ans Meer verließ.

Im zweiten Band, der „Man lebt von einem Tag auf den anderen“ heißt, hat Bienert Briefe von und an Irmgard Keun aus den Jahren 1935 bis 1948 versammelt. Deren Inhalt ist sorgfältig annotiert. Ein eigener Text gilt den Adressaten und den teils komplizierten Verhältnissen, in denen sie zu Keun standen. Eine Entdeckung ist ihr Briefwechsel mit Franz Hammel, der sich später Franz Hammer nennen wird. Der junge Schriftsteller und Kritiker schrieb der aus der Ferne verehrten Autorin im Sommer 1935 einen ersten Brief. Sie kommen aus unterschiedlichen Milieus, aber sie findet Interesse an ihm, versucht ihm mit Ratschlägen zu helfen, wie er seine Erzählungen in Zeitungen und Zeitschriften unterbringen kann, sie tauschen Manuskripte und Artikel aus. Dabei bleibt sie stets darauf bedacht, dass ihr Selbstentwurf, in diesem Fall als hart arbeitende Schreiberin, gewahrt bleibt.

Überhaupt wird in solchen Briefen Keuns Hang zur Selbststilisierung deutlich, je nach Empfänger. Zu ihrer komplexen Persönlichkeit gehören Überspitzungen und Weglassungen, auch Heuche­leien bis hin zu Unwahrheiten. Sie hielt Kontakt zu ihrem seit 1937 von ihr geschiedenen Ehemann Johannes Tralow, einem geschmeidigen Anpasser, der in der DDR als Funktionär Karriere machen wird, wie auch zu ihrem Geliebten Arnold Strauss. Dem jüdischen Arzt war an der Charité gekündigt worden, und er lebte seit 1935 in Amerika; ihn ging sie immer wieder um finanzielle Hilfe an. Auch zwei Freundinnen wussten offenbar um Keuns prekäre Lebensumstände. Annemarie Schäfer unterstützte sie zeitweilig, kündigte ihr aber Anfang der Fünfzigerjahre die Freundschaft, weil der Alkohol sie menschlich zur Freundschaft unfähig gemacht habe.

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Unbenommen davon bleibt der literarische Rang besonders ihrer frühen Romane und Prosastücke. Kurt Tuchol­sky hatte Keun für „Das kunstseidene Mädchen“ als etwas gelobt, „was es noch niemals gegeben hat: Eine deutsche Humoristin“. Elfriede Jelinek bezeichnete sie 1980 in ihrer Laudation zum siebzigsten (eigentlich 75.) Geburtstag als eine „unerbittliche satirische Analytikerin“. Vor allem jedoch war Irmgard Keun eine moderne Frau, ergriffen von der Hitze und von den Frösten der Freiheit.

Irmgard Keun: „Man lebt von einem Tag zum andern“. Briefe 1935–1948. Hrsg. von Michael Bienert. Quintus Verlag, Berlin 2021. 176 S., geb., 24,– €.

Michael Bienert: „Das kunstseidene Berlin“. Irmgard Keuns literarische Schauplätze. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2020. 200 S., Abb., geb., 25,– €.

Quelle: F.A.Z.
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton.
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