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Sara Mesas Außenseiterroman

Wo die Vögel freier fliegen

Von Elena Witzeck
Aktualisiert am 05.04.2020
 - 23:19
 Auch im Vogelreich, weiß der Alte, gibt es Herrscher und Beherrschte.
Ein Mädchen, ein Mann, ein Park, die ahnungslosen Eltern: In „Quasi“ erzählt Sara Mesa die Geschichte zwischenmenschlichen Eskalation. Aber es ist nicht die, die man erwartet.

Zwei, die nirgendwo dazugehören. Die unter dem Radar laufen, so unauffällig, dass sie eine ganze Weile lang verschwinden können, ohne damit für Fragen und Nachforschungen zu sorgen. Alles, was sie will, ist, dass man sie mit ihren Komplexen in Ruhe lässt. Deshalb hat sie aufgehört, in die Schule zu gehen, und das Versteck im Park gewählt, und deshalb ist er ihr begegnet an diesem unauffindbaren Ort im struppigsten Gebüsch einer spanischen Stadt, über die es nichts zu berichten gibt. Umso mehr zu berichten gibt es über die Zuflucht, die sich wiegenden Bäume über ihr, das Murmeln der Parkarbeiter in der Ferne, die das Paradies bedrohen mit ihren Heckenscheren.

Was weiß man über den Mann, was weiß das Kind? Etwas stimmt nicht mit ihm, denn er spricht merkwürdig und trägt immer denselben Anzug (das Mädchen trägt Kleidung nur, um das zu verdecken, was ihr nicht gefällt). Er liebt Vögel und Nina Simone, sie allein, arbeitet nicht, zahlt keine Steuern, lebt in einem Hochhaus. Hasst es, lästig zu sein, wird traurig, wenn er sich übergangen fühlt, und will sie, die er Quasi nennt, nicht ausforschen, aber dessen kann man sich nie ganz so sicher sein wie sie, auch wenn er wochenlang in das Versteck kommt, ihr zuhört und sie beschließt, auch ihn zu hören. Obwohl sie weiß: Mit Fremden spricht man nicht. Aber wenn man sich nie mit irgendwelchen Unbekannten einlässt, sagt sich das Kind, kommt man im Leben auch nicht weiter.

Ein verschwörerisches, ungleiches Paar

Es gibt keinen Blick von außen auf diese kleine fragile Welt in Sara Mesas Roman „Quasi“, keine Zuschauer dieser sich anbahnenden rätselhaften Beziehung zwischen dem Alten und dem Mädchen. Nur die forschende Beobachtung der beinahe Vierzehnjährigen. Erst ganz am Ende, als die beiden sich vor einem Café begegnen, als ihr Versteck längst aufgeflogen ist und sie sich – womöglich zum letzten Mal – unterhalten, streift sie der Blick einer Dritten. Was für ein verschwörerisches ungleiches Paar, urteilen die Augen der Kellnerin, und das Mädchen sieht es und versteht in diesem Moment noch viel mehr über seine Welt.

Das ist das eine. Die Kraft dieser sich häutenden Erzählung. Schicht für Schicht fällt sie ab mit der wachsenden Freundschaft, dem Sichanvertrauen zweier in dieser Welt Verlorener. In jedem Schluss, den das Mädchen über den Mann zieht, dem ein familiärer, ein ererbter Makel anlastet, der nie wieder in die Klinik zurück will, in der man ihm Medikamente gab und ihn zum Reden zwang, liegt auch immer eine Erkenntnis über das Kind selbst. „Warst du krank?“, fragt es, worauf der Alte die Achseln zuckt und erwidert: „Das haben sie behauptet.“ Schicht für Schicht tritt hervor, was das Mädchen – anders als der Mann – in der Verbindung sucht, dass es um ihre verrinnende Zeit weiß, dass die bemühten, aber ahnungslosen Eltern nicht ewig ahnungslos bleiben werden und ganz im Kern dieser Geschichte eine Katastrophe liegt.

Das andere ist die Sprache. Sara Mesa ist Lyrikerin, jede Begegnung hat bei ihr Rhythmus und Klang, jede Betonung ihren Grund, jeder Augenblick sein eigenes Licht. Mit kleinen sprachlichen Tricks, einem Detail, einer Provokation in der Stimme kann man das Heranreifen eines Mädchens zeigen, ohne es erklären zu müssen, seine Phantasie und Hoffnung und die resultierende Gefahr. Und wo die spanische Sprache mit ihrer frechen Nüchternheit der beste Nährboden für diese vor zwei Jahren erschienene, nie zu viel verratende Geschichte war, ist es nun Peter Kultzen zu verdanken, dass es im Deutschen ganz genauso gut funktioniert.

Noch einmal sehen sie sich also wieder. Darüber, dass sie Unheil über ihn gebracht hat, verlieren sie kein Wort. Auch im Vogelreich, weiß der Alte, gibt es Herrscher und Beherrschte. Daran kann selbst ein eingefärbtes Gefieder nichts ändern. Die von Forschern Ausstaffierten gingen zugrunde, weil ihnen das ständige Blenden ihrer Artgenossen nicht gelang: Durch eine Verkleidung zu überleben hieß für diese Vögel, langsam zu sterben.

Sara Mesa: „Quasi“. Roman. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Wagenbach Verlag, Berlin 2020. 144 S., br., 18 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Witzeck, Elena
Elena Witzeck
Redakteurin im Feuilleton.
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