Neuer Roman von Olli Jalonen

Ein kleiner Menschenversuch

Von Fridtjof Küchemann
25.05.2021
, 16:28
Vorratsstation auf dem Seeweg nach Indien: Sankt Helena auf einem Stich von J. van Ryne aus dem Jahr 1750
Sankt Helena war nicht nur Exil-, sondern auch Erkenntnisort: Olli Jalonens Roman „Die Himmelskugel“ erzählt die doppelte Geschichte der Aufklärung.
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Ein kleiner Junge sitzt auf der entlegenen Atlantikinsel Sankt Helena, fast zweitausend Kilometer westlich von Angola. Er sitzt auf einem Baum, den Kopf mit einem Lederriemen fixiert, und schaut durch ein in die Zweige gesägtes Loch in den Himmel. Tags zählt er die Vögel, die er sieht, nachts notiert er die Konstellation der Sterne, dabei kann er weder zählen noch schreiben. Edmond Halley, der berühmte Astronom und Naturwissenschaftler, war 1677 mit Anfang zwanzig für Forschungen auf die Insel gekommen. Im Roman „Die Himmelskugel“ von Olli Jalonen hatte er sich mit seinem Freund und Gehilfen Clarke bei der Mutter des kleinen Jungen einquartiert, auf der Totholzebene oberhalb von Jamestown, dem Hauptort der Insel, die damals der Britischen Ostindien-Kompanie dazu diente, ihre Schiffe mit frischen Vorräten zu versorgen. In der Nähe hatte er ein Observatorium errichtet, um die Sterne der südlichen Hemisphäre zu katalogisieren - das wiederum ist verbürgte Geschichte.

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Im Roman soll der junge Angus mit einer kuriosen, aber kindgerechten Methode tags die Vögel registrieren, unterschieden in sausende, flatternde und schwirrende, nachts sticht er mit einem Kaktusstachel in ein dünn geschnittenes Aloeblatt die Sterne, wie er sie am Himmel sieht. Jahre später in London wird Halley seinen naturwissenschaftlichen Auftrag für den jungen Angus einen Menschenversuch nennen, nichts weiter als eine Aufgabe, die zum Lernen gedacht war - zum Beweis, dass keiner so dumm sei und nicht wachsen könne. Nicht einmal die Halbwaise, die sein Begleiter Clarke verächtlich einen Yamsbengel nennt. Die Verlängerung dieses Auftrags über Jahre hinweg, in denen Halley von London aus neue Blätter nach Sankt Helena schickte, auf die Angus seine Beobachtungen übertragen sollte, war, so sagt der Forscher, nicht mehr als ein Spaß für ihn.

Für Angus war es nie ein Spaß, es war eine Pflicht, der er in all der Zeit mit kindlicher Einfalt und Ernsthaftigkeit nachgekommen ist. Dabei hat er einfach nicht aufgehört, im Sinne Halleys zu wachsen. In „Die Himmelskugel“, seinem dritten ins Deutsche übersetzten Roman, lässt der finnische Schriftsteller Olli Jalonen seinen Angus von diesem Wachsen erzählen - indirekt. Eigentlich geht es dem Jungen um seine Forschungen und sonstige Beobachtungen in seinem Leben mit Mutter, älterer Schwester und bald auch mit zwei Babys, die geboren werden, nachdem Halley und Clarke die Insel wieder verlassen haben. Er erzählt vom Inselpastor, der einwilligt, Angus Lesen und Schreiben beizubringen, der immer öfter zu Besuch kommt, bald über Nacht bleibt und Angus’ Mutter schließlich überredet, offiziell als Haushälterin, unausgesprochen als seine Geliebte mit der Familie zu ihm ins Kapellental zu ziehen, wo alle Nachbarn sie anfeinden.

Er versteht nicht, aber er sieht

Olli Jalonen hat für Angus eine Sprache gefunden, die kindliche Unbedarftheit mit scharfer Beobachtungsgabe verbindet. Allein dem Jungen durch seine eigenen Beschreibungen in der geistigen Entwicklung zu folgen, ist atemraubend. Was Angus auf dem Weg von der Totholzebene auf Sankt Helena erlebt, bis er schließlich im Alter von vierzehn Jahren in einer Februarnacht allein mit Edmond Halley auf dem Snowdon steht, dem höchsten Berg von Wales, ist es nicht minder.

Olli Jalonen: „Die Himmelskugel“. Roman. Aus dem Finnischen von Stefan Moster. Mare Verlag, Hamburg 2021. 544 S., geb., 26,– €.
Olli Jalonen: „Die Himmelskugel“. Roman. Aus dem Finnischen von Stefan Moster. Mare Verlag, Hamburg 2021. 544 S., geb., 26,– €. Bild: Mare Verlag

Dass Mutter und Schwester von Angus auf der Totholzebene nicht nur von Halley und Clarke ausgenutzt, sondern auch von einem Nachbarn missbraucht werden, versteht der arglose Junge nicht, aber er hält einzelne Blicke, Gesten, kleine Momente auf eine Weise fest, die dem Leser ein umfassendes Bild der grausamen Lage erschließt, in der sich die Familie befindet. Und die Insel insgesamt: Der Pastor weiß von religiösen Eiferern, die mit Gewalt gegen die ihrer Ansicht nach mangelnde Gottesfurcht vorgehen wollen. Mit auf ihrer Todesliste: Angus’ Mutter und der uneheliche Nachwuchs der Familie. Schließlich verschwinden die beiden Kleinkinder, nur eines wird gefunden und sagt fortan kein Wort mehr. Sind sie beim Spielen zu nah an die Steilküste gekommen, oder waren es die Sektierer?

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Wachsende Neugier und wachsendes Vertrauen

Eine wachsende Gruppe von Inselbewohnern sieht sich ausgebeutet und unterdrückt vom Regime des Gouverneurs, der die Proteste mit äußerster Härte niederschlagen und niemanden die Insel verlassen lässt. Und der Leser ertappt sich bei der bangen Frage, ob Angus schnell genug verstehen und handeln lernt, um der rasch sich zuspitzenden Situation gewachsen zu sein. Doch der Pastor und seine Mutter haben andere Pläne mit dem Jungen: Durch einen schrecklichen Handel bringen sie ihn als blinden Passagier auf eines der Schiffe nach England, eingenäht in sein Hemd ein Hilferuf an Edmond Halley, den Angus zur Sicherheit auch noch auswendig hat lernen müssen.

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Nach schrecklichen Tagen im Mastkorb wird Angus entdeckt, sein scharfes Auge hilft ihm auch hier, die Überfahrt nach London zu überleben. Dort fragt er sich zu Halley durch, um von dessen Frau des Hauses verwiesen zu werden, die durch eine Reihe von „Bettelbriefen“ von Angus’ Mutter mehr über die Vorkommnisse auf Sankt Helena ahnt, als sie glauben will. Schließlich ergibt sich eine Gelegenheit, vor Halley zu treten, und auch wenn sich die Hoffnungen, die Pastor Burch und Angus’ Mutter in ihn gesetzt haben, bis zuletzt nicht erfüllen, begegnet er dem Jungen mit wachsender Neugier und wachsendem Vertrauen.

Was es heißt, auf etwas Neues zu kommen

Auf der Handlungsebene ist „Die Himmelskugel“ die Abenteuergeschichte eines Jungen im späten siebzehnten Jahrhundert. Kunstvoll gibt Olli Jalonen in den kindlichen Schilderungen zugleich einen Blick auf die Kräfte frei, die in der Früh- oder Vorzeit der Aufklärung aus dem Hintergrund die Handlungsoptionen bestimmen: auf die Angst, in der Naturforscher in dieser Zeit ihre Erkenntnisse gegen kirchliche Zensur behaupten mussten, auf ihre Abhängigkeit von herrschaftlicher Wertschätzung, dazu auf das Kräftemessen der anglikanischen und der katholischen Kirche und ihrer Anhänger.

Das eigentliche Wunder an „Die Himmelskugel“ ist jedoch die Sprache, der Ton, die Denkweise, die Jalonen für Angus gefunden hat. Als die Familie nach dem Verschwinden des einen ratlos vor dem anderen, stumm gewordenen Kleinkind steht, erkennt Angus, wie er dem, was Adam erlebt hat, auf die Spur kommen kann: „Auf diese Art muss man über die schwierigen Dinge nachdenken, man muss sie in Stückchen teilen und eines nach dem anderen bedenken.“ Vor der Küste und dem Meer, so findet Angus heraus, nachdem Adam Vertrauen in ihn gefasst hat und ihm überallhin folgen will, hat der Kleine keine Angst. Vor anderen Menschen schon. Später in London denkt Angus nach einem Küchengespräch über Wissen und Unwissen in seiner Heimat und unter den einfachen Leuten in England nach, dann über Erkenntnis. „Auf etwas Neues zu kommen heißt, dass man etwas messen kann, nachdem man die Art gefunden hat, wie man es misst“, stellt der Junge fest. Was es in der Literatur heißt, zeigt Olli Jalonen mit seinem Roman: etwas beschreiben zu können, nachdem man eine Sprache dafür gefunden hat.

Olli Jalonen: „Die Himmelskugel“. Roman. Aus dem Finnischen von Stefan Moster. Mare Verlag, Hamburg 2021. 544 S., geb., 26,– €.

Quelle: F.A.Z.
Fridtjof Küchemann  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Fridtjof Küchemann
Redakteur im Feuilleton.
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