Rezension: Belletristik

Botschaften einer Klette

07.12.1996
, 12:00
Stefanie Menzinger schreibt baltische Briefe · Von Peter Demetz
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Wenn das ein Roman ist, wie das Titelblatt sagt, dann jedenfalls einer, in dem uns keine der üblichen Realia den Blick auf die Menschen verstellen. Stefanie Menzinger, nach ihren germanistischen und slawistischen Studien Sprachlehrerin in einer der baltischen Republiken und mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnet, in Klagenfurt und anderswo, hat schon in früheren Arbeiten eine trockene Prosa der sinnlichen Präzision entwickelt, die den Intellekt vergnügt, ohne durch wolkige Abstraktionen zu lähmen. Es kommt ihr nicht so sehr auf Historie, Gesellschaft oder Möbel an als auf Charaktere, die sich mitteilen, und in ihrem neuen Buch mit dem Titel "Wanderungen im Innern des Häftlings" zieht sie sich als Erzählerin zumeist diskret zurück und folgt den Traditionen des Briefromans (der kühleren französischen Art eher als der empfindsamen englischen), um sie für ihre Zwecke zu nutzen. Sie halbiert sie, denn sie legt uns nicht ein Hin und Her der Korrespondenz vor, sondern beschränkt sich auf die Episteln einer gewissen Emily Hazelwood, die keinen tieferen Wunsch hegt als den nach menschlicher Nähe.

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Sie lebt allein in einem Haus in den Provinzen, führt ihren Hund spazieren, und der Gedanke liegt nahe, daß ihre Briefe, die sie selbst "merkwürdige Konstrukte" nennt, ihre eigentlichen Erfahrungen konstituieren, ihre Phantasie zu kühnen Flügen reizen und ihr die Chance geben, die sanftesten und schrecklichsten Geschichten zu erzählen. Jedenfalls hat sie sonst nicht viel zu tun. Ein Faktotum, Herr Johannsen, sorgt für ihr labiles Wohl (er lackiert ihr auch die Zehennägel, und sie träumt davon, ihm ihre Zehen in den kleinen Mund zu schieben, aber nur, wenn er nicht dabei ist), und es ist auch nicht so wichtig, daß sie auf die baltische Küste zu blicken vermag.

Die Bernsteinsucher interessieren sie mehr, besonders wenn sie schöne Muskeln haben, als die Entwicklungen der neuen Republik. Die Leute stehlen Glühlampen in den öffentlichen Ämtern, für zu Hause, und mit dem warmen Wasser im Badezimmer gibt es auch Schwierigkeiten. Ihre Briefe sind ihre Welt, und sie kommen uns, so schwer und brutal die Welt sein mag, federleicht entgegen.

Das ist eben der verführerische Trick Emilys, die alles daransetzt, den Empfängern ihrer epistolarischen Besessenheit, Männern und Frauen, unter die Haut zu kriechen, um ihre Anteilnahme zu wecken oder sie gar dazu zu bewegen, sie in ihrem Haus aufzusuchen. Sie ist eine postalische Klette, die nicht lockerläßt, und ein listiges Biest, das seine Farben, Formen und Geschichten je nach Adressaten wandelt und endlose Fragen stellt, taktvolle und taktlose, alle anteilnehmend und doch nichts anderes als ein elastisches Sicheinschleichen in ein anderes Leben. Von einer Frau, der in einem Hotel Gewalt angetan wurde, verlangt sie den Lageplan ihres Zimmers, und ein anderer, der bei dem berühmten Untergang eines baltischen Fährschiffes gerade noch mit dem Leben davonkam, soll ihr doch, bitte, genau beschreiben, was er gerade in jenem Augenblick dachte, als die Meereswogen in die Schiffsbar einbrachen.

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Sie sucht ihre Brieffreunde zu manipulieren, auf die sanfte oder auf die laszive Art, und lügt wie geschrieben, wenn es darum geht, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Einem Witwer berichtete sie, eine poetische Mutzenbacherin, über die beachtliche Sammlung ihrer spitzen Schnürschuhe (im Winter pelzgefüttert, damit der Frost nicht vom Boden hochkriecht und sich oben als "Vogelnest-Kälte" einnistet), und als eine Korrespondentin schreibt, sie hätte entdeckt, wie sie ihr Schwiegervater durch ein Loch in der Badezimmerwand beobachtete, da gibt's für Emily kein Halten mehr, und sie übertrumpft die Brieffreundin durch eine Stripteasegeschichte aus einem Hamburger Schwimmbad. Dort wies ihr der Schwimmeister eine oben offene Kabine an, in die er und eine Gruppe Jungen hinabblickten, und doch ging Emily sieben Tage in der Woche in diese Kabine, um sich im Zeitlupentempo aus- und anzukleiden (es folgt die genaue Reihenfolge der Kleidungsstücke, aber ich fürchte, Emily überschätzt den Zauber ihrer Strumpfhosen, die sie dauernd auf- und abrollt).

Emily zögert jedenfalls nicht, selbst ihren Körper zu korrigieren, wenn es darum geht, bei Gleichgesinnten Interesse zu erregen. Sie prahlt einem mit ihrer Gesundheit, um gleich darauf einem anderen über Schwächezustände und Blutstürze zu klagen und sich in ihren Mitteilungen an ihren Lieblingsadressaten Beat, dem die langen Wimpern wie "gekämmte Teppichfransen" um die Wangen liegen, ein wenig lyrisch zu ergehen, "die kreuz und quer stürzenden Möwen erinnerten Emily an ihre Unterwäsche in der Kommode", und ihn sachlich über ihre psychosomatischen Durchfälle aufzuklären. Wenn's paßt, hat sie plötzlich nur einen halben Fuß (den anderen hat sie bei einem früheren Radfahrunfall eingebüßt), und in ihren Briefen an ihre Freundin Cilli, die sich gerade von einer Brustoperation erholt, spielt sie prompt ihre melancholisch postoperative Rolle.

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In anderen Briefen berichtet sie wohlgefällig, daß Herr Johannsen, der ihr auch beim Baden hilft, ihre vollen Brüste "Schlumpeldinger" oder "überdüngte Birnen" genannt hätte, aber Cilli soll daran glauben, auch Emily sei ein Opfer der Chirurgen, und sie lädt sie zu einem Silvesterfest der Amazonen ein, "um Bogenschießen zu üben und die Sehne nah über unserem freigeschnittenen Herzen zu spannen". Damit führt sie nicht nur Cilli in die Irre, sondern auch den Verfasser des Klappentextes, der uns versichert, das Buch ende mit einem Amazonenfest. Nichts dergleichen - die Silvesterparty ist eine ziemlich zahme Angelegenheit, und als Cilli ihre Freundin ins Badezimmer zieht, um ihr die Operationsnarbe zu zeigen, hat die angebliche Amazone Emily einen schlimmen Augenblick, aber Cilli hat das Versprechen längst vergessen.

Emily behauptet zwar, sie hätte "ihr wunderliches, verrücktes Unglück nicht aus Büchern und Romanen, wie manch einer glauben mag", aber Stefanie Menzinger weiß allzu gut, daß in der modernen Epik Intertextualität und spielerische Assoziationen von Vorteil sind. Sie stellt Emilys brieflichen Vergnügungen einen amerikanischen Vierzeiler voraus, von einer anderen Emily, Emily Dickinson nämlich, die sie allerdings nur durch Initialen identifiziert. Emily Hazelwood ist nicht Emily Dickinson und doch wieder auch. Und die baltische Küstenstadt ist nicht das amerikanische Universitätsstädtchen Amherst in Neuengland, wo Emily Dickinson in selbstgewählter Einsamkeit lebte. Aber ein Hinweis ist es doch, wie wir dieses Buch lesen könnten, und ganz gewiß eine barocke Hommage.

In ihrer Strophe aus dem Gedicht "301" spricht Emily Dickinson davon, wie eng und begrenzt das Irdische und wie endlos und absolut die metaphysische Angst des Menschen ist (wer kümmert sich darum, daß sie leiden), und während ich an Emily Hazelwood denke, vergeht mir das Lachen über die komische Brieftante, und ich fühle mich eher dazu bewegt, ihre Mitteilungen als fragmentarische Stücke eines Monologs über Geist und Körper zu lesen, die untrennbar sind. Der Mensch ist keine Maschine, sondern ein verletzliches Zugleich von Fleisch und Beseelung, und Emilys Briefe über ihre fiktive Gummibrust oder die entsetzliche Geschichte von der hungrigen Ratte, die sich buchstäblich, von den Leisten her durch die Organe eines Häftlings hindurchfrißt, ehe sie ihn, den längst Toten, durch den Mund wieder verläßt, erklärt den Titel und hat in ihrer physiologischen Metaphysik mehr als anekdotische Bedeutung. In dieser Prosa von nicht ganz zweihundert Seiten steht mehr von den Menschen als in anderen Büchern, die fünfhundert brauchen, und Stefanie Menzinger zählt von nun an zu jenen wenigen Autorinnen und Autoren, die die Zukunft der Literatur im Kopfe tragen - zumindest jener, die sich nicht in korrekten und voraussehbaren Sentimentalitäten erschöpft.

Stefanie Menzinger: "Wanderungen im Innern des Häftlings". Roman. Ammann Verlag, Zürich 1996. 190 S., geb., 34,- DM.

Wanderungen im Innern des Häftlings

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.12.1996, Nr. 286 / Seite B5
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