Grey Owls „Pfade in der Wildnis“

Auge in Auge mit Bruder Biber

Von Kai Sina
10.04.2020
, 20:07
Jagen wollte er das Tier nicht mehr, nur noch nähren: Der Engländer Archibald Belaney legte sich eine neue Identität zu. Als vermeintlicher Angehöriger der amerikanischen Ureinwohner schrieb „Wäscha-kwonnesin“ etwa das Kinderbuch „Sajo und ihre Biber“.
Nature Writing und Männerphantasie: Er nannte sich „Grey Owl“ und gab vor, von den Apachen abzustammen. Nun erscheinen die „Pfade in der Wildnis“ des zivilisationsmüden Erfolgsautors erstmals vollständig auf Deutsch.
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Ein abenteuerliches Herz hatte dieser Archibald Belaney zweifellos: Geboren 1888 im englischen Hastings, flüchtet er sich aus einer traurigen Kindheit in Träumereien von Nordamerika, wilder Natur und „Indianern“. Als er siebzehn ist, werden diese Phantasien dann zur Realität: Der junge Mann setzt über nach Kanada, schließt sich einem erfahrenen Trapper an, wird zu einem geschickten Fallensteller und Pelztierjäger. Und erschafft sich eine neue Identität: Er sei der Sohn einer Apachen-Mutter und eines schottischen Vaters, behauptet er. Zwar führt ihn seine Teilnahme am Ersten Weltkrieg noch einmal zurück nach England und Europa. Nach seiner Rückkehr nach Kanada erteilt er der modernen Lebenswelt allerdings endgültig Absage.

In Anbetracht der zunehmenden wirtschaftlichen Erschließung des kanadischen Nordens und der damit einhergehenden Naturzerstörung erwacht Belaneys ökologisches Bewusstsein. Er gibt die Pelztierjagd auf und wird zum Naturschützer, Tierhüter – und Schriftsteller: Mit autobiographischen Werken wie „The Men of the Last Frontier“ von 1931 findet „Grey Owl“ – so der Name, unter dem er bekannt wird – ein riesiges Lesepublikum in Kanada, England und den Vereinigten Staaten. Geschwächt von ausgedehnten Vortragsreisen und jahrelangem Alkoholismus, stirbt er im Alter von fünfzig Jahren.

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Noch am Tag seines Todes wird seine wahre Identität, um die es schon lange Gerüchte gab, von der Presse enthüllt. Was darauf folgt, ist ein kollektiver Schock, der allerdings der Anerkennung für Belaney keinen größeren Abbruch tut: „Natürlich ist der Wert seiner Arbeit nicht gefährdet. Seine Errungenschaften als Schriftsteller und Naturforscher werden überleben“ – so gibt „The Ottawa Citizen“ damals den öffentlichen Tenor wieder.

Prosa für sich sprechen lassen

Über alle diese wichtigen Hintergründe, die in mancher Hinsicht an die Rollenspiele eines B. Traven denken lassen, informiert die nun vorliegende Übersetzung von „The Men of the Last Frontier“ nur äußerst knapp auf einem beiliegenden Zettel. Christian Döring, der Herausgeber der „Anderen Bibliothek“, will das Buch mit seiner „leidenschaftlichen Prosa“ eher für sich sprechen lassen, als eindringliches Beispiel für ein frühes „Nature Writing“. Belaneys Selbstverwandlung zu einem Repräsentanten der „First Nation“, die sich durchaus kritisch diskutieren ließe (Stichwort: kulturelle Appropriation), kommt demgegenüber nur beiläufig zur Sprache: Grey Owl „übernahm die Lebenskultur und Sprache derjenigen, die ihn adoptiert hatten“ – viel mehr Informationen werden den Lesern nicht an die Hand gegeben.

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Einen erläuternden Kommentar zu Belaneys „indianischer Erzählung von der Natur“ (so der Untertitel) vermisst man aber noch aus einem anderen Grund: Das Buch ist ein historisches Zeugnis, das einer kritischen Einordnung bedarf. So beklagt Grey Owl nicht allein die Verwüstungen der Natur durch Industrialisierung, sondern rechnet darüber hinaus mit der modernen Lebenswelt im Ganzen ab: Der „Stadtbewohner“ lebt aus seiner Sicht ein vollkommen entfremdetes, ein falsches Leben. Im Wald hingegen lerne der Mensch, sein Dasein „auf saubere, umfängliche Weise ... zu genießen“. Das ist der Sound des modernen Antimodernismus. Ähnliches klingt in der Überhöhung des Naturerlebnisses zum emphatischen Kriegserlebnis mit: Der Mann müsse im Wald zum „modernen Spartaner“ werden und sich einer Disziplin unterwerfen, „die so streng ist wie alles, was einem Soldaten abverlangt wird, denn er darf nicht zulassen, dass seine Gefühle jemals die Oberhand gewinnen“. Ja, die „Pfade in der Wildnis“ sind eine ausgedehnte, immer wieder in Pathos getränkte Männerphantasie, die deutschsprachige Leser mitunter an Ernst Jüngers Essay „Der Waldgang“ (1951) erinnern mag: Grey Owl beschwört mehr als nur einmal die „Härte“ eines „natürlichen, gesunden, ja beinahe ursprünglichen Lebens“.

Unbefangen lassen sich Belaneys Ausführungen eigentlich nur dort genießen, wo sie unter Verzicht auf weltanschauliche oder lebensphilosophische Überformungen von den Erfahrungen des Trapperlebens berichten. So liest sich das Kapitel „Der Pfad“ passagenweise wie ein solider, atmosphärisch starker Abenteuerroman: „Die Sterne verblassen im Osten, der Atem pfeift durch die Nasenlöcher wie Dampf ... Spuren im Schnee, jede davon eine Geschichte; zischende, schräg einfallende Schneemassen; das schnelle Klappern von Schneeschuhen auf unsichtbaren Pfaden in der Dunkelheit. Ein Stück Segeltuch, ein großes Feuer und ein Dach aus Qualm. Stille.“ An Stellen wie diesen wird unmittelbar ersichtlich, warum dieses Buch eine so ungemein starke Wirkung auf die zeitgenössische Leserschaft ausüben konnte.

Eindringlich lesen sich außerdem jene Passagen, in denen der Erzähler aus der genauen Beobachtung der Tierwelt intime Charakterstudien entwickelt. Die Tatsache, dass diese Passagen manchmal von vielleicht unfreiwilliger Komik sind, tut dem überhaupt keinen Abbruch: Das Stachelschwein sei der „dumme Cousin“ von Biber und Stinktier, schreibt Belaney. Es sei ihnen zwar äußerlich ähnlich, aber vermutlich nicht vor Ort gewesen, „als zwischen den beiden der Verstand verteilt wurde“. Seither tölpelt das Stachelschwein „ohne Rücksicht auf die eigene Sicherheit“ durch den Wald und frisst, was immer es zu fressen gibt. Durch solche einlässlichen und darin irgendwie anrührenden Beschreibungen der Tiere gelingt es Grey Owl zeitweise, ein Gefühl der persönlichen Vertrautheit zu erzeugen: Ah, er nun wieder, der Schneeschuhhase!

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Mit Anteilnahme nimmt man schließlich Belaneys sachliche Berichte über die zunehmende Ökonomisierung des Waldes zur Kenntnis. Besonders krass zeigt sich diese im „massenweisen Abschlachten“ der Biber für den Fellhandel, das zu gewaltsamen Konflikten zwischen den eindringenden „Männerhorden“ und den ansässigen „Indianern“ geführt habe: Für sie ist der Biber ein „heiliges Tier“, seine Tötung somit ein Frevel. Grey Owls spätere Entscheidung, von der Felljägerei abzulassen, die als dramatische Aug-in-Aug-Begegnung mit einem Biber inszeniert wird, ist also nicht zuletzt ein Akt der Solidarisierung und der Kapitalismuskritik.

Annäherung aus europäischer Perspektive

Gleich mehreren der Kapitel sind Zitate aus Henry Longfellows „Song of Hiawatha“ (1855) vorangestellt, einem epischen Gedicht, das vom Leben des legendären Mitbegründers und Anführers des Irokesenbundes erzählt. So unvoreingenommen sich Longfellow in seinem Gedicht der indigenen Lebenswelt annähert (dies betont auch Belaney in einem Exkurs), so unzweifelhaft bleibt seine Perspektive stets eine europäische. Dies zeigt sich gerade auch in formaler Hinsicht: Die ausgefallene Metrik des Gedichts ist dem „Kalevala“ entlehnt, dem Nationalepos der Finnen.

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Grey Owls wiederholte Bezüge auf Longfellows Gedicht legen offen, was unzweifelhaft auch für sein eigenes Buch gilt: Es ist das Werk eines Europäers, der sich der fremden Lebenswelt voller Empathie und Respekt öffnet – was ja beileibe nichts Geringes und gegen jede postkoloniale Kritik zu verteidigen ist. Zugleich verlässt Belaney nur selten die Vorstellungswelt und Bildsprache der sogenannten Alten Welt. Wie das Alter Ego „Grey Owl“, dessen Leben übrigens in einem Film von Richard Attenborough nacherzählt worden ist (mit Pierce Brosnan in der Hauptrolle), so sind auch die „Pfade in der Wildnis“ ein Erzeugnis der abendländischen Imagination.

Grey Owl: „Pfade in der Wildnis“. Eine indianische Erzählung von der Natur. Aus dem kanadischen Englisch von Peter Torberg. Mit Photographien von Grey Owl und einem Nachwort. Die Andere Bibliothek, Berlin 2019. 336 S., geb., 44,– €.

Quelle: F.A.Z.
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