„Schweigeminute“ von Siegfried Lenz

Bettgeschichten hatten für ihn nie Beweisqualität

Von Marcel Reich-Ranicki
21.04.2008
, 17:10
Der späte Weg zur Liebe: Siegfried Lenz
Ein Thema mied der Schriftsteller Siegfried Lenz so sehr, dass ihm die Kritik vorwarf, er drücke sich davor: die Liebe. In seiner Novelle „Schweigeminute“, die im Feuilleton der F.A.Z. als Vorabdruck erscheint, findet er einen zärtlichen Weg zu dem bisher gemiedenen Topos, meint Marcel Reich-Ranicki.
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Von allen erfolgreichen deutschen Erzählern ist er der bescheidenste. Aber er weiß genau, dass ein Schriftsteller nur dann etwas leisten und erreichen kann, wenn er seinen Stoffen und Einfällen, seinen Mitteln und Motiven vertraut. Schriftsteller von Rang sind allesamt (auf mitunter schwer erträgliche Weise) eigensinnig – und sie müssen es sein.

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In schweren Stunden hatte Siegfried Lenz stets einen Trost: Auf sein Publikum konnte er sich verlassen. Nur hat er diese Treue niemals mit Zugeständnissen erkauft. Er ist nie den Lesern nachgelaufen; vielmehr hat er sie höflich gebeten, ihm doch zu folgen. Sie taten es gern, sie tun es immer noch, denn sie spüren, dass er nicht für die Kritiker oder Kollegen schreibt und niemals mit dem Rücken zum Publikum, sondern immer den Pakt eben mit ihnen, den Lesern, anstrebt.

Romancier der Gescheiterten

Lenz weiß, was der Siegreiche, der Triumphierende empfindet. Den bitteren Geschmack der Niederlage und des Scheiterns kennt er ebenfalls – wie kein anderer Schriftsteller seiner Generation. Seine Helden gehören zu jenen, die immer leer ausgehen. Die Niederlage ist der rote Faden, der sich durch seine Prosa zieht.

Kritische Freunde: Lenz und Reich-Ranicki 1999 nach der Verleihung des Frankfurter Goethe-Preises an Lenz
Kritische Freunde: Lenz und Reich-Ranicki 1999 nach der Verleihung des Frankfurter Goethe-Preises an Lenz Bild: F.A.Z.-Barbara Klemm

So wurde Lenz einer der populärsten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur – und einer der am heftigsten beneideten. Das ganz Ungewöhnliche: Er hat sich die Zustimmung seines enormen Publikums gesichert, obwohl er auf das Thema verzichtet hat, dem die meisten Romanciers und Novellisten den deutlichen und lauten Beifall der Leser verdanken: Er hat in seinem Werk die Liebe gemieden. Man hatte dafür überhaupt kein Verständnis.

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Beweisqualität des Liebesakts

Er wurde mehr oder weniger aufdringlich befragt, sehr direkt gemahnt, ja, zur Rede gestellt. Man wünschte von Siegfried Lenz eine Liebesgeschichte. Er antwortete ausweichend, bisweilen sogar schroff. Er hat jenen, denen daran so gelegen war, auf die Wahl seiner Themen und Motive Einfluss auszuüben, nichts versprochen.

In einem „Spiegel“-Gespräch im Juni 2003 wollte man von ihm wissen, ob er sich vielleicht „vor dem allzu Konkreten“ drücke, „vor der Darstellung der handgreiflichen Seite der Liebe“. Man verwies ihn auf John Updike, auf Michel Houellebecq. Lenz antwortete, natürlich habe er die Möglichkeit gehabt, Henry und Paula (in seinem damals neuen Roman „Fundbüro“) „ins Bett zu schicken. Für mich hat das zu wenig Beweisqualität.“

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Endlich: eine Liebesgeschichte

Ich gebe zu, ich wollte meinen Augen nicht trauen. Denn ich kann mich nicht daran erinnern, je einen ähnlich verwegenen Satz über die Sexualität gelesen zu haben, einen Satz, der sich auf verblüffende und, zugegeben, imponierende Weise über die Weltliteratur hinwegsetzt. Nur sollte man es sich nicht zu leicht machen. Lenz kennt Dante, Shakespeare und Goethe, er liebt Francesca da Rimini und Paolo Malatesta, Romeo und Julia, Faust und Gretchen. Seine kühne, geradezu tollkühne Behauptung soll offensichtlich nur für ihn selber gelten; sie erhebt keinerlei allgemeinen Anspruch.

Aber Lenz kennt auch Heines Wort: „Wir ergreifen keine Idee, sondern die Idee ergreift uns und knechtet uns.“ Damals, als er die „Beweisqualität“ des Sexuellen mit Entschiedenheit in Frage stellte, wenn nicht schlicht ablehnte, hatte ihn die Idee, die er ein Leben lang ignorierte, wohl schon ergriffen: Er arbeitete an seinem nächsten Buch, der Novelle „Schweigeminute“. Es ist – wer hätte das erwarten können? – eine Liebesgeschichte.

Von der Fiktion verführt

Ist es etwa zugleich eine Sexualgeschichte? Hat Lenz (um seine Formulierung aus dem „Spiegel“-Gespräch zu übernehmen) von vornherein geplant, das Paar im Mittelpunkt seiner Novelle „Schweigeminute“, Christian und Stella, ins Bett zu schicken? Oder wurde er zu seiner eigenen Überraschung von den beiden jungen Menschen dazu gezwungen, sie so und nicht anders handeln zu lassen?

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Tolstoj hatte ursprünglich keineswegs die Absicht, seinen berühmten Roman mit Anna Kareninas Selbstmord zu beenden. Das hat sie, Anna, entschieden, und Tolstoj musste ihrem Willen nachgeben. Auch Goethe ist es passiert, dass er sich in eine seiner fragwürdigsten Figuren (die Giftschlange Adelheid im „Götz von Berlichingen“) verliebt hat. Es sind die schlechtesten Autoren nicht, die sich von ihren Figuren gelegentlich überrumpeln lassen.

Gesinnungsrabatt für einen Traditionalisten

Lenz hat viel von den Klassikern gelernt und dies nie verschwiegen. Alle seine Arbeiten haben das gleiche Fundament – die Geschichte, zu der er sich als seinem wichtigsten Ausdrucksmittel bekennt. Er ist ein Traditionalist. Respektvoll und dankbar knüpft er an die deutsche Novelle an ebenso wie an die angelsächsische Kurzgeschichte und die russische Erzählung. Storm, Hemingway, Tschechow – er liebt sie alle. Hemingway hat ihn vorübergehend sogar begeistert, das ist lange her.

Aber er ist ein vernünftiger, ein gemäßigter Traditionalist. Wo es ihm passiert, weicht er von der Tradition ab, er reformiert sie – doch tut er es nicht, wo es möglich ist, sondern, wo es ihm unbedingt nötig scheint. Manche Rezensenten haben ihm dies verübelt; sie meinten, er sei „altmodisch“. Geschont haben sie ihn nie. Gewiss, sie haben ihn, wenn es ihnen gefiel, auch in Grenzen wohlwollend behandelt, doch ohne ihm einen Rabatt wegen guter Gesinnung einzuräumen.

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Letztlich ist sein Weg zum internationalen Ruhm mit Verrissen deutscher Kritiker gepflastert. Übertrieben? Ja, aber nur ein wenig. Auf Vorwürfe der Kritiker reagiert Lenz meistens nur mit einem nicht überheblichen, zuweilen resignierten Lächeln. Nichts wäre falscher als die Vermutung, er ignoriere die Kritiker. Wenn sie es ernst meinen, dann nimmt auch er sie sehr ernst. Doch entmutigen und beirren lässt er sich niemals, glücklicherweise.

Eine alte Geschichte

Was erzählt Lenz in der „Schweigeminute“? Das Ganze spielt in der Nähe der deutsch-dänischen Grenze, an der Küste. Man zahlt mit der Deutschen Mark, wir schreiben wohl Mitte der siebziger Jahre. Was zur Küste gehört, einschließlich eines Touristenhotels, hat Lenz hier erwähnt und dort angedeutet, hier mit wenigen Worten beschrieben und dort für einen Augenblick geradezu vergegenwärtigt.

Sinnliche Prosa ist es: Man kann alles fühlen, sehen, hören und riechen. Es wird geschwommen, gerudert und gesegelt und natürlich geangelt, es gibt Schlauchboote, Lastkähne und Ausflugsdampfer. Aus den sich rasch ablösenden Bildern entstehen wie von selbst Genrebilder. Man sieht es gleich: Lenz weiß da bestens Bescheid. Wozu braucht er diesen mit sicherer Hand gezeichneten Hintergrund? Er will uns, wie immer, eine Geschichte erzählen. Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu. Ein Schüler, achtzehn Jahre alt, verliebt sich in seine wenige Jahre ältere Lehrerin. Die Sache geht, wie anders nicht zu erwarten war, schlecht aus.

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Erzählen mit guten Manieren

Das haben wir zahllose Male gelesen, gewiss. Wozu sollten wir uns noch einmal damit beschäftigen? Vielleicht deshalb, weil wir es noch nie so gelesen haben, wie es von dem Erzähler Lenz, zweiundachtzig Jahre alt, hier dargestellt wurde. Weil jede Epoche und jede Generation ihre Liebesgeschichten hat und weil jede neue Geschichte andere Wege geht als die bisherigen. Warum eigentlich? Das hat nur einen Grund: Jeder liebt auf seine Weise. Und jeder, der sich verliebt hat, versucht zu verstehen, was mit ihm geschehen ist.

Respekt, Diskretion, Dezenz, Takt: das sind die Vokabeln, die sich mir zunächst aufdrängen. Lenz hat Respekt vor den Figuren, die er geschaffen hat. Er gönnt ihnen den Anspruch auf Diskretion, er spart nichts aus, aber er schreibt vorsichtig, dezent und taktvoll. Er ist ein Erzähler mit guten Manieren. Man wird mir einwenden, Kunst, gar große Kunst beginnt erst jenseits aller Manieren. Die von Faulkner oder Dostojewski mögen miserabel gewesen sein. Schon wahr, es genügt nicht, ein Gentleman zu sein, um gute Literatur zu schreiben. Aber Epik hat schon zur Zeit von Homer ein wenig auch mit Rücksichtnahme, mit Takt zu tun gehabt.

Von der Liebe überfallen

Über die Vergangenheit des Schülers Christian wissen wir nichts; über Stella, die junge Lehrerin, die er liebt, die er plötzlich liebt, erfahren wir sehr wenig. Sie sind wortkarge Menschen. Christian streichelt ihren Rücken: „Auf einmal jedoch warf sie den Kopf zurück und sah mich überrascht an, ... als hätte sie unerwartet etwas gespürt oder entdeckt, womit sie nicht gerechnet hatte.“ Von der Liebe überfallen, gehen sie zum Hotel, in dem sie jetzt vorübergehend wohnt. „Stella forderte mich nicht auf, sie zu begleiten, sie setzte einfach voraus, dass ich mit ihr ging.“ So ist es in dieser Geschichte: Man verlangt nichts voneinander. Es kommt alles wie von selbst. Was sie unvermutet teilen und was jetzt nur ihnen gehört, wird nicht ausgesprochen, bleibt unerwähnt.

Wer liebt, sieht alles anders, als er es bisher gesehen hat. Die Liebe verändert natürlich auch Christians und Stellas Wahrnehmung der Welt. Beide spüren das sofort. Beide sind, jeder auf seine Weise, für das Glück dankbar, das ihnen das Leben beschert hat. Das eben zeigt Lenz, das macht er bewusst. Christian befürchtet, dass das, was ihn jetzt mit Stella verbindet, ein Ende haben könnte. Die Sehnsucht nach Dauer kommt wie selbstverständlich, sie wird zum Leitmotiv seines Daseins: „Ich wollte nicht, dass etwas aufhörte, was so unvermutet begonnen hatte und wie von selbst nach Dauer verlangte.“

Stella, die Ältere, die über mehr Erfahrungen verfügt, sieht alles skeptischer. Um aber Christian ihr Einverständnis zu erkennen zu geben, sagt sie ihm: „Du musst dir nun überlegen, was besser ist für uns ... Es kann nicht so sein wie früher.“ Was immer sie im Sinne haben – sie sind zart zueinander, so zart, wie der Autor dieser Liebesgeschichte zu seinen Geschöpfen ist. Wir haben meinem Freund Siegfried Lenz für ein poetisches Buch zu danken. Vielleicht ist es sein schönstes.

Quelle: F.A.Z.
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