Autorin Olga Tokarczuk

Blicke über den Rand der Welt

Von Martina Wagner-Egelhaaf
10.11.2021
, 17:24
Hinterm Horizont geht’s weiter: In Camille Flammarions Holzstich von 1888 erkennt  Olga Tokarczuk den Ferneverlust des gegenwärtigen Menschen.
Den Literaturnobelpreis hat sie sich verdient: Olga Tokarczuks jetzt auf Deutsch erschienene Essays und Reden zeigen eine Schriftstellerin, die höchst reflektiert die Bedingungen ihres Schreibens untersucht.
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Gleich der erste Text des neuen Essaybands von Olga Tokarczuk, der Nobelpreisträgerin für Lite­ratur des Jahres 2018, führt an den Rand der bekannten Welt. Ausgehend von dem Holzschnitt „Wanderer am Weltrand“ aus Camille Flammarions 1888 erschienenem Werk „L’atmosphère – Météorologie po­­pulaire“ beschreibt Torkarczuk den ge­genwärtigen Zustand der Welt, der von Ferneverlust, dem Wissen um die Zerbrechlichkeit des Planeten, einer sich selbst reproduzierenden digitalen Ziellosigkeit geprägt ist. Der Wanderer, der es wagt, über den Horizont des Vertrauten hinauszublicken, wird zu einem Leitmotiv des gesamten Bands, der sich, wie die Autorin verrät, der Pandemie verdankt. Während des Lockdowns habe sie das Bedürfnis verspürt, ihr essayistisches Schaffen zu ordnen. Der Band versammelt in den letzten Jahren auf Polnisch erschienene Essays, Vorträge und Reden, die 2018 an der Universität von Lodz gehaltenen Poetikvorle­sungen sowie die Rede zur Verleihung des Nobelpreises.

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Einen Schritt zur Seite machen, aus­ge­tretene Pfade verlassen, sich aus Blasen herausbegeben, das vitruvsche Selbstbild des sich im Zentrum des Kosmos wähnenden Menschen verabschieden, um Be­ziehungen, Abhängigkeiten, Entlehnungen und Bezüge wahrzunehmen und Verantwortung für das komplexe Ganze zu übernehmen ­ – das ist der Tenor, der sich durch den ganzen Band zieht. Es geht unter anderem um das Reisen, das jegliche Fremdheit getilgt hat, weil der Reisende nurmehr sieht, was im Reiseführer steht. Als besonders zynisch erscheint, dass wir moderne Reisende anderen, nämlich Menschen aus den Krisenregionen der Welt, das Reisen und insbesondere das Ankommen – bei uns – verbieten wollen. Ein anderes, in mehreren Texten zur Sprache kommendes Thema ist das Verhältnis des Menschen zum Tier. Das Leiden eines Menschen, schreibt Tokarczuk, sei für sie leichter zu ertragen als das Leiden eines Tieres, weil der Mensch seinem Leiden einen Sinn geben könne, während es für das Tier weder Trost noch Linderung noch Erlösung gebe. Mit der von J. M. Coetzee geschaffenen Schriftstellerin Elizabeth Costello fordert Tokar­czuk Empathie mit dem anderen Wesen des Tiers ein, das aufhört, ein anderes zu sein, wenn die von der menschlichen Vernunft geschaffenen Grenzziehungen sich als das erweisen, was sie sind: künstliche Schutzreflexe, um den alltäglichen Horror unserer Tierausbeutung nicht wahrnehmen zu müssen. In „Mi­kroabgründe“ blicken lassen etwa auch die von der Autorin geschätzten Filme der Brüder Quay, indem sie das Unvertraute im Vertrauten zeigen.

Den Finger in Salz tunken

Aber auch von der Grenzen überschreitenden Kraft der Übersetzung ist die Rede und von der Mitautorschaft der Übersetzer. Dass der Mensch kein in sich abgeschlossenes und souveränes Subjekt ist, sondern ein kollektives, mit anderen, auch nichtmenschlichen Lebewesen vielfach ver­bundenes Wesen, ist eine weitere zen­trale Botschaft der hier versammelten Texte, die auch das dreifache, fragmen­tarisch verspiegelte Porträt der Autorin auf dem Buchcover zu verstehen gibt. „Übungen im Fremdsein“ ist nicht zuletzt eine bildstarke Verabschiedung des An­thro­pozentrismus.

Olga Tokarczuk: „Übungen im Fremdsein“. Essays und Reden.
Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann, Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein. Kampa Verlag, Zürich 2021, 322 S., geb., 24,– €.
Olga Tokarczuk: „Übungen im Fremdsein“. Essays und Reden. Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann, Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein. Kampa Verlag, Zürich 2021, 322 S., geb., 24,– €. Bild: Kampa Verlag

Und immer wieder geht es um das Le­sen und die Literatur. In erster Linie sei sie nämlich Leserin, teilt Tokarczuk mit, und erst in zweiter Linie Schriftstellerin. Wenn sie die Geschichte ihres Lesens er ­zählt, erfährt man nicht nur, wie Literatur das lesende Ich verändert, sondern auch, wie sich über die Jahre ein literarischer Text im Blick der Leserin transformiert. Und man erfährt, warum es unbedingt sinnvoll ist, beim Lesen den Finger in Salz zu tunken.

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Mit der Geschichte ihres Lesens erzählen die sehr persönlich gehaltenen Lodzer Vorlesungen auch etliches aus dem Leben ihrer Autorin. Tokarczuk berichtet, wie sie ihre Figuren findet und von welchen zum Teil unerklärlichen Kräften sich ihre Er­findung speist. Was für sie ein Erzähler ist, erklärt Tokarczuk jenseits eingeführter li­teraturwissenschaftlicher Begrifflichkeit als sich von der Autorin loslösende und raumgreifende dissoziative Erzählstimme. Der auch in der Nobelpreisrede vorgestellte Erzähler der „vierten Person“ zielt auf ein neues Erzählen, in dem alles mit allem netzwerkartig verbunden ist. Dieser Er­zähler nimmt die Perspektive sämtlicher Figuren ein und überschreitet zu­gleich den Horizont jeder einzelnen. Mit dem herkömmlichen auktorialen Erzähler, der seine erzählte Welt beherrscht, hat das nichts zu tun, denn der vierte führt an die Grenzen seiner Welt und über sie hinaus.

Gebannt folgt man der Entstehungs­geschichte des Romans „Die Jakobs­bücher“ aus dem Jahr 2014, in dem To­karczuk mit der Figur der Jenta eben eine solche Erzählerin der vierten Person einführt. Jenta ist eine Zeiten und Räume durchdringende Erzählerin, der nichts ver­borgen bleibt – und sie nimmt selbst die Autorin, die sie geschaffen hat, in ih­ren magisch-unheimlichen Blick. Auch Janina Duszejko aus dem früheren Roman „Gesang der Fledermäuse“ begegnet man wieder und erfährt, was Tokarczuk von der von ihr selbst geschaffenen Figur ge­lernt hat: dass der Mensch eine Vielheit ist und seine Psyche ein riesiger, der Traumlogik folgender Mythenspeicher. Die Frage etwa, wo sich literarische Figuren aufhalten, bevor sie sich im Text verkörpern, und wo sie bleiben, wenn ein Roman zu Ende ist, beantwortet Tokarczuk mit dem Bild einer „Falte der Raumzeit“. Und so ist auch das Land Metaxy, in das die Lodzer Studierenden eingeführt werden, eine jenseits von Zeit und Raum befind­liche Zwischenwelt, ein fiktionales und doch rea­litätsmächtiges Als-ob.

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Die Gnosis, My­thos und Psychoanalyse

Sprachkritisch formuliert werden auch politische Botschaften, etwa wenn sich die Autorin gegen politisch gefärbte Wortdiebstähle wendet, wie sie derzeit am Beispiel des Begriffs der „Nation“ zu be­obachten seien, wenn sie universitäre „Cancel Culture“ als ideologische Kollektivsprache ausmacht, gegen die sie die individuelle Sprache der Literatur ins Feld führt.

Das alles ist gedanklich nicht neu und schließt an vieles an, was gegenwärtig im Blick auf die Umwelt, den Umgang mit Tieren, die Anerkennung auch von Pflanzen als Wesen, vernetztes Denken et ce­tera diskutiert wird. Tokarczuks Texte führen aber eben darin vor Augen, auf welchen wirkmächtigen Traditionen all diese Gegenwartsbefindlichkeiten und -dia­gno­sen gründen. Im Fragment, in dem das Ganze erfahrbar wird, spricht deutlich vernehmbar die Romantik mit wie im unverfügbaren Augenblick die Mystik. Die Gnosis wird ebenso aufgerufen wie My­thos und Psychoanalyse. Auch poststrukturalistisches Denken wird beerbt, beispielsweise wenn es um die Infragestellung von Gegensätzen und des souveränen Subjekts oder um den Lobpreis des Ex-Zentrischen geht. Immer wieder verblüffend aber sind auch hier wie in den Ro­manen die unerwartete Verbindung von scheinbar weit Auseinanderliegendem so­wie die sprachspielerische Bild­magie, die Tokar­czuks sich aus dem Kollektiven speisende Gedanken phänomenal einzigartig und individuell erscheinen lässt. Zu denken ist etwa ans Bild vom Frosch, der sich aus dem Sahnetopf be­freien kann, weil er durch sein Strampeln die Sahne zu Butter geschlagen hat – ge­nauso habe sie das Chaos zum Roman ge­buttert, schreibt Tokarczuk.

Ein anderes Beispiel ist der Neologismus „Ognosie“, der auf ein Denken wechselseitiger Bedingtheiten zielt, Entlehnungen und Bezüge stark macht sowie Vielheit und Verschiedenheit das Wort redet. Gewitzt münden diese Ausführungen in einen enzyklopädischen Lexikoneintrag, dessen pfeilbestückte Querverweise den Text über seine geschriebenen Grenzen hinausführen. Der Band führt vor Augen, dass die Sprache „unser Essbesteck“ ist, „mit dem wir diese Wirklichkeit graziös konsumieren.“

Quelle: F.A.Z.
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