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Rachel Kushners Gefängnisroman

Der Traum der Delinquentin

Von Jan Wiele
 - 22:57
Populäre Erzählung aus einem Frauengefängnis: Uzo Aduba (links) and Samira Wiley in der Netflix-Serie „Orange is the New Black“

Was kann realistische Literatur im Zeitalter des Streamings noch mehr leisten, als die besten Filmserien es können? Das muss sich zwingend auch die Schriftstellerin Rachel Kushner gefragt haben, als sie ihren neuen Roman schrieb, denn er berührt gleich mehrere in den neuen amerikanischen Serien überaus beliebte Themen. Wem fiele, wenn er nicht in den letzten zehn Jahren vollständig die Augen vor der neuen Entwicklung verschlossen hat, bei einem Sujet wie „Frauengefängnis“ nicht sofort „Orange is the New Black“ ein? Wem, wenn es um die unbefriedigende Leistung von Pflichtverteidigern geht, nicht die knallharte Serie „Goliath“ oder die satirische Variante „Better Call Saul“? Wem, wenn es um kriminelle, zur Selbstjustiz neigende Polizisten und Vollzugsbeamte geht, keiner der unzähligen Filme und Serien von „Bad Cop“ bis zu „Bosch“?

Was die Literatur hier also noch besser machen soll, ist wirklich nicht leicht zu sagen, weil die genannten Fiktionen so gut sind. So gut recherchiert, so gut verdichtet, und mit dem Serienformat eben auch: so fein verästelt bis in die vermeintlichen Nebengeschichten. Eben weil diese fiktionalen Formate so gut geworden sind, muss man, zurück bei der Rezension des vorliegenden Buchs, sogar allererst feststellen: Rachel Kushner liefert all das, was sie können, darin auch. Sie zeigt uns die Realität einer „Northern California Women’s Facility (NCWF)“ mit Insiderwissen und lakonischer Härte, sie weiß, wie Dialoge darin klingen und wie die Wärter die Einrichtung unter sich nennen: „No Cunt Worth Forty K, Keine Fotze vierzig Riesen wert“ – anspielend auf die, so wird es hier beschrieben, Zwickmühle jener Wärter „zwischen ihrem Job und leichtem Spiel mit den Insassinnen“.

Die Autorin weiß, wer in dieser Anstalt Markenschuhe trägt, wer das Privileg genießt, auf dem Zimmer zu essen, dass Tattoos in korrekter Rechtschreibung ein Alleinstellungsmerkmal sind, wie die Frauen Knastlikör brauen und wie sie im Todestrakt kommunizieren. Kushner zeigt uns in Nahaufnahme eine dieser jungen Frauen, die keine dreißig Jahre alt ist und zweimal lebenslänglich absitzt, weil sie ihren Stalker erschlagen hat.

Und damit hat man dann auch die Antwort darauf, was dieser Roman besser kann als der Film: Er kann uns dauerhaft die komplexe, widersprüchliche Innensicht einer Figur zeigen, die erst Opfer war, bevor sie Täterin wurde. Die in ihrer Erzählung schwankt zwischen Wut und Witz, und die zwischen den abgebrühtesten Einsichten plötzlich den literarischen Satz sagt: „Das Problem an San Francisco war, dass ich dort nie eine Zukunft haben konnte, nur eine Vergangenheit.“ Ob das nun realistisch ist? Wer das nicht glaubt, braucht das Buch nicht zu lesen, denn es handelt im Kern von der Möglichkeit, dass eben jene junge Delinquentin eine literarische Stimme und, trotz oder gerade wegen ihres verkorksten Lebens, eine poetische Weltsicht hat. Vollends zum Ausdruck wird diese kommen, wenn der Frau am Ende die Flucht aus dem Gefängnis gelingt und sie in den kalifornischen Wäldern ihren „place beyond the pines“ zu finden scheint.

Den Wunsch nach mehr, nach poetischer Tiefe, legt Kushner auch noch in einer anderen Romanfigur an, dem Gefängnisaufseher Gordon, der in einer einsamen Hütte Thoreaus „Walden“ liest, allerdings im Wechsel mit den Tagebüchern des „Unabombers“ Ted Kaczynski. Diese kurz aufblitzende Überblendung zwischen dem romantischen Eigenbrötler und dem Terroristen als Kippfigur der amerikanischen Kulturgeschichte hätte bei T. C. Boyle wahrscheinlich einen ganzen Roman gezeitigt; bei Rachel Kushner bleibt es bei einem Schlaglicht zu der immer wieder aufscheinenden Frage, was eigentlich die Menschen in der Gefängniszelle von denen außerhalb so stark unterscheidet. Gewisse sichtbare Unterschiede gibt es aber schon: Gordon etwa erinnern die Kollegen der „Vollzugsbediensteten, viele von ihnen zu dick zum Laufen, an die fettleibigen Zwillinge aus dem Guinness-Buch der Rekorde, Zwillinge mit Cowboyhüten, die auf dem Moped vom Schlafzimmer in die Küche fuhren“. Auch diese Art der blitzartigen Innensicht, typisch für Kushners Roman, ist vielleicht ein Alleinstellungsmerkmal der Literatur.

Rachel Kushner: „Ich bin ein Schicksal“. Roman. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell. Rowohlt Verlag, Hamburg 2019. 397 S., geb., 24 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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