Ottessa Moshfeghs neuer Roman

Zwischen Wahn und Welt

Von Peter Körte
26.01.2021
, 19:26
Eine alte Dame. Ein Mord. Aber keine Leiche. Ist alles nur ausgedacht? In ihrem neuen Roman „Der Tod in ihren Händen“ lässt Ottessa Moshfegh die Realitätsebenen unglaublich raffiniert verschwimmen.

Pareidolie ist nicht, wie mancher womöglich denkt, eine Krankheit, sondern ein Phänomen, das mit der Autovervollständigungsfunktion in unserem Gehirn zu tun hat.

Der Begriff beschreibt die Tendenz, in allen möglichen Dingen und Mustern Gesichter oder andere vertraute Objekte zu sehen. Natürlich kann daraus ein Zwang werden, so wie das passiert, wenn einer die Stimmen, die er im eigenen Innern zu hören glaubt, nicht nur metaphorisch meint.

Es ist kein Zufall, dass einem so etwas einfällt, wenn man schon mal ein Buch von Ottessa Moshfegh gelesen hat und sich nun den neuen Roman „Der Tod in ihren Händen“ anschaut.

Hellblau auf grünem Grund zeigt der Buchumschlag, wenn man den richtigen Abstand wählt, ein Gesicht, vermutlich weiblich; geht man zu nah heran, bleibt nur eine hellblaue Fläche mit ein paar grünen Inseln. Diese Erscheinung, der Anschein, dass etwas nicht das ist, wofür man es zunächst hält, ist einem aus Moshfeghs Büchern, aus dem Verhalten der Figuren nur zu vertraut. Was real ist, was Einbildung oder Wahn, da sollten sich Leser nie zu sicher sein.

Nichts ist das, wofür man es hält

Moshfegh, die im Mai vierzig Jahre alt wird, ist, wie es bei Wikipedia heißt, „die Tochter eines iranischen Violinisten und einer kroatischen Bratschistin, die sich an einer belgischen Musikschule kennenlernten“.

Das klingt fast ein bisschen ausgedacht, ist es aber nicht; auch nicht, dass Ottessa Moshfegh, deren Familie nach der islamischen Revolution aus Iran in die Vereinigten Staaten einwanderte, nach ihrer Collegezeit in Wuhan Englischunterricht gab und in einer Punk-Bar jobbte. Diese Kontraste und Verknüpfungen sorgen für eine Unberechenbarkeit, die gut zu dem zu passen scheint, was man in ihren Büchern erlebt.

Vier Romane, „Der Tod in ihren Händen“ eingerechnet, und ein Band mit Erzählungen sind es bisher. Sie haben die Autorin schnell bekannt gemacht und ihr den Ruf verschafft, die literarische Stimme ihrer Generation zu sein. Ob das nun stimmt, lässt sich nicht nachprüfen; dass sie einfach gut schreibt, dass ihre Geschichten einen unverwechselbaren Dreh ins Bizarre und Düstere haben, kann man leicht feststellen.

Unzuverlässige Erzählerinnen

Ihre Erzählerinnen und Erzähler sind bedingt sozialtaugliche, einsame Existenzen, sie sind auch ziemlich unzuverlässig, wie der betrunkene Seemann mit der Schädelverletzung in „McGlue“, der nicht mehr weiß, ob er einen Freund ermordet hat. Auch der Wunsch nach Identifikation mit einer Figur wird von Moshfegh hartnäckig unterlaufen. Die Titelfigur in „Eileen“ zum Beispiel, sie ist Sekretärin in einer Jugendstrafanstalt, ist nicht sympathisch, sie ist zwar vom Leben gebeutelt, aber auch egoistisch, grausam und ein bisschen pervers.

Auch Vesta Guhl, die Ich-Erzählerin im neuen Roman, sollte man nicht einfach für die bedauernswerte einsame Witwe halten, als die sie anfangs erscheint. Nach dem Tod ihres Mannes ist sie aus dem Westen in den Osten der Vereinigten Staaten gezogen, sie hat sich einen Retriever angeschafft, er ist ihr emotionaler Mann- und Kindersatz und darf in ihrem Bett schlafen.

Wohin mit der Asche des Mannes?

Sie hat ein nettes kleines Haus an einem See gekauft, ein trostloses Kaff liegt in der Nähe, in dem es nichts gibt als einen kleinen Laden, auch im Nachbarstädtchen herrscht Einöde. Vestas Alltag ist monoton: immer gleiche Gewohnheiten und Abläufe, keine Kontakte, keine Angehörigen. Nur die Urne mit der Asche ihres Mannes hat sie mitgenommen, um sie beizeiten im See zu verstreuen.

Doch von den ersten Sätzen an stimmt etwas nicht. „Sie hieß Magda. Niemand wird je erfahren, wer sie ermordet hat. Ich war es nicht. Hier ist ihre Leiche.“ Das steht auf einem Zettel, den Vesta im Wald findet. Nur dass da gar keine Leiche ist. Alles, was Ottessa Moshfegh in ihrem Roman erzählt, steckt im Grunde in diesen ersten vier Sätzen. Sie werden immer wieder auftauchen, kursiv gesetzt, einzeln oder komplett, in leichten Variationen. Sie sind das Ausgangsmaterial, aus dem sich alles ergibt, sie werden hin- und hergewendet und auf mögliche Bedeutungen geprüft.

Vier Sätze, in denen alles steckt

Deshalb schreibt Moshfegh auch nicht einfach einen weiteren Kriminalroman über eine alte Dame, die in einen Mordfall ohne Leiche gerät, von der Polizei ausgelacht wird und dann auf eigene Faust Nachforschungen anstellt. Es ist eher so, dass diese alte Dame den Roman erlebt (oder sogar erschafft), der am Ende aus ihren Nachforschungen geworden ist. Das ist keine klassische Buch-im-Buch-Konstruktion, das wäre Ottessa Moshfegh zu simpel. Es gibt auch keine ordentliche Auflösung am Ende, was real und was bloß eingebildet ist.

Es ist komplizierter, erst recht, wenn man darüber schreibt, ohne zu viel verraten zu wollen. Diese Undurchsichtigkeit, das Gefühl, als Leser zwischendurch den Boden unter den Füßen zu verlieren, macht den Reiz der Lektüre aus. Jeder der vier Sätze setzt bei Vesta Assoziationen frei, und mit ihrer Phantasie, ihren Erfindungen und Einfällen erfährt man mittelbar auch über sie selbst und ihr Leben, was sie als Ich-Erzählerin gar nicht freiwillig von sich erzählen würde.

Wohin der Algorithmus führt

Zuerst malt sie sich aus, wer den Zettel geschrieben haben könnte: Ein Junge namens Blake nimmt Gestalt an. Sie geht in die Bibliothek, im Internet sucht sie nach Methoden zur Aufklärung eines Mordfalls; eine Anzeige, die auf dem Bildschirm aufgeht, bringt sie dazu, sich online einen Tarnanzug zu bestellen. Und der Algorithmus führt sie auch zu Tipps und Tricks zum Schreiben eines Kriminalromans, von denen sie einige brav befolgt, auch wenn sie das Genre für „kunstlos“ hält.

So entsteht ein kleines Ensemble von Figuren. Sie stellt sich ihre Magda vor: eine junge Frau aus Belarus, die es nach Amerika verschlagen hat, ähnlich wie sie selbst, Vesta, die vor Jahrzehnten aus Osteuropa kam. Auf einmal hat Magda „seidenweiche schwarze Haare“, „Augen wie Taranteln“ dank künstlicher Wimpern und einen Job. Unermüdlich erfindet Vesta biographische Details, bis sie feststellt: „Über Nacht hatte sie sich selbstständig gemacht und war zu etwas Echtem, Eigenem geworden.“

Vestas projektive Energien verändern mit der Zeit auch ihre Erinnerung: Aus dem treusorgenden Ehemann Walter wird ein herablassender Tyrann, aus einer kinder- und ereignislosen vierzigjährigen Ehe eine „Geiselhaft“.

Die Kraft der Projektionen

Und kurz nachdem sie endlich die Urne mit seiner Asche in den See geworfen hat, fürchtet sie, sie habe „den See für immer mit Walter verseucht“. Was diesem unangenehmen, aber in seinen Attitüden sehr durchschnittlichen Gatten postum noch eine ziemliche Macht über Vestas Leben einräumt.

Je düsterer ihre Phantasiegebilde werden, düsterer, als man ihr zugetraut hätte, je obsessiver sie ihre kleine Welt bevölkert mit „ihren“ Figuren, desto mehr geht Vesta auf in ihrer eigenen Erzählung. Man kann sich fragen, ob da nicht schon ein beunruhigender Grad an Verwirrung vorliegt, wenn sie sagt: „Sich etwas vorzustellen war wie ein Rausch.“ Oder ihrem Hund Charlie anvertraut: „,Ich bin Dichterin.‘“ Ottessa Moshfegh lässt die Realitätsebenen unglaublich raffiniert und diskret verschwimmen. Ansatzlos werden Vorgänge überblendet. Magdas Stimme, die Vesta in ihrem Kopf zu hören meint, erzählt von einem Abschiedsbrief an die Familie in Belarus, Vesta schreibt die Worte nieder, um kurz darauf zu sagen: „Ich las mir noch einmal Magdas Brief durch.“

Das hat etwas zutiefst Unheimliches, auch weil es gar kein Jenseits zu Vestas Perspektive gibt, die nachts durch den Wald geht und die Stille empfindet, „als hielten die Bäume die Luft an, während ich an ihnen vorbeiging“. Zugleich sind da aber noch kleine Signale, dass sie weiß oder ahnt, was sie tut. Es gibt eine Differenz zwischen Wahn und Welt. Sie spricht plötzlich wieder von „einer meiner Figuren“, und wenn man den Roman einer Volltextsuche unterzöge, käme wohl heraus, dass „vielleicht“, „vorstellen“ und „Vorstellung“ unter den am häufigsten verwendeten Wörtern sind.

Es ist aber auch klar, dass einem dieses Ergebnis nicht sonderlich weiterhilft, weil Ottessa Moshfegh auf sehr spannende und souveräne Weise offenlässt, wo innerhalb des Romans die Grenze verläuft zwischen Vorstellungen und realem Geschehen.

Ottessa Moshfegh: „Der Tod in ihren Händen“. Roman. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. Hanser Berlin, 256 Seiten, 22 Euro.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Körte, Peter (pek)
Peter Körte
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot