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Rezension: Belletristik

Kanonen vor Japan

 - 12:00

In Japan herrscht enormes Interesse an der eigenen Vergangenheit. Die Buchläden und Bahnhofskioske halten meterweise Taschenbuchreihen mit Geschichten aus der guten alten Zeit vor Einbruch der Moderne bereit, und in den auch für Erwachsene konzipierten Manga, den Comics, werden Feldherren und Samurais ebenso gern und pittoresk in Szene gesetzt wie in den populären Fernsehserien, die nach immer gleichem Muster den Sieg der Guten über die Bösen zelebrieren.

Geradezu eine Institution ist das jeweils über ein ganzes Jahr laufende Historienspektakel, genannt taiga dorama (Zyklendrama), das seit mittlerweile Jahrzehnten jeden Sonntag abend um acht Uhr vom halbstaatlichen Fernsehen NHK ausgestrahlt wird. Im Mittelpunkt steht stets eine Einzelfigur, in der Regel ein Mann, aus dessen Perspektive die Ereignisse einer Epoche beleuchtet werden. Je bewegter also die Zeiten, desto besser eignen sie sich zum Stoff für eine Fernsehserie, die die Nation ein Jahr lang fesseln soll und die in der Regel mit der touristischen Aufwertung der Originalschauplätze und anderen Vermarktungsphänomenen einhergeht. Üblicherweise basieren die "Zyklendramen" auf Romanvorlagen, so auch in diesem Jahr, wo man in Japan zum sonntäglichen Familienmahl die Geschichte des "letzten Shoguns" Tokugawa Yoshinobu serviert bekommt.

Das Originalwerk wurde verfaßt von Shiba Ryotaro, dem 1996 im Alter von 72 Jahren verstorbenen Großmeister des historischen Romans, der zugleich auch einer der produktivsten seines Metiers war. Die Gesamtausgabe seiner Werke umfaßt fünfzig Bände. Der Roman, 1966 erstmals veröffentlicht, stammt aus einer Zeit, in der in Japan das Wirtschaftswunder deutliche Konturen annahm und man allgemein optimistisch in die Zukunft blickte. Dies war zugleich die Zeit, in der Shibas Erzählwerke mit den Geschichten von tatkräftigen Männern, die ihres Glückes Schmied und Gestalter des nationalen Wohles sind, ihre große Beliebtheit gewannen. Auch wenn heute die Stimmung im Lande deutlich von Skepsis und von Zukunftssorgen bestimmt wird - Shiba Ryotaro bleibt unverändert populär.

Der Roman spielt in jenen bewegten Jahren um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, als sich die japanische Führung vor eine schicksalhafte Entscheidung gestellt sah. Immer wieder hatten Delegationen der westlichen Mächte um Öffnung der seit fast zweieinhalb Jahrhunderte für das Ausland verschlossenen Häfen ersucht, und 1853 schließlich verliehen die Amerikaner mit einer Abordnung von Kriegsschiffen unter Kommodore Perry und einem Ultimatum "Öffnung des Landes oder Krieg!" der Forderung nach Beendigung der Abschließungspolitik handfesten Nachdruck. Erste Verträge werden erzwungen. Im Land selbst wächst die Unruhe. Eine starke Fraktion von "Patrioten" fordert die Vertreibung der Fremden und gleichzeitig die politische Aufwertung des Kaisers, der jahrhundertelang, abgeschnitten vom politischen Tagesgeschehen, in der alten Hauptstadt Kyoto höfische Rituale zelebrierte, während das Machtzentrum in Edo, dem heutigen Tokio, und beim Shogun lag, der die Regierungsgeschäfte führte.

Doch auch die Macht des Shoguns ist geschwächt. Japan ist ein Land, in dem es "dampfte und brodelte". Die Jahre zwischen 1857 und 1867 sind geprägt von heftigen Debatten im Lande, von Aufruhr, wechselnden Allianzen, Verrat und Meuchelmord. Nichts schien mehr unmöglich "in jenen Tagen, da es nicht selten passierte, daß von einem herrenlosen Samurai beim Sake geäußerte Ansichten am folgenden Tag als kaiserlicher Erlaß im ganzen Land Verbreitung fanden".

Da fällt dem "letzten Shogun" Yoshinobu - "ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Männer" - die schwierige Aufgabe zu, im Angesicht der Bedrohung von außen einen Weg aus dem Chaos zu bahnen. Wie es ihm, dem begnadeten Redner und überragenden Taktiker, gelingt, die innere Ordnung vor dem totalen Zusammenbruch zu bewahren und unter völliger Selbstverleugnung eine Lösung der Krise zu finden, die in der Abschaffung des eigenen Amtes besteht, davon handelt dieser Roman.

Wer nicht davor zurückschreckt, bei der Lektüre ständig mit neuen japanischen Namen konfrontiert zu werden - 54 davon werden in einem Glossar erläutert -, der lernt in einem spannenden Kapitel der japanischen Geschichte am Vorabend der Modernisierung, gesehen aus der Perspektive eines charismatischen Mannes, einen Teil eines japanischen Traumas der Moderne kennen. Es bricht sich immer, auch am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, in der allen Ernstes verfochtenen Idee Bahn, das Land wie eine Schatztruhe allem Fremden zu verschließen.

Shiba Ryotaro: "Der letzte Shogun". Roman. Aus dem Japanischen übersetzt von Heike Patzschke. Mit einem Nachwort von Eduard Klopfenstein. Edition q., Berlin 1998. 252 S., geb., 34,- DM.

Der letzte Shogun

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.06.1998, Nr. 146 / Seite V
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