Buch von Peter Stephan Jungk

Mein Zimmer in der Welt

Von Sandra Kegel
25.05.2021
, 16:29
Ein Fest fürs Leben: Paris hat viele magische Orte, der attraktivste ist bei Peter Stephan Jungk ein Obst- und Gemüsemarkt im zwölften Arrondissement.
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke: Peter Stephan Jungk erzählt in seinem Memoir „Marktgeflüster“ von seiner verborgenen Heimat in Paris.
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Wenn du das Glück hattest, als junger Mensch in Paris zu leben“, schrieb der Amerikaner Ernest Hemingway 1950 an einen Freund, „dann trägst du die Stadt für den Rest eines Lebens in dir, wohin du auch gehen magst, denn Paris ist ein Fest für das Leben.“ Hemingway war zweiundzwanzig, als er nach Paris kam, um als Korrespondent für den Toronto Star zu arbeiten. Auch der Schriftsteller Peter Stephan Jungk lässt das frühere Ich seines soeben erschienenen Memoirs „Marktgeflüster“ eine Paris-Initiation erfahren, als das Kind, das er einmal war und das in diesen jungen Jahren schon überall auf der Welt zu Hause gewesen ist oder eben fremd, zeitweilig mit seinen Eltern in einem Wiener Jugendstilhaus auf der Hohen Warte unterkam, das einem Film entstammen könnte.

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In diesem Haus mit dem verwunschenen Garten und einem steinernen Schwimmbecken, das niemals mit Wasser gefüllt ist, trifft der Junge eine Französin. Und obwohl die Begegnung mit ihr zuletzt kein gutes Ende nehmen wird für seine Familie, entfacht die junge Frau in dem Kind nicht nur hemmungslose Schwärmerei, sondern setzt ihm auch den Floh mit Paris ins Ohr, wenn sie beim Spielen ein ums andere Mal von ihrer Heimatstadt erzählt.

Hier bleiben wir!

Es werden vom Erzähler noch viele Wege dies- und jenseits des Atlantiks genommen, ehe er sich nach insgesamt zwölf Umzügen in den späten Achtzigern schließlich an jenem Ort einfinden wird, der sich ihm vor so vielen Jahren bereits als süßbittere Melodie eingeprägt hat. Wie eng „Marktgeflüster“ an die eigenen Lebensstationen des Schriftstellers Jungk geknüpft ist, merkt man der Lektüre ein ums andere Mal an, auch wenn sich der Autor durchaus literarische Freiheiten nimmt. Doch über weite Strecken steht die Erzählung, die vom Paris der Gegenwart in Rückblenden immer wieder in die erlebte Vergangenheit zurückgreift, im Gleichklang mit der Biographie des 1952 in Santa Monica geborenen Sohns des Zukunftsforschers Robert Jungk und dessen Frau Ruth. Schon seine Eltern führten zwangsweise ein unruhiges Leben. Sie wurden von den Nationalsozialisten aus Deutschland vertrieben, wichen nach Zürich, Prag und Paris aus und ließen sich nach 1945 in Kalifornien nieder.

Peter Stephan Jungk: „Marktgeflüster“. Eine verborgene Heimat in Paris.
Peter Stephan Jungk: „Marktgeflüster“. Eine verborgene Heimat in Paris. Bild: S. Fischer Verlag

Mit ihrem fünfjährigen Sohn kehrten sie 1958 zurück nach Europa, die Unruhe aber hörte nicht auf. „Nach Hollywood und der Banlieue von Paris, nach London, München und drei verschiedenen Wiener Mietwohnungen, Orten, an denen jedes Mal behauptet wurde: Hier bleiben wir!“, heißt es einmal in „Marktgeflüster“. Der Erzähler, inzwischen Student, setzt die Wanderschaft seinerseits fort, will eigentlich Architekt werden und studiert dann Film in Los Angeles, besucht eine Thoraschule in Jerusalem, wird Regieassistent bei der Verfilmung von Peter Handkes Roman „Die linkshändige Frau“. Bis er vor mehr als dreißig Jahren innehält und sich mit seiner Frau, der Fotografin Lillian Birnbaum, die im Buch unter anderem Namen aufscheint, in Paris niederlässt – und bleibt.

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Ein multikultureller Mikrokosmos

Peter Stephan Jungk hat seither mehrere Romane sowie Romanbiographien etwa über Franz Werfel, Walt Disney und das abenteuerliche Leben seiner Großtante, der Fotografin und sowjetischen KGB-Agentin Edith Tudor-Hart, verfasst. „Marktgeflüster“ ist kein Roman, sondern eine autofiktionale Erzählung. Vor allem aber ist es keine Ode an Paris, keine Beschwörung des Mythos dieser einst auf den Trümmern eines Venustempels erbauten Stadt. Die zwanzig Bezirke mit ihren fünftausend Straßen und vielen Millionen Einwohnern und noch einmal so vielen Touristen kommen im Grunde so wenig vor wie der Eiffelturm oder Montmartre.

Der Erzähler durchmisst in seinen 27 Kapiteln vielmehr einen ganz bestimmten Ort, der ihm zur „verborgenen Heimat in Paris“ geworden ist, wie er sein Buch im Untertitel nennt. Dieser magische Ort ist der „Marché d’Aligre“, ein Obst- und Gemüsemarkt im zwölften Arrondissement im Osten der Stadt. Für den Erzähler ist dieser Markt sein „Dorf“ in der Metropole, sein „Zimmer in der Welt“, ein multikultureller Mikrokosmos, in dem muslimische, jüdische, jesidische und buddhistische Verkäufer nebeneinander auf engstem Raum ihre Ware feilbieten. Als Mikrokosmos hat der Markt seine eigenen Gesetze und Routinen fernab der großen Boulevards. Hier kennt jeder jeden, und es ereignen sich große und kleine Dramen, die Jungk mit Augenmerk fürs Detail schildert: „Wer das Dorf Aligre besucht, der betritt eine andere Welt.“

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Mal Flaneur, mal Stalker

Jeden Samstag spätestens um neun, ehe die Massen anstürmen, läuft er über den sechs Tage in der Woche geöffneten Markt rund um die 1781 errichtete Halle. Der Erzähler plaudert mit Hamza, dem Algerier mit der hohen, krächzenden Stimme, der sein Gegenüber für einen Mossadagenten hält und ihm dennoch seine honigsüßen Mangofrüchte zu Höchstpreisen verkauft. Da gibt es Bohumil mit seinen Grapefruits und der „uncharmanten israelischen Frau“ oder Señor Pedro aus Sevilla, für den Erzähler der eigentliche „Torwächter“ des Marktes, der an einer Straßenecke unter einem schmalen Dachvorsprung lebt.

Kunst und Krempel: buntes Treiben auf dem Place d’Aligre
Kunst und Krempel: buntes Treiben auf dem Place d’Aligre Bild: Picture-Alliance

Der Erzähler ist mal Flaneur, mal aber auch Stalker, wenn er der berühmten Schauspielerin, die sich stets hinter einer Sonnenbrille verbirgt und doch von jedem erkannt wird, heimlich folgt, wie sie unentschlossen die Markthalle umrundet. „Ich stehe lauernd da, ein Raubtier, das sein Wild wittert.“ Von solchen Bewegungen, sich treiben zu lassen und zugleich getrieben zu werden, lebt diese Markterzählung, die zugleich Milieustudie, Wimmelbild und Ankunftserzählung ist. Die Erzählung von einem, der sich verortet hat. Denn Herkunft, Heimat – das ist das Thema, das fast alle der hier porträtierten Marktmänner und Marktfrauen umtreibt, die mit ihrer Kundschaft nicht nur auf Französisch parlieren, sondern auch auf Arabisch oder Englisch, auf Spanisch, Russisch, Hebräisch. Auch das verbindet sie mit dem Erzähler: Sie alle sind keine französischen Muttersprachler.

Diese guten, wohlschmeckenden und fetten Dinge

Den „Typus des Flaneurs“ schuf Paris, notierte Walter Benjamin, als er Mitte der zwanziger Jahre die Stadt kennenlernte, die ihm 1933 Zufluchtsort werden sollte. Er war gefesselt von ihren „dialektischen Polen“, die sich dem Spaziergänger als Landschaft eröffneten und ihn als Stube umschlössen. Die Benjamin’sche Stube klingt in der von Jungk beschriebenen dörflichen Szenerie des Aligre nach. Der vielleicht ausdauerndste Pariser Spaziergänger war freilich Louis-Sébastien Mercier, der in den zwölf Bänden seines „Tableau de Paris“ das ausgehende Ancien Régime beschrieb. Tag und Nacht lief er durch die Straßen und notierte, was er sah, hörte und roch. Dabei besuchte er nicht nur Bordelle und Gefängnisse und ergründete die Kanalisation, sondern spazierte auch über Märkte und zu Straßenhändlern. In diese Tradition stellt sich Jungk, wenn er in seiner Erzählung vom Aligre die Außenansicht des Alltags beschreibt, um tatsächlich vom Innenleben der Leute zu erzählen wie auch seiner selbst. Der Markt wird in dieser Beschreibung über einen Ort des Ausverhandelns zum Soziotop.

Zwischen Jägermeister und Almdudler: Tante-Emma-Laden in der Markthalle des Marché d’Aligre
Zwischen Jägermeister und Almdudler: Tante-Emma-Laden in der Markthalle des Marché d’Aligre Bild: Picture-Alliance

Noch in den siebziger Jahren hatte Paris trotz der Proteste der Bevölkerung die großen Markthallen im Zentrum der Stadt niedergerissen, an die heute nur noch eine U-Bahn-Station erinnert und denen Émile Zola in seinem Roman „Der Bauch von Paris“ ein Denkmal gesetzt hat, dieser Welt „von guten Dingen, von wohlschmeckenden Dingen, von fetten Dingen“. Den kleineren Marché d’Aligre nannten die Pariser damals den zweiten Bauch von Paris. Neben solchen eingestreuten historischen Aperçus folgt Jungk immer wieder Typen wie Jean-Jacques mit dem fettigen Haar und den grellbunten Tätowierungen, der was auch immer für Pillen einwirft. Er porträtiert die alte Bettlerin, die jeden begrüßt, und erzählt von der Marktfrau, die eher wie eine Bankangestellte auftritt und dem Erzähler unbedingt seine Illusion über diesen vermeintlich friedvollen Ort nehmen will, wenn sie ihm berichtet, wie die Produkte auf dem Markt von Verbrechersyndikaten unter sklavischer Ausbeutung ihrer Arbeiter auf die Stände gelangen.

Schattenseiten spart der Erzähler nicht aus. Der Romantisierung des jungen Designers etwa, der im Markt das Abbild einer „idealen modernen Gesellschaft“ mit Modellcharakter für die Gegenwart erkennen will, stellt Jungk die Spannungen entgegen, die er unter den Marktleuten beobachtet. So etwas wie Gleichheit vor der Bananenkiste bleibt zuletzt ein frommer Wunsch, auch hier. Wer da mit wem innerhalb der Familien verfeindet ist, wie Hierarchien gelebt und vererbt werden, auch davon handelt diese teilnehmende Beobachtung. Das untergründige Brodeln kommt vollends zum Ausbruch, als eines Tages die Markthalle abbrennt und der Verdacht von Brandstiftung aus Vergeltung im Raum steht.

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Trotzdem überwiegt der Sehnsuchtsort des Aligre, selbst als nach den Anschlägen von Paris die Verunsicherung unter den Händlern steigt, weil sie einerseits fürchten, von der Gesellschaft in Sippenhaft genommen zu werden, oder andererseits sich in krude Entlastungsphantasien hineinsteigern. Zuletzt sind es eine Reise des Erzählers an eine amerikanische Universität, an der er unterrichtet, und der Besuch eines Walmart-Kaufhauses, die in ihm das überwältigende Gefühl auslösen, das ein Kindergefühl ist: Heimweh.

Peter Stephan Jungk: „Marktgeflüster“. Eine verborgene Heimat in Paris. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2021. 224 S., geb., 24,– €.

Quelle: F.A.Z.
Sandra Kegel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Sandra Kegel
Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.
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