Rüdiger Safranski: Goethe

Der urbanisierte Olympier

Von Lorenz Jäger
30.08.2013
, 16:28
Goethe oder die Kunst zu leben: Aus Rüdiger Safranskis Biographie kann man vieles über die lebens- und zeitgeschichtlichen Bedingungen des Werks lernen. Sie wird mit allen Stärken und Schwächen ein Hausbuch der Gebildeten werden.
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Auf welche Frage ist diese Goethe-Biographie die Antwort? Schon der Untertitel sagt es: „Kunstwerk des Lebens“. Dieses ungeheure Maß von Objektivierung, das Goethe gefunden hat, wird immer ein Anlass des Staunens bleiben. Man liest ungläubig, was in einen Tag hineinpasst: sich Pläne für den Straßenbau vorlegen lassen, Kupferstiche nach antiker Kunst prüfend würdigen, Theater- und Staatsgeschäfte erwägen, Zeitschriften lesen, Papiere ordnen, dann Empfänge, Gespräche. Ein Leben der Fülle, nicht nur im Dichterischen.

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Man mag davon einen Begriff des Glücks ableiten: Es erweist sich in der Verwirklichung, im Werk und im Kind; und zwar unabhängig davon, wie man sich dabei jeweils subjektiv fühlt, wie viele Konflikte im Einzelnen dabei das Leben schwermachen. Dies ungefähr ist Safranskis Idee einer Lebenskunst, und davon gibt er uns eine angenehme exemplarische Erzählung. Er hat ein Buch geschrieben, das, in seinen Vorzügen wie in seinen Schwächen, wohl auf einige Zeit das Hausbuch der Goethe-Liebhaber bleiben wird.

Zusammenfallen von Werk und Leben

Allerdings ist diese enge Beziehung des Werks aufs Leben, des Lebens aufs Werk nicht unbedingt bezeichnend für Safranskis Buch allein, viel eher ist es die Haltung, ja fast der Gemeinplatz der Goethe-Literatur seit jeher; Richard Friedenthal hat in seinem lebhaften und immer noch lesenswerten „Goethe“ (1963) ganz ähnlich gedacht.

Schon Georg Simmel wollte in seiner Monographie (1913) dagegen ein Drittes finden: „Der Lebensprozess des Genies vollzieht sich nach dessen innersten, ihm allein eigenen Notwendigkeiten - aber die Inhalte und Ergebnisse, die er erzeugt, sind von der sachlichen Bedeutung, als hätten die Normen der objektiven Ordnung sie hervorgebracht.“ Und eine sich hier anschließende zweite Hauptthese von Safranski - für die Lebenskunst sei es entscheidend, die Sphären der Dichtung und der pflichtmäßigen Verantwortung trennen zu können - war schon Goethes Selbstdeutung.

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Leitfrage Safranskis

Näher betrachtet, scheint das Verhältnis des Individuellen zum Öffentlichen Safranskis Leitfrage zu sein. Er versagt es sich, Goethes Lebensgeschichte mit der Schilderung des Himmels zu beginnen, die doch in „Dichtung und Wahrheit“ den Anfang machte - „Die Konstellation war glücklich; die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau, und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig; Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig; nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheines um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese Stunde vorübergegangen.“

Diese soziologisch aufschlussreiche, wenn auch mythologisch gewandete Bilderrede - Goethe sieht sich von vornherein in einem differenzierten, vielgestaltigen Beziehungsgeflecht, in dem nicht nur die Ich-Sonne und nicht nur die einzelnen Elemente zählen, sondern auch ihr je spezifisches Verhältnis zueinander, nämlich „diese guten Aspekten, welche mir die Astrologen in der Folgezeit sehr hoch anzurechnen wussten“ - hat Safranski nicht übersetzen wollen. Man kann hier wohl eine bewusste Entscheidung gegen manche ältere Goethe-Literatur annehmen, die mit Begriffen wie „Schicksal“ oder „Dämon“, wie sie Goethe selbst in den „orphischen Urworten“ zur Deutung eines Lebensganges aufnahm, ziemlich üppig um sich warf.

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Überraschende Einsichten

Feierlich-steile Terminologie ist Safranskis Sache nicht, es ginge auch kaum noch. Wie beginnt er also? Mit einem gesellschaftlichen, einem öffentlichen Aspekt. „Der Neugeborene wäre infolge einer Unaufmerksamkeit der Hebamme fast von der Nabelschnur stranguliert worden....Der Großvater, der Schultheiß Johann Wolfgang Textor, nahm diese lebensgefährliche Geburt zum Anlass, die Geburtshilfe in der Stadt besser zu organisieren.“ Das ist in jedem Sinne, im wörtlichen wie im übertragenen, die Entscheidung, mit einer urbanen und nicht kosmischen Ansicht den Anfang zu machen. Er sucht auch nicht wie Georg Simmel nach dem „Urphänomen“ Goethe.

Stattdessen erzählt Safranski ausführlich und wird damit seiner Biographenaufgabe gerecht. Wer bei ihm nach den lebensgeschichtlichen Kontexten sucht, in denen die Werke entstanden, wird um viele und auch überraschende Einsichten reicher. Die Diskretionsgrenzen haben sich in den fünfzig Jahren seit Friedenthal verschoben, deshalb sind auch sehr freie Stellen nun an ihrem Ort - wie der reizende Brief von Goethes Mutter an den „Bettschatz“ Christiane Vulpius: „Sie haben also wohl zugenommen sind hübsch Corpulent geworden das freut mich, denn es ist ein Zeichen guter Gesundheit - und ist in unserer Familie üblich.“

Phrasenhafte Charakteristiken

Aber die schöne Breite dieses Buchs hat ihren Preis. Es ist vergleichsweise arm an farbig-prägnanten Charakteristiken, es sei denn, sie ließen sich zeitgenössischen Berichten entnehmen. Man höre dagegen Friedrich Gundolf (1916) über das Verhältnis zu Schiller: „Doch Schiller selbst war ein anderer geworden als das Bild das seine bisherigen Werke von ihm in die Welt gesetzt hatten...gerade so kräftig, aber nicht so maßlos, gerade so feurig, aber nicht so flackernd, gerade so ernst, aber nicht so heftig. Er war klar, sicher und lauter.“ Das mag das Idiom sein, das unsere Großmütter noch sprachen, intensiv und gegliedert zugleich; aber seither hat sich eine Versteppung auch in der Sprache der Gebildeten ausgebreitet.

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Safranskis urbane Redeblumen haben den Duft nicht mehr. Die Brüder Schlegel - „scharfzüngig und feinsinnig“ sollen sie gewesen sein, Friedrich zudem „ruhelos und quirlig“. Phrasenhafter, flacher kann man es nicht sagen. Friedrich Schlegel war es, der eine Rezension des „Wilhelm Meister“ schrieb, die dem Buch nicht eine Würdigung nach äußerlichen Maßstäben widerfahren ließ, wie sie bis dato im literarischen Betrieb üblich sein mochte, sondern eine ganz neue Stufe der Kunstreflexion einleitete, indem sie eine Theorie der Gattung Roman an einem Fall entwickelte. Erst seit diesem Augenblick wusste man, was der „Meister“ ist - und was Kritik sein kann.

Kaum Tiefenschärfe

Es mag die verständliche Scheu vor einer bloßen Ideologie der Tiefe gewesen sein - und für die Deutschen ist diese Ideologie tatsächlich nie ganz ungefährlich gewesen -, die Safranski gerade an den bewegendsten Stellen fast verstummen lässt. Was die Liebe für Goethe in den verschiedenen Phasen seines Lebens bedeutete, wird im Anekdotischen stets gut ausgeführt, aber manchmal nicht wirklich ausgelotet.

In dem Gedicht „Warum gabst du uns die tiefen Blicke“, an Charlotte von Stein gerichtet, ist die Liebe etwas, das ganz dem gegenwärtigen Leben angehört und doch darüber hinauswill; so tief ist sie, dass man sie nur als ein Ewiges denken kann und an die Mystik grenzen lässt: „Sag was will das Schicksal uns bereiten?/Sag wie band es uns so rein genau?/Ach du warst in abgelebten Zeiten/Meine Schwester oder meine Frau.“ Safranskis Kommentar deutet an, aber nichts aus, wenn er nur das eben Gehörte verdoppelt: „Auch das Gefühl einer eigentümlichen Seelenwanderung zwischen beiden, das Goethe Wieland anvertraut hatte, deutet dieses Gedicht an.“

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Was von Goethe übrig bleibt

Nur noch ein Liebesgedicht Goethes gibt es, das diesem an Fülle des Gehalts vergleichbar ist: „Selige Sehnsucht“ aus dem „West-östlichen Divan“. „Sagt es niemand, nur den Weisen,/Weil die Menge gleich verhöhnet,/Das Lebend’ge will ich preisen,/Das nach Flammentod sich sehnet.//In der Liebesnächte Kühlung,/ Die dich zeugte, wo du zeugtest,/Überfällt dich fremde Fühlung/Wenn die stille Kerze leuchtet.“ Hier entbindet sich der himmlische Eros vom irdischen, ohne seine Herkunft zu leugnen; die Mystik bekommt am Ende im Bild des verbrennenden, sich selbst opfernden Schmetterlings das Übergewicht. Man kann es sich kaum vorstellen, aber so ist es: Das Gedicht kommt bei Safranski nicht vor.

Höhenzüge wie Abgründe sehen wir in eine weite Ebene überführt. Ein ungeheuerliches Wort in einem Brief an Lavater, Jahre vor der Französischen Revolution niedergeschrieben, so unheimlich, wie erst Büchners Woyzeck wieder reden wird, nur bei klarstem Bewusstsein niedergeschrieben - „Glaube mir, unsere moralische und politische Welt ist mit unterirdischen Gängen, Kellern und Kloaken minieret, wie eine große Stadt zu sein pflegt; nur wird es dem, der davon einige Kundschaft hat, viel begreiflicher, wenn da einmal der Erdboden einstürzt, dort einmal ein Rauch aus einer Schlucht aufsteigt, und hier wunderbare Stimmen gehört werden“ -, geht weniger ins Mystische als ins Seherische. „Merlin“ nannte sich der späteste Goethe, und so wurde er auch genannt. Lässt sich Merlin ohne Rest urbanisieren?

Rüdiger Safranski: „Goethe. Kunstwerk des Lebens“. Biographie. Hanser Verlag, Münchern 2013. 752 S., geb., 27,90 €.

Quelle: F.A.Z.
Lorenz Jäger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Lorenz Jäger
Freier Autor im Feuilleton.
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