<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
FAZ plus ArtikelRudolf Borchardts „Weltpuff“

Ein reaktionärer Faustschlag gegen den Feminismus?

Von Helmuth Kiesel
 - 21:17
zur Bildergalerie

Niemand muss dieses Buch lesen! Wer seinen romantisch-idealistischen Glauben an die eine unverbrüchliche Liebe nicht in Zweifel gezogen und seine Wertschätzung für gut eingehegte Sexualität nicht in Versuchung gebracht sehen mag, soll sich die Lektüre besser nicht antun! Wer sich von detaillierten Schilderungen erregter Organe, stimulierender Handlungen und ekstatischer Befindlichkeiten angewidert fühlt, darf es an keiner Stelle aufschlagen! Wer die Beschreibung von Frauen als erotisch animierend und sexuell begehrenswert prinzipiell für entwürdigend hält, muss sich das Lesen streng verbieten, weil anders er sich zum Komplizen des Autors und zum literarischen Mittäter macht! Und wer den kategorialen Unterschied zwischen literarischen Phantasien und dem baren Leben nicht kennt und bei der Lektüre im Auge behält, läuft Gefahr, an seiner Weltwahrnehmung irre zu werden oder – als Mann – an seinem Ego verzweifeln zu müssen!

Denn was man mit Rudolf Borchardts nachgelassenem Roman „Weltpuff Berlin“ aus den Jahren 1938/39 in die Hände bekommt, ist in jeder Hinsicht ein Nonplusultra der erotischen Literatur: ein Maximum von erotischen Begegnungen und sexuellen Akten, von Freizügigkeit und Genießertum, von priapistischer Angeberei und Schamlosigkeit, von Raffinement und Primitivität, von besinnungsloser Triebverfallenheit neben literarisch genährter moralistischer Reflektiertheit sowie – darstellungstechnisch gesehen – von hochtourig Gelegenheiten schaffender Dramaturgie und ingeniöser Beschreibungskunst, von hinreißender Schönheitsschilderung und kruder Pornographie! Zudem eine ausgedehnte Metaphorologie der Liebe! Zugleich ein systematisch entfaltetes Glossarium der Sexualität, das verbotene Derbheiten genauso aufreiht wie gängige Schlüpfrigkeiten und dadaistisch anmutende Wortspiele! Und überdies ein Kompendium der erotischen Mythologie und Bildnerei! Mit all dem wird „Weltpuff Berlin“ zu einer Herausforderung für die Urteilskraft, die ins Spannungsfeld zwischen sinnlichem Vergnügen, moralischem Verwerfungspostulat, moralistischem Wahrnehmungsinteresse und ästhetischen Maßstäben gerät.

Testen Sie unsere Angebote.
Jetzt weiterlesen

Testen Sie unsere Angebote.
F.A.Z. PLUS:

FAZ.NET komplett

: Neu

F.A.Z. Digital

F.A.Z. Premium

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBerlinAlfred Döblin