Thomas Klings „Werke“

Er macht der Sprache Feuer unterm Hintern

Von Friederike Reents
27.05.2021
, 22:52
Der Zustand vor dem Untergang war durchaus attraktiv: Thomas Kling, leider jung verstorben 2005, hier im Jahr 1993
Eine überzeugende Mischung von E und U: Die vierbändige Werkausgabe Thomas Klings offenbart das Ausmaß der Bildung, Drastik und Komik dieses Dichters.
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Thomas Kling hat das Erbe vorangegangener Dichtergenerationen so wirkmächtig und entspannt wie wohl kein anderer angetreten. Der unverwechselbare, zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit oszillierende Ton des 1957 in Bingen am Rhein geborenen und 2005 gestorbenen Autors hallt bis heute nach. In der nun erschienenen Werkausgabe gibt es aber immer noch allerhand neu zu entdecken. Von den mehr als zweitausend Seiten dürften um die 850 den meisten Lesern unbekannt sein. Die Nachworte der vier Herausgeber – des Kollegen und Weggefährten Marcel Beyer, der Literaturwissenschaftler Peer Trilcke und Frieder von Ammon sowie der Kunsthistorikerin und Germanistin Gabriele Wix – sind sehr instruktiv.

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Die Bezeichnung „Kling-Sound“ ist angebracht. Als geradezu sprühende Mischung aus genialischem Komponisten und versiertem Sprach-DJ kombinierte Kling praktisch alles, was ihm zu Ohren und vor Augen kam, und legte es, retextualisierend, gewissermaßen wieder neu auf: Dialekte, Soziolekte, Fach- sowie Fremdsprachenpartikel und immer wieder Klänge, neologistisch versprachlichte, oft unschöne Geräusche wie etwa das Rauschen des Radios bei schlechtem Empfang oder auch das Knirschen einer an der Fensterscheibe zerquetschten Wespe. Kling rückt den Hintergrund in den Vordergrund, holt das Überhörte und Übersehene, das Störende und Verdrängte nach vorne.

Seine Lesungen sind legendär

Dabei verwendet er das Verfahren der Zeiten und Räume miteinander verschmelzenden oder besser: überblendenden „Doppelbelichtung“; seine Gedichte werden dabei zu Sprach- und Denkbeschleunigern, sie dienen, so jeweils Titel seiner frühen Bände, der „erprobung herzstärkender mittel“ (1986), sie sind „geschmacksverstärker“ (1989) oder Brennstäbe („brennstabm“, 1991). Kling macht der „sprache / feuer unterm hintern“, wie es bezeichnenderweise in dem aus dem Jahr 2000, also aus dem Arbeitszeitraum des Bandes „Sondagen“, stammenden Gedicht „Prometheus“ heißt.

Klings Dichterlesungen, bei denen er seine „Sprachinstallationen“ bevorzugt im schwarz-gelb gestreiften Wespenpullover vortrug, sind legendär. Ihm war der Auftritt auf der Bühne „Live-Act“: In seinem die Tonlagen und Tonspuren variierenden, mal flüsternden, mal raunenden, mal zischenden Vortrag entfalteten die Texte ihre volle Wucht, seit 2015 nachzuhören auf der ebenfalls wespenfarbenen CD „Die gebrannte Performance“, auf der auch ein drittes „wespen“-Gedicht auf seine poetischen Wappentiere nachzuhören ist. In „wespen 2“ aus dem Spätsommer 1982 fliegen diese mit ihrem „gesenkten stierkopf“ im „tiefflug über die planquadrate der pflaumenkuchen“ und werden von Kling martialisch überformt zu „marschflugkörpern“. Gegen solches Ungeziefer, und damit meint er doppeldeutig auch die „wespn-menschn“, also Unliebsames oder noch deutlicher: Lebensunwertes, hilft nur Gift: „betäubte körper, betäubungen, lähmung / der nervensysteme, zehnminütiges zucken: ohne nennenswerte vorwarnzeit kaltblüter / warmblüter beim dreckigsten verrecken.“

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1,57 Mark pro 500 Gramm

Als Kling mit derlei Gedichten in den achtziger Jahren die literarische Szene eroberte, lag die Irritationsschwelle der Hörer- und Leserschaft weitaus höher, als dies zu Zeiten der provokativen Avantgarden zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts der Fall war. Kling war das pauschale „Avantgarde-Bashing“ seiner Zeit ein Dorn im Auge. Zuwider waren ihm die „verbissenen bis verbitterten Aburteilungen“ der Avantgardisten als „utopisch-begeisterte, spirituell fanatische respektive kriegsgeil vernebelte Steigbügelhalter und Zungenredner der totalitären Jahrhundertregime“. Dass er irgendwann im Bücherschrank seines Großvaters Kurt Pinthus’ Anthologie „Menschheitsdämmerung“ der „Generation Verdun“ in die Finger bekam, ist bekannt. Dass er dem Expressionismus aber nicht nur als junger Leser zugetan war, sondern auch sein eigenes frühes Schreiben deutlich expressionistische Züge trägt, lässt sich in seiner ersten Gedichtsammlung, „der zustand vor dem untergang“, studieren. Sie war 1977 bei einem kleinen, von seinen Schulfreunden gegründeten Kunstverlag erschienen und eröffnet nun den ersten Band der Werkausgabe.

Die Zeile „das brüllen versteinernder fische“ aus dem im Alter von siebzehn Jahren verfassten „epitaph für wilde frische“ könnte auch von August Stramm sein, das wenig später entstandene Gedicht „anatomie“ mit der Zeile „gewölbe röcheln die grünlichen lippen“ und dem lapidar-morbiden Ende „der penner grinst in der gruft“ von Gottfried Benn. Ganz glücklich war Kling offenbar mit der Qualität seiner frühen Gedichte nicht, die Restauflage verarbeitete er zu Schnipseln und verkaufte den in Zellophantüten verpackten „Büchergulasch“ auf einer damals parallel zur Frankfurter Buchmesse stattfindenden Gegenbuchmesse für 1,57 Mark pro 500 Gramm.

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Feierwütige und Lebensmüde

Immer wieder retextualisierte Kling Bekanntes und versetzte es mit Störungspotential, von dem man, wie bei einem Wespenstich, noch eine ganze Weile etwas hat. Aus Benns „O Nacht! Ich nahm schon Kokain“ macht er in einem seiner „ratinger hof“-Gedichte über durchtanzte und durchkiffte Düsseldorfer Partynächte kurzerhand „o nacht! ich nahm schon / flugbenzin“. Die Aggressivität dieser „nachtperformance“ verdankte sich aber nur oberflächlich den wummernden Bässen in dem berühmten Club, den stroboskopbelichteten Tanz- und Sexorgien in Lederkluft und mit Punkfrisur oder dem „sprachfraß“-haften Gelaber, als das man das kolloquial gehaltene Gedicht keinesfalls verkennen sollte. Unter den Ledernieten, der Föhnfrisur und der „rasierten muschi“ liegt als stets mitzudenkende historische Dimension der tonangebende Subtext, den Peer Trilcke, der Herausgeber von Band 2, in seiner Dissertation „Historisches Rauschen“ (2012) mustergültig beschrieben hat. Der „blickfick“ der vermeintlich nur vergnügungssüchtigen Jugend wird dem „blitzkrieg“ gegenübergestellt, nicht nur in sprachspielerischer Hinsicht. Kling erzählt die Geschichte von unten, oral history.

Während Bezugnahmen auf den Zweiten Weltkrieg bei Kling vergleichsweise sparsam ausfallen (worüber man sich in der Forschung auch einmal Gedanken machen müsste), ist seine Auseinandersetzung mit dem Ersten quasi tonangebend. In den Ratinger-Hof-Gedichten ist denn auch nicht nur die teils feiernde, teils randalierende Jugend durch Drogen und „dezibelschübe“ benebelt, sondern auch die mit diesen parallelisierte Kriegsheimkehrergeneration, die inzwischen in Altenpflegeheimen mit „verrutschten kathetern“, „infarktlippen“ und „mehligem zahnfleisch“ vor sich hin dämmert – und von denen Kling so manch einen im Rahmen seines Zivildienstes in einem Pflegeheim Anfang der achtziger Jahre kennengelernt haben dürfte. Die Feierwütigen wie die Lebensmüden leben in der Angst des bevorstehenden Endes, mit „PHANTOMSCHMERZEN“ und in Todesangst („UND / ANGST DAS KALTE LAKEN“).

Beißender Humor

Klings Bedeutung erschöpft sich aber keineswegs in seiner ambivalent mitreißenden Lyrik, die er buchstäblich im Angesicht des eigenen Todes verfasste; sie liegt auch in seinen fulminanten Essays. Der Lyriker sei, so der Herausgeber des Essaybandes, Frieder von Ammon, ohne den Essayisten nicht zu haben, der eine „ohne den jeweils anderen“ nicht „denkbar“: „zusammen erst ergeben sie den ganzen Kling“. Und auch das erinnert noch einmal an Benn, der, sechs Jahre vor Klings Geburt, in seiner Marburger Poetikvorlesung „Probleme der Lyrik“ von der Gleichzeitigkeit, ja Gleichrangigkeit eines Autors in der Lyrik und im Essay gesprochen hatte. Jenseits der zweifelsohne über weite Strecken herausragenden Gedichte Klings, die drei Viertel der Werkausgabe ausmachen, sind die vielen bislang unbekannten Essays, Literatur- oder Filmkritiken eine tiefe und komische Fundgrube, deren Wucht auch den Blick auf Klings von Weggefährten immer wieder beschriebenen, mitunter beißenden Humor freilegen.

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Ob man bei Kling von einer Gleichrangigkeit im Benn’schen Sinne sprechen kann, der damit das Nebeneinander von Poetik und Lyrik, von Herstellungsvorgang und Hergestelltem, von Entstehungsprozess und Werk meinte, wird eine der Fragen sein, denen sich die Kling-Forschung in den nächsten Jahren zu stellen hat. Vielleicht ist es aber auch die gattungsübergreifende Mischung von E und U, die bei diesem Schriftsteller in ein besonders packendes Nebeneinander von Ernst, Drastik und Komik mündet. Klings Irritationspotential, das reporterhaften Zugang und literaturhistorische Bildung gleichermaßen umfasst, ist noch lange nicht abgegolten.

Thomas Kling: „Werke“. Hrsg. von Marcel Beyer, Gabriele Wix, Peer Trilcke und Frieder von Ammon. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 4 Bände im Schuber, zusammen 2692 S., geb., 148,– €.

Quelle: F.A.Z.
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