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Per Pettersons neuer Roman

Eigentlich hat es schon vorher angefangen

Von Matthias Hannemann
 - 19:38
Und wieder ist es Oslo: Per Pettersons neustes Werk lässt den Stuntman Arvid Jansen seine Krisen erneut auf der Romanbühne verarbeiten.

Arvid Jansen war Ende dreißig, als seine Frau Turid und er zu „Magneten mit identischen Polen“ wurden, die „zueinander zeigten“. Sowas ist gar nicht gut. Er konnte sich „auf sie stürzen und im selben Moment aus dem Schlafzimmer geschleudert werden“ und schlief bald lieber auf dem Beifahrersitz des champagnerfarbenen Mazda vor dem Haus.

Dann zog Turid mitsamt den Kindern davon. Für Arvid war es der zweite Schicksalsschlag innerhalb kürzester Zeit. Ein Jahr vor der Trennung, am 6. April 1990, war eine Fähre namens „Scandinavian Star“ von Oslo ins dänische Frederikshavn unterwegs, an Bord waren Jansens Eltern sowie zwei Brüder, und sie zählten zu den 159 Menschen, die das Feuer nicht überlebten.

Es ist die Ratlosigkeit nach dem Auseinanderbrechen der Ehe, die der Ich-Erzähler in Per Pettersons Roman „Männer in meiner Lage“ schildert. Und seine Leser wissen: Arvid Jansen ist Pettersons Alter Ego. Oder wie Petterson es in Interviews sagt: Arvid ist sein „Stuntman“. Der Begriff „Alter Ego“ sei falsch, weil Jansen Dinge erleben kann, die Petterson niemals erlebte. Strenggenommen gibt es sogar kleine Unterschiede zwischen dem Jansen in dem einen und dem Jansen in anderen Büchern.

„Eines Morgens bin ich aufgewacht und hatte Dich nicht mehr lieb“

Dieser „Stuntman“ kam bereits vor dem Schiffsbrand, bei dem der Autor Per Petterson tatsächlich vier Familienmitglieder verlor, in einem Erzählband und einem Roman über die Kindheit Arvid Jansens zum Einsatz. Aber die beiden Erstlinge sind auf Deutsch nicht erhältlich. Wir kennen Jansen vor allem aus Pettersons kunstfertigem Verarbeitungsversuch „Im Kielwasser“, der sechs Jahre nach dem Brand spielt und ein Vater-Sohn-Roman ist, während „Ich verfluche den Fluss der Zeit“, ein ebenfalls begeistert aufgenommenes Buch, von der krebskranken Mutter Jansens 1989 erzählt.

„Männer in meiner Lage“ ist ein Trennungs-Roman. Arvid Jansen wird im April 1992 von seiner Verflossenen um Hilfe gebeten, der es nicht gutzugehen scheint, er erinnert sich an die Monate seit dem Auseinanderbrechen der Ehe, stößt entsetzt auf einen nie übergebenen Brief, der ihm klarmacht, was ihm eigentlich schon klar war: dass Turid sich schon vor dem Fährfeuer 1990 von ihm trennen wollte. „Eines Morgens bin ich aufgewacht und hatte Dich nicht mehr lieb“. Und nebenher blitzen kurz Figuren auf wie Arvids Kumpel Audun, Protagonist des von einer Jugend in den Sechzigern erzählenden Romans „Ist schon in Ordnung“, oder Trond Sander aus Pettersons Beststeller „Pferde stehlen“.

Zugleich schrieb Per Petterson aber auch einen Oslo-Roman. Das macht das Buch aus: Arvid sucht nach der Trennung Zuflucht bei allerlei Frauen, die er in den Kneipen aufgabelt, sie sind überraschend leicht für eine Nacht zu gewinnen, bei der ersten spielt er „die höchste Karte aus, die ich auf der Hand hatte: Der Tod war meine Königin, der Tod war mein Ass“. Und so führen ihn die angenehm unprätentiös beschriebenen One-Night-Stands (Petterson ist ein Meister der Auslassung) ebenso wie seine unentwegten Autotouren („Im letzten Jahr habe ich es als Doping benutzt“) an die verschiedensten Adressen innerhalb und außerhalb der Stadt. Es hagelt Ortsangaben, manchmal mit und manchmal ohne prägnante Beschreibung, während der Text in der gewohnt parataktischen Manier Pettersons vor sich hinfließt.

Ein Mann und sein Schmerz

Das Ganze unterstreicht natürlich die Entwurzelung Jansens, und je mehr er sich auf dem Stadtplan bewegt, umso regungsloser scheint Arvid tief drinnen zu sein. Er ist einsam und ratlos, leer und planlos, er ist derart verunsichert, dass er sich daheim aus Angst vor Einbrechern ein Küchenmesser neben das Sofa legt, und in dieser Situation ist er nicht bloß unfähig, sein großes Buchvorhaben, einen Fabrikarbeiter-Roman, zu vollenden: Er scheitert auch darin, etwas aus den raren Stunden mit seinen Kindern zu machen, merkt viel zu spät, wie sehr die älteste Tochter ihn braucht – das ist der Fluchtpunkt des, nun ja, Plots.

Entsprechend melancholisch ziehen die Szenen an uns vorbei, still wie die Landschaft bei einer dieser Autofahrten. Per Petterson ist nicht Nina Lykke, die unlängst mit „Aufruhr in mittleren Jahren“ einen schwarzhumorigen Lebenskrisenroman über die Midlife-Crisis einer Lehrerin in Oslo schrieb (auch die zog ins Auto). Er erzählt leise und verhalten von einem Mann, der sich neu verorten und den Schmerz rauslassen muss, was Arvid Jansen bei einer denkwürdigen – es heißt zu Recht: „disneyreifen“ – Begegnung mit einem Pferd und nach dem Schäferstündchen mit der Richtigen dann auch gelingt. „Männer in meiner Lage“ ist das menschenfreundliche Porträt eines Manns in der Krise.

Ob es der beste Roman seit „Pferde stehlen“ ist, wie es in Norwegen hieß, sei dahingestellt; „Ich verfluche den Fluss der Zeit“ kam noch danach, und das neue Werk hat schon seine Längen. Aber er ist abermals klug und ohne Schnörkel geschrieben, und der Plural im Titel deutet ganz richtig darauf, dass Arvid mehr ist als ein Stuntman für den Schriftsteller Per Petterson: Er ist ein Stuntman für alle in seiner Lage. Gibt es die überhaupt, und steht einer Verallgemeinerung nicht die Sache mit der Fähre entgegen? Man ersetze den Fährenbrand mit Familienangehörigen, die aus anderen, weniger spektakulären Gründen verstorben sind, und übrig bleibt die verletzliche Seele eines normalen Menschen.

Und überhaupt: „Ich habe Ihre Bücher gelesen, sagte sie. Die gefallen mir. Aber warum sind sie so traurig. Ich weiß es nicht, sagte ich, sie werden einfach so, das kann ich nicht wirklich steuern. Das war der Schiffsbrand, oder, sagte sie. Ich bin mir nicht sicher, sagte ich, eigentlich hat es schon vorher angefangen.“

Per Petterson: „Männer in meiner Lage“. Roman. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. Carl Hanser Verlag, München 2019. 288 S., geb., 22,– Euro.

Quelle: F.A.Z.
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