Die Lyrik des Ben Lerner

Ein Überflieger ist dieser Autor auch als Dichter

Von Andreas Platthaus
25.05.2021
, 16:17
Anne Reibolds Illsutration zu Ben Lerners Lyrik
Mit seinen bislang drei Romanen hat sich der amerikanische Schriftsteller Ben Lerner in die Herzen, vor allem aber die Hirne auch des deutschen Publikums geschrieben. Nun kann hierzulande sein Werk als Lyriker entdeckt werden.
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Ein zentraler Topos der Texte des Schriftstellers Ben Lerner ist der Flugplatz, ist die Flugkabine – als Orte des Übergangs, jedem Menschen in der westlichen Welt, zumal einem Amerikaner, zumal einem aus der Provinz stammenden, nämlich aus Topeka in Kansas, tief vertraut, und doch immer wieder Stätten der Veränderung, die sich nicht im körperlichen Transfer erschöpfen, sondern auch Umdenken erfordern. Ein Weiterdenken über den im Wartebereich oder in der Abgeschiedenheit des Flugzeugs erzwungenen individuellen Stillstand bei rasender Bewegung um einen herum hinaus: Hier kann man nie gesehene Beobachtungen machen vom Außen, über das man hinwegfliegt, und von anderen, mit denen man fliegt und die einem nicht entkommen können (und man selbst ihnen auch nicht). Wenn man so will, ist das auch das Grundprinzip von Lyrik in ihrem scheinbar so festgefügten formalen Rahmen, der aber nur Mittel zum Zweck ist, um Überwindung der dem Menschen gesetzten Grenzen zu ermöglichen – hier sprachlich, dort geographisch. Und so klingt das dann in einem von Lerners zahlreichen Gedichten, die Flugreisen thematisieren (und so viel mehr, nicht zuletzt die eigene Poetik):

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In einer unbewussten Anstrengung meine Stimme zu bündeln

Schlucke ich Kaugummi. Ein alter Mann weint am Flughafen

Einem Anschlussflug nach. Die Farbe von Geld ist

Nachtsicht-Grün. Ari nimmt die Haarklammern raus

Ich nehme die Interpunktion raus. Unser Kühlschrank ist leer

Bis auf Wodka und Filme. Lass die schönen

Fragen ohne Antwort. Es sind noch sechs Seiten übrig

Von unserer Jugend und eher würde ich meine Zunge verschlucken

Als sie an Beschreibung verschwenden

Wüsste man nichts über den Mann, der das schreibt, erzählte dieser Neunzeiler doch sehr viel von ihm. Über seine amerikanische Herkunft (die grünen Dollarnoten), seine Frau (Ari), seinen Beruf (Dichter, der kreativ mit Interpunktion umgeht – man beachte, dass es am Zeilenende niemals Satzzeichen gibt, während sie innerhalb der Verse erhalten bleiben), seine Vorlieben (Alkohol, Fotografie), ja selbst sein Alter, wenn er anspricht, dass er das Ende der Jugend nahen sieht. Als Lerner dieses Gedicht schrieb, stand er kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag.

Selbstironie spielt eine wichtige Rolle

Es stammt aus seinem bislang letzten, im amerikanischen Original 2010 erschienenen Lyrikband, „Mean Free Path“, der dritte nach „The Lichtenberg Figures“ (2004) und „Angle of Yaw“ (2006). Alle drei sind nun versammelt in einem aufwendig gestalteten Band, der die englischen Gedichte und deren Übertragungen durch den deutschen Dichter Steffen Popp (und bei einem kleineren Teil durch die deutsche Dichterin Monika Rinck) enthält. Die prominente Übersetzungsbesetzung spricht schon für die Kunstfertigkeit von Lerners Versen. Der provozierende Titel des Sammelbands – auch im Original – jedoch lautet „No Art“.

Ben Lerner: „No Art“. Gedichte. Poems.
Ben Lerner: „No Art“. Gedichte. Poems. Bild: Suhrkamp Verlag

Er zitiert ein eigens für dieses Buch verfasstes Schlussgedicht, in dessen erster Strophe es programmatisch heißt: „No art is total“. Derartige Extrahierungen von Satzbestandteilen, Montagen von Zitaten und Sprachbildern sind Lerners poetisches Prinzip. Und (Selbst-)Ironie spielt eine wichtige Rolle. So heißt denn auch ein hundertseitiger Essay, der 2016 schon die amerikanische Publikation von „No Art“ flankierte, „The Hatred of Poetry“. Nikolaus Stingl, Standard-Übersetzer von Lerners Prosa, hat für die deutsche Fassung den Titel „Warum hassen wir die Lyrik“? gewählt – eine durch die Personalisierung leicht abgemilderte Version gegenüber dem ursprünglichen „Hass auf Lyrik“.

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Was durch den Hass auf ein Genre erst geleistet wird

Selbstverständlich sind beide Titel nicht ernst gemeint. Lerner liebt Lyrik abgöttisch. Das muss man buchstäblich verstehen: Sie steht ihm für ein höheres, dem Menschen unerreichbares Prinzip. „Man kann nur Gedichte verfassen, die, wenn sie mit vollkommener Verachtung gelesen werden, einen Ort für das echte Gedicht freiräumen, das niemals erscheint“, heißt es im Essay. Und in Lerners Debütroman „Abschied von Atocha“ argumentiert der seinem Verfasser auffällig ähnliche Ich-Erzähler: „Wenn ich ein Dichter war, so war ich dazu geworden, weil die Dichtkunst in stärkerem Maße als jede andere Praxis außerstande war, sich ihrer eigenen Zeitwidrigkeit und Marginalität zu entziehen...“ Hier ist eine geradezu hegelianische Dialektik zugange; der Hass auf Dichtung ist Bedingung der Möglichkeit des Dichtens, weil der Dichter sonst vor dieser Herausforderung kapitulieren müsste.

Ben Lerner: „Warum hassen wir die Lyrik?“ Essay.
Ben Lerner: „Warum hassen wir die Lyrik?“ Essay. Bild: Suhrkamp Verlag

Lyrik stand am Beginn von Lerners schriftstellerischer Tätigkeit: Mit der Trias seiner Gedichtbände hat er, ein Schüler des in Providence Literaturwissenschaft lehrenden Ehepaars Rosmarie und Keith Waldrop, in seinem Heimatland Furore gemacht. Einem großen internationalen Publikum aber wurde er erst durch seine drei Romane bekannt, die seit 2011 herauskamen; nach „Abschied von Atocha“ folgten „22:04“ (2014) und „Die Topeka Schule“ (2019). Dabei sind sie für Ben Lerner nur Vehikel: „An Romanen liebe ich am meisten“, sagte er einmal, „dass man einen Raum hat, um Begegnungen mit Gedichten thematisieren und nachvollziehen zu können, was passiert, wenn ein Gedicht von einem Bereich sich in einen anderen bewegt.“ Das literarische Äquivalent zur Flugreise.

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Der lange Weg der deutschen Leser zu Lerners Lyrik

Lerner als Lyriker konnten seine deutschen Leser getreu diesem Programm dank einiger eingestreuter Gedichte in den stark autobiographisch grundierten Romanen kennenlernen. Und durch die Aussage seines Alter Egos in „Die Topeka Schule“: „Er wollte Dichter werden, weil Gedichte Zauber waren, Sinn zunichtemachender und neu stiftender Klang, der Gewalt zufügte und abwehrte, der einen berühmt und – sei es fürs Ausgelöschtwerden – berühmt machte und noch andere Auswirkungen auf Körper haben konnte: sie einschläfern oder aufwecken, Tränen oder andere Formen von Lubrikation hervorrufen konnte, Schwellung, das Sichaufrichten kleiner Härchen.“ Es ist auch ein erotisches Versprechen, das Lerner hier für die Lyrik abgibt.

Der Schriftsteller Ben Lerner
Ben Lerner Bild: Catherine Barnett/Suhrkamp

Doch um es eingelöst zu sehen, fehlte es auf Deutsch bislang an den eigentlichen Gedichtbänden. 2011 war zwar der erste übersetzt worden, aber er erschien beim seitdem eingegangenen Lux Verlag und ist längst nicht mehr greifbar. Immerhin brachte dieses Buch Alexander Kluge auf Lerners Spur, und wie sich herausstellen sollte, war Lerner wiederum – wenig überraschend – ein Bewunderer von Kluges assoziativem Denk- und Schreibstil. Daraus erwuchs der Gemeinschaftsband „Schnee über Venedig“, der 2018 bei Spector Books erschien und unter anderen zweisprachig wiedergegebenen Gedichten vierzehn „langsame Sonette für Alexander Kluge“ enthielt, also einen veritablen Sonettenkranz, der Lerners Liebe zur lyrischen Tradition ebenso sichtbar machte wie seine revolutionären Ambitionen, denn hinsichtlich der Form blieb in diesen Sonetten wenig anderes beim Alten als die zwingende Zahl von vierzehn Versen. Lerner nahm sie als Ausgangspunkt für eine völlige Neudeutung des Verständnisses von Rhythmus und Zeilenerscheinungsbild – einige seiner Verse sind so lang wie Buchabsätze und gehorchen einer rhythmischen Logik, die nicht im klassischen Verständnis von Poesie wurzelt. Es ist eine Art von „Free Verse“, analog zum Free Jazz, dabei aber wie dieser unbedingt formbewusst.

Im Sprachgewitter der Licht-Bilder

Umso enttäuschender ist bisweilen die übertragende Annäherung Steffen Popps daran, die sich – als machte Popp sich Nabokovs Plädoyer für sinn- statt formgemäßes Übersetzen von Lyrik zu eigen – in einer inhaltlich linearen Wiedergabe erschöpft (noch gesteigert durch Anmerkungen zu spezifisch amerikanisch-lebensweltlichen Phänomenen, aber nicht zum reichen Erbe der englischsprachigen Lyrik, über das Lerner gebietet). Rhythmus, Assonanzen, Pathos – alles bleibt ohne Echo in den deutschen Versionen, als strebten sie das Abbild einer von Lerner bedichteten Realität an, die dieser Lyriker doch gerade für unaussprechlich hält. Seit 2004, von Beginn an also, übersetzt Popp schon Lerners Gedichte. Es sind keine verlorenen Jahre, aber sie brachten im Sinne von „Warum hassen wir die Lyrik?“ eher einen dialektischen Vermittlungserfolg, weil man die Defizite zum Original überdeutlich spürt. Und daran gottlob auch überprüfen kann. Überfliegen darf man die englischen Texte in „No Art“ deshalb nicht.

Explosion der Raumfähre „Challenger“ 1986
Ausgangspunkt eines Dichters: Als die Raumfähre „Challenger“ am 28. Januar 1986 explodierte, war Ben Lerner sieben Jahre alt. Ronald Reagans Rede brachte ihm Lyrik nahe. Bild: dapd

Interessant wäre auch gewesen zu erfahren, warum in der deutschen Fassung des Bandes in Absprache mit Lerner auf zwei Gedichte verzichtet wurde. Das lange „The Dark Threw Patches Down Upon Me Also“ hat teilweise Eingang in den Roman „22:04“ gefunden und hätte also mit der Übersetzung dieser Passagen durch Stingl verglichen werden können. „Contre-Jour“ (Gegenlicht) dagegen, 2014 in der Paris Review veröffentlicht, ist kurz, aber brillant – und im Sprachgewitter seiner Licht-Bilder ein Paradestück für die Perspektive des Kameraauges, das der in Film- und Fotometaphern verliebte Ben Lerner lyrisch zum Einsatz bringt.

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Der lichtschnelle Eindruck, der Blitz, die Explosion sind Konstanten in dessen Poesie, deren Erwachen er selbst auf den Eindruck zurückführt, den die Rede Ronald Reagans nach dem Absturz der Raumfähre „Challenger“ auf den damals gerade Siebenjährigen im Jahr 1986 gemacht hat. In den Romanen, im Essay, in den Gedichten kehrt jeweils die Erfahrung dieses gescheiterten Versuchs, die Grenzen hinter sich zu lassen, wieder, „but a poem may prefigure its own irrelevance, / thereby staying relevant / despite the transpiration of extraneous events“. Heißt in Popps Übersetzung: „aber ein Gedicht kann die eigene Irrelevanz vorwegnehmen / und so relevant bleiben, / äußeren Ereignissen zum Trotz“. Ganz abgesehen vom Verzicht auf die Rhythmik des Originals und den Schweiß (transpiration), lässt der Wegfall des Possessivpronomens unklar werden, ob Gedicht oder Dichter irrelevant ist, und das ist ein Unterschied ums Ganze in Lerners Poetikverständnis. Diesen Überflieger ein- und heimzuholen stellt sich als Ikarusaufgabe heraus. Da ist noch etwas zu tun.

Ben Lerner: „No Art“. Gedichte. Poems . Aus dem Englischen von Steffen Popp in Zusammenarbeit mit Monika Rinck. Vorwort von Alexander Kluge. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 512 S., geb., 34,– €.

Ben Lerner: „Warum hassen wir die Lyrik?“ Essay. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 100 S., br., 14,– €.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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