Rezension: Belletristik

1778

Aktualisiert am 27.04.1998
 - 12:00
Christoph Martin Wieland "Die Abderiten"

Eines schönen Herbstabends, schreibt Wieland, habe er vor lauter Langeweile aus dem Fenster geschaut. Sein Genius, sagt er, habe ihn verlassen gehabt, weder denken noch lesen habe er können. Übel gelaunt sei er auch gewesen, die Welt habe ihm nicht gefallen - und da habe er sich an ihr zu rächen begonnen und die "Abderiten" geschrieben. Er veröffentlichte sie schubweise im "Teutschen Merkur", den er gerade herauszugeben begonnen hatte; er gab ihn heraus, teils, weil jeder Intellektuelle doch gern eine Zeitschrift hat, teils, weil er fand, die Deutschen brauchten eine, teils, weil er Geld brauchte. Im zweiten Jahrgang gleich druckte er seine "Abderiten" dort, für die Leser der ersten Stunde. Wer später dazukam, und das waren sehr viele, die Zeitschrift hatte sich wirklich etabliert (sowas scheint heute in Deutschland kaum möglich - oder haben wir keinen Wieland?), der kriegte jetzt, 1778, drei Jahre vor der vollständigen Buchveröffentlichung, diese legendären "Abderiten" in einer wesentlich überarbeiteten, erweiterten Fassung noch einmal ins Haus - die Idee eines verdrossenen Augenblicks hatte sich verselbständigt, und was ein hingeworfener ernster Scherz war (wie vor Jahren einmal die von Sterne so wunderbar frisch inspirierten "Dialoge des Diogenes von Sinope"), das wurde jetzt Humor: der Witz derer, die eigentlich gar keinen haben. Wieland selber hatte Witz, den schönsten Witz, den je einer hatte in diesem Land ohne Diderot; aber irgend etwas (ich glaube, sein Genius hatte ihn wirklich für ein Weilchen verlassen gehabt, und er hatte es nicht gemerkt) brachte ihn dazu, mit seinem Witz hausieren zu gehn, Freunde zu gewinnen mit seinem Witz - und wirklich, gleich hatte er sie alle am Hals; einige, die sich getroffen fühlten, maulten noch ein bißchen, aber alle andern hatten nun bei ihm und seinen Abderiten gefunden, was sie zum Feierabend wollten von den Dichtern: Humor. Selten hat ein großer Mann so sehr wie Wieland diesen einen Augenblick des gelangweilten Ausdemfensterschauens so entsetzlich büßen müssen - er hatte den "Agathon" geschrieben und den "Don Sylvio" und den "Goldenen Spiegel", er schrieb noch den "Peregrinus Proteus" (was für ein Buch!), den "Agathodämon", den "Aristipp" - nichts half, er blieb der Dichter der "Abderiten". - Leute, schaut nicht aus dem Fenster - unten ist nichts. (Christoph Martin Wieland: "Die Abderiten". Eine sehr wahrscheinliche Geschichte. Reclam Verlag, Stuttgart 1958. 400 S., br., 12,- DM). R.V.

Die Abderiten

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.04.1998, Nr. 97 / Seite 46
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