Roman von Norbert Gstrein

Ein Kind im Winter

Von Hubert Spiegel
16.10.2021
, 21:43
Perfekter Rückzugsort für alternde Männer, die sich überall verlassen fühlen, nicht nur in der Einöde: Farm am Red Rock Pass in Montana
Virtuos greift Nobert Gstrein einige seiner alten Themen und literarischen Verfahren auf, variiert sie und entwickelt sie weiter: „Der zweite Jakob“ ist ein fulminanter Roman über einen Mann auf der Flucht vor der eigenen Lebensgeschichte.
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Ein Mann zieht Bilanz: drei Ehen ruiniert, drei Morde begangen, wenngleich nur als Schauspieler in seinen Filmen. Die eigene Tochter „weggegeben“ und in ein englisches Internat gesteckt, mit der Familie und dem Heimatdorf gebrochen, sich verhasst gemacht, den Namen gewechselt, aber Provinzherkunft und Vergangenheit nie abgeschüttelt. Eine Berühmtheit geworden, aber auch, wie Tochter Luzie es formuliert, bekannt als der große Schauspieler, „der so blöd gewesen ist, eine Rolle auszuschlagen, die dann John Malkovich angenommen hat“. Was soll so einer sagen, wenn seine Tochter ihn fragt, was das Schlimmste sei, was er im Leben getan habe?

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Jakob Thurner hat reichlich Auswahl, aber er muss nicht lange nachdenken. Vor Jahren war er an einer Sache beteiligt, „die nicht gut ausgegangen ist“. Dann erzählt er, was er nie zuvor jemandem erzählt hatte, und für Thurners Tochter Luzie bricht eine Welt zusammen – „es war unsere gemeinsame Welt“.

Wir erfahren zwar sofort, was damals während der Dreharbeiten zu einem Film im Grenzgebiet zwischen Texas und Mexiko geschehen ist, aber erst 150 Seiten später schildert Gstrein das Geschehen ausführlich, mit allen Details, allen Widersprüchen, allen Zweifeln. Eine Schauspielerkollegin und Thurner haben in New Mexico nachts einen Menschen überfahren, sie saß am Steuer, er hat die Leiche ins Gebüsch gezerrt und versucht, alle Spuren zu verwischen. Danach gingen die Dreharbeiten weiter,und Thurner spielte wieder, was er schon einmal gespielt hatte: einen Frauenmörder.

Norbert Gstrein: „Der zweite Jakob“. Roman. Verlag Carl Hanser, München 2021. 448 S., geb., 25,– €
Norbert Gstrein: „Der zweite Jakob“. Roman. Verlag Carl Hanser, München 2021. 448 S., geb., 25,– € Bild: Carl Hanser Verlag

Norbert Gstreins Roman „Der zweite Jakob“ beginnt als abgründige Vater-Tochter-Geschichte, die der Autor geschickt nutzt, um die Fliehkräfte in Schach zu halten, die an seiner komplexen Erzählkonstruktion zerren. Denn Gstrein entfaltet mit beachtlichem Tempo und großem Geschick ein ganzes Bündel von Themen und Motiven, lädt es mit literarischen Verweisen auf eigene und fremde Werke und deutlichen, mitunter allzu deutlichen autobiographischen Anspielungen auf, um all das einem Mann in den Mund zu legen, der unverkennbar zur Kernfamilie der Gstrein-Figuren gehört: Künstler, aus Tirol stammend, als Ich-Erzähler notorisch unzuverlässig. Wieder so einer, möchte man sagen, und könnte dabei an jenen ersten Satz der Erzählung „Einer“ denken, mit der Gstrein 1988 debütierte: „Jetzt kommen sie und holen Jakob.“

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Längst durchschaut

Mit „Der zweite Jakob“ knüpft Gstrein an die frühe Geschichte über einen Außenseiter an, der als Ausgestoßener am Rande der Dorfgemeinschaft ein trostloses Dasein führte. Im neuen Roman ist Jakob der wunderliche Onkel des Ich-Erzählers, der als Kind in ein Heim gegeben wurde, weil er menschenscheu und wortkarg war und in seiner eigenen Welt zu leben schien. Nur mit Mühe und gleichsam in letzter Sekunde konnte Jakob vor der drohenden Ermordung durch die Nazis bewahrt werden. Thurner, der in einem Akt der Identifikation als Kompensation von Schuldgefühlen den Namen des Onkels als Künstlernamen annimmt, sollte das Erbe von Onkel Jakob verwalten, hat sich mit dem Geld aber lieber seinen luxuriösen Lebensstil finanziert. Was ist das Schlimmste, dass einer in seinem Leben getan hat?

Kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag, vor dem ihm nicht nur graut, weil ihm die Heimatgemeinde eine Feier samt aus China importierter Billig-Statue in Beinahe-Lebensgröße spendieren will, legt Jakob Thurner sich Rechenschaft ab über sein Leben. Er versucht es zumindest, aber die Spurensuche gerät immer wieder zur Spurenverwischung. Ein schmieriger Biograph namens Elmar Pflegerl, der zu Beginn des Romans die ganze Sachen ins Rollen bringt, erscheint Thurner immer mehr als Feind, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt, Tochter Luzie wendet sich zwischenzeitlich vom Vater ab. Sich selbst sieht er in der Tradition Onkel Jakobs als Unangepassten, für die Tochter fürchtet er indes, dass sie nach Onkel Jakob schlägt, also lebensuntüchtig wird, irgendwie anders als die anderen, als wäre das ein Makel. Dabei erweist sich Luzie am Ende als weit hellsichtiger als ihr Vater, den sie da längst durchschaut hat: „Du weißt manchmal so wenig über dich, dass es erschreckend ist, wie du damit überhaupt hast so alt werden können.“

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Ein literarisches Monster

„Der zweite Jakob“ ist ein ganz und gar erstaunlicher Roman. Erstaunlich wegen der Virtuosität, mit der Gstrein hier einige seiner alten Themen und literarischen Verfahren aufgreift, variiert und weiterentwickelt, erstaunlich, weil man sich verwundert die Augen reibt und sich fragt, wie dieser Autor es eigentlich verhindert, dass ihm die Vielzahl der Themen und Motive, die hier verhandelt werden, um die Ohren fliegt. In fliegendem Wechsel geht es von Innsbruck nach Montana oder New Mexico, von den Dreharbeiten in den neunziger Jahren in die erzählte Gegenwart, in der Thurner seinem sechzigsten Geburtstag entgegensieht, als würde er zum Schafott geführt. Weitere Themen: Femizid und organisiertes Verbrechen, der Mikrokosmos des Filmsets, der Aufstieg des nur „Dubya“ genannten George W. Bush vom Provinzgouverneur zum amerikanischen Präsidenten, Herkunftsstolz und Herkunftsscham und über alldem zwei große Fragezeichen: Was können wir über uns selbst wissen, und wie viel von diesem Wissen können wir überhaupt ertragen?

Gstreins Ich-Erzähler stellt sich diese Fragen nicht. Aber er ahnt sie doch und hält sie tunlichst dort, wo er alles hinschiebt, was ihm unangenehm ist: in der sicheren Halbdistanz. Er ist gefangen in einem Panzer aus Scham und Schuld, die meiste Zeit über unfähig, sich von außen zu betrachten. Ein Halbdistanzleben, ein Leben in der Nähe des Gefrierpunkts. Schöner und barmherziger ausgedrückt: Vielleicht, so sagt sich Jakob Thurner am Ende seines Berichts, sei er „nie etwas anderes als ein Kind im Winter gewesen, das Wärme nur aushielt, wenn es davor lange genug in der Kälte sein konnte“. Mit Jakob Thurner hat Norbert Gstrein ein literarisches Monster geschaffen, das einem zu Herzen geht.

Norbert Gstrein: „Der zweite Jakob“. Roman. Verlag Carl Hanser, München 2021. 448 S., geb., 25,– €

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spiegel, Hubert
Hubert Spiegel
Redakteur im Feuilleton.
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