Rezension: Belletristik

Gerechtigkeit auf Erden

05.11.1996
, 12:00
Letztes Gefecht: Die Gaddis-Welt ist die Nina-Ruge-Welt / Von Hanns-Josef Ortheil

Nehmen wir uns Zeit. Vor uns liegt der siebenhundertneunzehnseitige Roman "Letzte Instanz" von William Gaddis, der die Buchmessenbeilagen gleich mit zweien seiner gerade ins Deutsche übersetzten Romane durchkreuzte - womit unser Herbst zu einem Gaddis-Herbst geworden war und nur noch die Pflicht bestand, zumindest eines seiner gewaltigen Werke zu lesen. Wir zogen uns in ein kleines Holzhaus in den deutschen Mittelgebirgen zurück, stellten reichlich Weißwein kalt, legten Eßvorräte an, ließen den Fernseher verschwinden und schlugen das siebenhundertneunzehnseitige Werk auf, das uns in den Literaturbeilagen als Meisterwerk angepriesen worden war, überall mit beinahe denselben hymnischen Vokabeln, ein seltsamer Fall von Kritikereinigkeit.

Wir aber wollten einfach nichts anderes als lesen. Wir wollten weder den erlesenen Interpretationen folgen noch uns durch das Autorenfoto allzusehr beeindrucken lassen, wir wollten so tun, als müßte uns das Meisterwerk ganz persönlich heimsuchen und bekehren, und so nahmen wir uns Zeit.

Wir waren darauf gefaßt, daß die Romane von Mister Gaddis irgendwo anfangen, daß ihre Handlung von keinem Erzähler präsentiert wird, sondern alles Geschehen in Dialoge gepackt wird, die handelnden Personen reden sich, könnte man sagen, ihr Leben von der Seele, sie kommen also gar nicht dazu, dieses Leben wirklich zu leben: Aber halt, mit solchen Erwägungen wären wir ja schon in die Kritikerfalle gelaufen. Das Meisterwerk "Letzte Instanz" fängt also irgendwo an, zwei Personen reden miteinander, seitenweise begreifen wir kaum etwas, bis es uns zuviel wird, wir müssen zurück und wieder von vorne beginnen, um uns ganz langsam in die Figuren und vor allem in ihr Reden hineinzuarbeiten. Wir sind erfahrene Leser, aber unsere Lesekunst versagt vor dem Tempo, das Mister Gaddis zu Beginn anschlägt. Er führt seine Gestalten nicht ein, er bereitet das Geschehen nicht zu, er drischt uns vielmehr hinein, und das wissen wir nun und sind gewarnt.

Also werden wir vorsichtig. Für die ersten dreiunddreißig Seiten brauchen wir beinahe einen ganzen Tag und zwei Flaschen Weißwein. Kein Essen will uns so recht schmecken, wobei uns seltsam berührt, daß es den Gestalten von Mister Gaddis ganz ähnlich ergeht, vor allem der Hauptgestalt, dem Historiker und Dramatiker Oscar J. Crease, der kaum etwas zu sich nimmt, der niemanden an sich heranläßt, der eine Flasche Pinot Grigio nach der nächsten trinkt, ausgerechnet diese Plörre, aber wir verstehen ihn, denn die Welt, mit der er es zu tun hat, ist nur der verstärkte Ausdruck von Pinot Grigio, ein wäßriges, geschmackloses, sich entziehendes Neutrum, das . . . Aber wir wollten nicht interpretieren.

Überrollt hat man uns, soviel können wir später sagen, mit einer Serie von Rechtsfällen: Alle Gestalten dieses Romans sind auf beinahe dämonische Weise mit irgendwelchen, in ihren Ursachen meist peinigend lächerlichen Rechtsfällen verbunden: Ein Auto setzt sich in Bewegung und überfährt fahrerlos seinen Besitzer, ein Hund verfängt sich in den abstrakten Käfigzangen des bildhauerischen Werkes eines mittelmäßigen Künstlers, ein filmisches Trivialepos über den Amerikanischen Bürgerkrieg scheint das einzige dramatische Werk eines erfolglosen Historikers und Dramatikers zumindest in einigen Szenen unverhohlen zu plagiieren.

Dieser Historiker und Dramatiker ist unser Oscar Crease. Wenn uns etwas in diesem Roman ans Herz zu wachsen beginnt, dann ist er es. Er fragt nach, er begreift nichts, er ist der Naive schlechthin in einem wahren Dschungel von Rechtsfällen und anderen rechtsfallähnlichen Prozessen. Irgendwann, vor vielen Jahren also, hat Oscar einmal ein Stück geschrieben, sein persönliches, familiäres Heldenepos über den Amerikanischen Bürgerkrieg, und irgendwann, zufällig jetzt, wird irgendwo von einem Riesenleinwandspektakel berichtet, dessen aufgedonnerte Handlung auf einigen Szenen seines Stückes zu beruhen scheint. Oscar will prozessieren, er will ran an das große Geld, vor allem aber will er ran an die Mumie seines Dramas, um ihr, auf dem Wege über den Prozeß, neues Leben einzuhauchen.

Wir haben jetzt eine gute Lesewoche, den Tag zu vierzehn Stunden und drei Flaschen Weißwein (Rheingauer Riesling), hinter uns; an den Abenden dröhnt uns der Kopf von der unablässig rauschenden Suada der Gaddis-Welt, richtiggehend teuflisch ist diese Suada, man fängt unfehlbar ganz ähnlich zu denken an, so kurvenreich, aufgekratzt, nervös, spät nachts wollen wir diese Rhythmen, um den verdienten Schlaf zu finden, loswerden, und so schleppen wir den wegrangierten Fernseher herbei und zappen uns in den Nachtexpreß von Nina Ruge. Und sofort offenbart sich das Wunder: purer Gaddis, die Nina-Ruge-Welt sieht aus wie von Gaddis inszeniert, eine schaumgeschlagene Mischung von Zahnpasta-, Haarspray- und Kontaktlinsenwerbung, getarnt als Nachrichtensendung für nächtlich Begriffsstutzige oder Weggeschlafene.

Lieber also gleich zurück in den Roman, das ist die bessere, stärkere Dosis, aber wir werden jetzt den Teufel tun, hier die Handlung nachzuerzählen. Schließlich ist der ganze Roman mit seinen Dialogen ja gerade gegen so etwas Festes wie eine Handlung anerzählt, und außerdem zerfällt sie im Falle der Gaddis-Welt in lauter Handlungsfetzen, kleine, scheinbar unkontrolliert herumschwebende Motive, die alle wieder irgendwo auftauchen, fast wie im Detektivroman, fast so heimtückisch aus der Hinterhand von einem anonymen, abwesenden, aber eben doch gottähnlich wissenden Erzähler präsentiert.

Erklären wir es lieber so: Oscar will ein Glas Pinot Grigio trinken und bittet seine Stiefschwester Christina, ihm ein Glas zu holen, während er in den Prozeßakten blättert. Christina antwortet ihm, daß der Pinot schlecht für seine Konzentration sein könne, worauf er sie anfährt, sich nicht um seine Konzentration zu kümmern, sondern um das Glas Pinot Grigio. Christina wird antworten, sie habe sich keineswegs um seine Konzentration kümmern wollen, eher habe sie sich um die Prozeßakten Sorgen gemacht. Oscar wird antworten, sie brauche sich weder zu kümmern noch zu sorgen, und die Prozeßakten vertrügen einiges. Sie wird antworten, die Spuren eines verschütteten Glases auf den Prozeßakten könnten eventuell der Beweis dafür sein, daß . . .

Das ist ein simples, ein überaus simples Muster des Funktionierens der Gaddis-Welt. Es beginnt harmlos, mit einer einfachen Bitte. Schon ihre Beantwortung zweigt von der einfachen Erwiderung ab, im Hin und Her der dann einsetzenden Dialogflut kommt uns alles abhanden, am Ende sogar das Glas Pinot Grigio. Die Worte, das Reden - sie verflüchtigen das Vorhandene, und in den Köpfen beginnt dieser Strudel von Vermutungen, Halbwahrheiten und fehllaufender Psychologie zu kreisen, den wir, je länger wir lesen, mit paranoider Exaktheit überall wahrnehmen. Jelzins Krankenberichte, Lohnfortzahlungsdiskussionen, Sportstudiointerviews, Rechtschreibreformklagen - in solch leeren Wortdebakeln triumphiert die Gaddis-Welt, der Geschwätzmarathon, der mit sich immer neu, wichtig und schlagend heutig gebenden Argumenten daherkommt, die bis zur Unkenntlichkeit verwurstelt werden.

Mister Gaddis beharrt in seinem Roman jedoch darauf, daß wir alle Vorgänge bis ins letzte Detail exakt wahrnehmen. Wir sollen die Lebensgesetze des Geschwätzmarathons, die uns in unserem bisherigen Leben ja keineswegs entgangen sind, nicht nur oberflächlich wiederfinden, wir sollen mit ihnen schmerzhaft vertraut gemacht werden, genau das: schmerzhaft vertraut.

Und so schlüpft Mister Gaddis in die Rolle des anonymen, abwesenden, aber doch allwissenden Gottes und legt uns Beweisstück für Beweisstück vor. Gnadenlos referiert er uns seitenlange Gerichtsurteile, zitiert aus Oscars ödem Bürgerkriegsstück, zwingt uns dazu, Akt für Akt zur Kenntnis zu nehmen, nein, diese Lektüre geht nicht spurlos an uns vorüber, wir haben es mit so etwas wie einem Meisterkurs in nächtlicher Lesefolter zu tun, denn wir wollen diese Urteile und Bürgerkriegsakte am liebsten natürlich nur überfliegen, um mit unseren Figuren zu leben, mit dem schusseligen Oscar, seiner Stiefschwester Christina und den anderen.

Manchmal war es uns einfach zuviel, seitenweise haben wir die eingeschobenen Justizurteile überblättert und wurden prompt gezwungen, wieder zurückzublättern, das wurde allmählich beinahe zur Methode und machte uns zuweilen aggressiv wie Straßenköter. Da aber, wo sich der Lebensstoff dieser Urteile in den langen Dialogen zwischen Oscar und den anderen niederschlägt, da hat dieser gewaltige Roman etwas - ja doch - Bezwingendes. Man kommt aus dem Wogen dieser Stimmen nicht wieder heraus, man erliegt der geradezu hyperzynischen Demonstration ihrer Komik, man will immer mehr Pinot Grigio, immer mehr von all diesen Schnuppergerichten, die aufgetischt werden und die doch niemand ißt.

Egal, nein, nicht egal. "Letzte Instanz" von William Gaddis (wir ahnen nur die enormen Künste und die noch enormeren Anstrengungen, die Nikolaus Stingl aufgeboten haben muß, dieses Werk zu übersetzen), wir sagen es nach mehreren Wochen in einem Holzhaus irgendwo in einem deutschen Mittelgebirge, ist eine Orgie, eine Endzeitfarce, die den großen Gesellschaftsroman des neunzehnten Jahrhunderts ins letzte Jahrzehnt des zwanzigsten einschreibt, mit den neuesten Mitteln und mit der traditionellsten Garantie: dem altmodischen, übergenauen, sich jedem Fleck Entenkot zuwendenden, in die Moleküle der Fahrpläne, Urteile und Kleinszenen vertieften, fassungslos bleibenden Total-Erzähler.

William Gaddis: "Letzte Instanz". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag, Reinbek 1996. 719 S., geb., 48,- DM.

Letzte Instanz

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.11.1996, Nr. 258 / Seite L10
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