Ulrike Edschmids neuer Roman

Großer Wurf mit kleinem Buch

Von Hannah Bethke
30.04.2021
, 23:08
Ulrike Edschmid 2013 in Berlin
Von dieser Sprache hätte man gern mehr: Ulrike Edschmid erzählt in ihrem Roman „Levys Testament“ auf kleinstem Raum von einem aufwühlenden jüdischen Schicksal.
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Die Geschichte beginnt mit einer Erinnerung. Es ist das Jahr 1972, schon nach wenigen Sätzen ist die politische Umgebung skizziert, die für die Ich-Erzählerin das ganze Leben lang prägend sein wird. Besetzte Häuser, Wohngemeinschaften, der ewige Kampf gegen Imperialismus und Kapitalismus, Proteste gegen Staat und Polizei, illegale Untergrundbewegungen: Alles kreist um die Ideologie der radikalen Linken. Und in diesen Jahren bedeutet das auch: Gewalt und linker Terror.

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Beiläufig erwähnt die Erzählerin einen Mann, der von der Polizei gesucht wird, aus ihrem Leben in Berlin verschwunden und mit falschen Papieren untergetaucht sei – eine Anspielung auf Ulrike Edschmids Roman „Das Verschwinden des Philip S.“, der wie ihr neues Buch autobiographische Elemente enthält. Edschmid, 1940 in Berlin geboren, lebte mit dem Filmstudenten Werner Sauber zusammen, der sich der linksextremen „Bewegung 2. Juni“ anschloss und nach einem Schusswechsel mit der Polizei ums Leben kam.

In „Levys Testament“ geht die Geschichte in eine andere Richtung. Die Erzählerin, die keinen Namen hat, hält es in Berlin nicht mehr aus und gelangt zusammen mit anderen Filmstudenten nach London. Hier lernt sie einen neuen Mann kennen, der fortan zu ihrem Leben gehört – erst während ihrer Studentenzeit in einer intensiven Liebesbeziehung, dann als tief verbundener Freund, der immer wieder bei ihr auftaucht. Auch er hat keinen Namen. Im Roman heißt er nur „der Engländer“. Das schafft eine Distanz, die im Widerspruch zur Intensität dieser Beziehung steht.

Die hohe Kunst der Diskretion

Die Erzählerin stellt sich selbst zurück; fast alles, was sie beschreibt, hat einen Bezug zum Engländer. Man erfährt viel über diesen Mann – was sie aber für ein Mensch ist, wie es ihr nach der Trennung ergangen ist, was sie fühlt und denkt, all das bleibt dem Leser verborgen. Das hängt auch mit der Erzähltechnik zusammen, die selbst große Themen beiläufig erzählt und dem Text streckenweise den Charakter von Tagebuchnotizen verleiht, oft ohne Subjekt und Prädikat. Gerade dieses zurückgenommene Schreiben aber macht die Lektüre so anziehend.

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London ist der Ort, an dem der Terror näher rückt: „Die Bomben der IRA sind eine allgegenwärtige Bedrohung.“ Doch es gibt auch woanders Gewalt. Freunde des Engländers sitzen auf der Anklagebank, weil sie Bomben auf Eigentum geworfen haben, „abgestoßen von der Warenwelt und der Macht des Geldes“.

Die Erzählerin bleibt selbst nur eine Beobachterin der linksextremen Gewalt, an der linken Ideologie aber und ihren großen Versprechungen einer besseren Welt hat sie keine Zweifel. Im Gerichtsprozess gegen die befreundeten Gewalttäter bemerkt sie: „Was die Menschen tief unter uns auf der Anklagebank sagen, würden auch wir sagen. Was sie denken, denken auch wir. Was uns von ihnen trennt, ist nur ein kleiner, einmal getaner Schritt auf die andere Seite.“

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Sie reist mit dem Engländer durch Europa – England, Deutschland, Spanien, Portugal, wo auch immer sie sind, gilt für sie die linke Internationale, immer auf der richtigen Seite, nie zugänglich für die eigenen blinden Flecken. Diese Verklärung des Linksextremismus, die linke Nostalgie, ihre Anmaßung, als privilegierte Akademiker das Dasein der unterdrückten Arbeiterklasse zu verstehen, kommt an eine Schmerzgrenze, bis das Buch plötzlich eine ungeahnte Wendung nimmt.

Der Engländer ist Jude. Längst hat er in großen erzählerischen Zeitsprüngen den Marsch durch die Institutionen und die unweigerliche Verbürgerlichung seiner linken Existenz hinter sich – eine Entwicklung, die die Erzählerin zutiefst enttäuscht –, als er einen Anruf bekommt und sichtbar wird, was das eigentliche Thema seines Lebens ist: seine Herkunft. „Zu Hause ist er nirgends“, heißt es immer wieder. Und nun beginnen wir Schritt für Schritt zu verstehen, warum. Plötzlich entwickelt sich das Buch zu einer abgründigen Familiengeschichte, einer lang ersehnten Heimkehr, die am Ende doch keinen Trost spendet. Nichts kommt, wie man denkt. Es ist keine romantische Geschichte der Guten, sondern eine des Betrugs, der Ungerechtigkeit und Exklusion – und zwar innerhalb dieser großen Familie des Engländers, der dort plötzlich mit seinen eigenen Feindbildern konfrontiert wird.

Seite um Seite zieht einen die Geschichte immer mehr in den Bann. Die einzige Enttäuschung ist die Kürze des Romans, der so kunstvoll erzählt ist, dass man gern noch viel mehr Seiten gelesen hätte. Die großartig komponierte Geschichte enthält alle Koordinaten eines breit angelegten Familienepos; vielleicht aber liegt der Reiz gerade darin, ihn nicht auszuschöpfen, sondern mit schwermütiger Leichtigkeit nur punktuell einzutauchen und dann wieder loszulassen. Es ist ein ungewöhnliches und tief berührendes Buch. Ulrike Edschmid ist mit diesem Roman ein großer Wurf gelungen.

Ulrike Edschmid: „Levys Testament“. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 144 S., geb., 20,– €.

Quelle: F.A.Z.
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