„Junge mit schwarzem Hahn“

Das Federvieh ist hier der Held

Von Rose-Maria Gropp
24.09.2021
, 22:09
„Junge mit schwarzem Hahn“ ist der erste Roman von Stefanie vor Schulte, die 1974 in Hannover geboren wurde.
Ein mythischer Abenteuerroman als Debüt: Stefanie vor Schultes „Junge mit schwarzem Hahn“ entführt in eine geheimnisvolle Welt, die erlöst werden will.
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Martin ist elf Jahre alt, „sehr groß und dünn. Er lebt von dem, was er verdient.“ Wenn er die Tiere der Leute im Dorf hütet, bekommt er eine Zwiebel als Lohn. Und „seine Augen sind sehr schön. Dunkel und geduldig. Alles an ihm wirkt ruhig und bedacht. Und das macht ihn den Leuten im Dorf unbequem. Sie haben es nicht gern, dass einer zu lebendig ist oder zu ruhig.“ Schon gar nicht dieses merkwürdige Kind. Als Martin drei Jahre alt war, hat er ein schreckliches Abschlachten überlebt, ein Blutbad, das sein Vater an seiner Familie vollbrachte: „Es ist kein Kind der Liebe, es ist aus Hunger und Kälte gemacht“, so denken sie im Dorf. Martin scheint von dem Massaker auf wundersame Weise verschont geblieben, als ein unschuldiges Kind. Mit ihm entkam der schwarze Hahn dem Tod, der seither immer bei Martin ist, auf seiner Schulter oder in seinem Schoß sitzend; alle im Dorf sagen, „das Vieh“ wäre der Teufel.

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„Junge mit schwarzem Hahn“ ist ein höchst seltsamer Roman, eher eine erstaunliche Erzählung voller Grausamkeit, fantastischer Geschehnisse und rettender Liebe. In einem Stil geschrieben wie aus der Zeit gefallen und zugleich aufregend unbekannt; in einer Sprache verfasst, deren kunstvolle Einfachheit vom ersten Satz an in ihren Bann zieht. Das ist nicht die Art ein­facher Sprache, die ihrem Vorsatz nach angeblich umstandsloses Verständnis ermöglichen soll. Eher sind es solche klaren, nicht selten harten Sätze, ist es die Art von Rede und Gegenrede, wie sie die Märchen und Sagen kennen, in denen die tiefsten Geheimnisse doch verborgen bleiben, vielleicht sogar geborgen.

Und er kann sprechen

Es gibt natürlich eine Geschichte, in die Martin hineingezogen wird, gemeinsam mit dem „Maler“. Den Maler, der in das Dorf gekommen ist, um ein Altarbild zu schaffen, lernt er gleich am Anfang kennen. Mit auf den Weg ins Unbekannte nimmt Martin seinen Freund der speziellen Art, den schwarzen Hahn nämlich, in der Rolle nicht nur eines Seelenbegleiters. Der Hahn führt ihn in höchste Gefahr und Not, in der alles Zagen den sicheren Tod bringen würde. Zugleich steht ihm der Hahn in der Stunde äußerster Gefahr bei. Und er kann sprechen, jedenfalls zu Martin, der ihn versteht. Sprechende Tiere gibt es sattsam in den Märchen, in der Literatur überhaupt. Der schwarze Hahn, der keinen Namen hat, ist wortkarg, doch von absoluter Bestimmtheit: „Die Aufgabe ist mit dir in die Welt gekommen, und jetzt passt sie dir wie angegossen.“ Dieses Vieh ist nicht des Teufels – vielleicht eher Geschöpf von dessen allmächtigem Widersacher. Es führt Martin zu seiner Bestimmung eines Erlösers, treibt ihn zuvor freilich durch Teufels Küche.

Stefanie vor Schulte: „Junge mit schwarzem Hahn“. Roman.
Diogenes Verlag,  Zürich 2021. 224 S.,  geb., 22,– €.
Stefanie vor Schulte: „Junge mit schwarzem Hahn“. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2021. 224 S., geb., 22,– €. Bild: Diogenes Verlag

Denn es ist Krieg „in der Gegend“, wo immer diese sei, in einer vergangenen Zeit, die wie der dunkle Spiegel einer gewalttätigen Gegenwart anmutet. Ihre Route führt den Maler, Martin und den schwarzen Hahn über manche aberwitzigen Stationen zur Burg einer fürchter­lichen Fürstin, deren Wahn die Schuld trägt am Raub und Morden unschuldiger Kinder. Dafür schickt sie ihre so geheißenen „Reiter“ ins umliegende Land aus, in dem selbst die Natur geknechtet ist. Einmal heißt es, kurz vor dem Ziel der drei: „Sie sind lang unterwegs und weit ins Landesinnere vorgedrungen. Martin hat das Gefühl, im Zentrum allen Leidens, im Zentrum der Siechenden und Trauernden zu sein. Die Leichen tropfen von den Bäumen wie vergorene Äpfel. Sie säumen die Felder zwischen Mohn­blumen und Schafgarbe. Die Äcker liegen brach. Der Boden aufgeplatzt und dürr. Ameisen tragen ihre Larven davon.“ Die Fürstin ist die Zerstörerin allen Lebens; Martin und der schwarze Hahn werden ihr gegenübertreten. Mehr sei hier nicht preisgegeben, es wäre zu schade um die Lektüre dieses Buches.

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„Junge mit schwarzem Hahn“ ist das literarische Debüt von Stefanie vor Schulte, 1974 in Hannover geboren. Sie studierte Bühnen- und Kostümbildnerei. Die Ausbildung wird ihr bei der visuellen Kraft, der sprachlichen Evokation ihrer starken Bilder geholfen haben. Gleich das Einstiegsszenario markiert die Grundstimmung, als ließe sie sich malen – surreal und unheimlich gegenwärtig. Das marode Dorf hat keinen Pfarrer mehr; die „drei Männer, die im Dorf das Sagen haben“, ohnehin mit Geistlosigkeit geschlagen, können den Schlüssel zur Kirche nicht finden. Martin erbietet sich, den Schlüssel beim Leihpfarrer im Nachbardorf zu erbitten; sie lassen ihn gehen, weil es um ihn ohnehin nicht schade wäre. Doch Martin, der nicht gewohnt ist, nach seiner Meinung gefragt zu werden, kommt ohne den Schlüssel zurück, mit einer scharfen Erkenntnis: „Wenn Gott so ist, wie es alle sagen, dann ist ihm doch egal, ob wir den Schlüssel holen oder eine Tür eintreten.“ Damit setzt die Autorin ganz früh die Aufforderung zum Widerstand, zur Auflehnung gegen alles vermeintlich Unabänderliche, gegen jene Dumpfheit, die als gesellschaftlich etablierte Regel gelten darf.

Denn was folgt, ist alles andere als der Beginn einer lieblichen Gottsucher-Legende. Es ist der veritable Trip ins Mark einer von allen guten Geistern verlassenen Welt. Und Stefanie vor Schulte nimmt sich davon, was sie für ihre un­gewöhnliche Erzählung brauchen kann: Da ist, nicht zufällig, die Erinnerung an Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ – jedoch Martin bleibt auf seiner Reise ins Herz der Finsternis vor allem wachen Sinns.

Denn er verfügt über Verstand, den ihm, wer weiß schon, wer, in die Wiege gelegt hat. Er ist kein reiner Tor, kein zierlicher Wiedergänger, der am Ende seiner Aventiure zur Erkenntnis gelangen darf. Martin, der das Mitleid mit aller Kreatur von klein auf kennt, versteht es, seinen Verstand zur Waffe zu schmieden. Da sind, genauso wenig zufällig, Reminiszenzen an die Fantasy-Fiction, vielleicht an die „Hunger Games“ von Su­zanne Collins, die auch auf die Gegenwart zielen. Aber in ihrem dystopischen Szenario setzt Stefanie vor Schulte, als finale Probe für Martin, das „Schlafspiel“ ein. Es ist nichts anderes als die zynisch euphemistische Benennung für eine der schlimmsten Foltern in der realen Welt, den Schlafentzug. Noch ist die Reise nicht an ihrem Ende.

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Was aber ist das mit dem schwarzen Hahn? Er ist der geniale Einfall der Autorin. Denn es ist anzunehmen, dass dieses Vieh, wenn es Martin eines Tages verlassen haben wird, stark zur Un­sterblichkeit tendiert. Offenbar ist er, in der Wirklichkeit, der noch immer geschehenden Massentötung von männlichen Küken entkommen. So kann der schwarze Hahn Hoffnung verbreiten für alle Kreatur. Er ist der geheime Held. Stefanie vor Schulte hat eine wundervoll verrückte Geschichte geschrieben darüber, dass die Welt, die heutige, die unsere, noch nicht verloren ist. Und – das ist wichtig – sie hat bewiesen, dass es dafür eine ­Sprache voller Poesie, Witz und Mut gibt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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