Uwe Tellkamp: Der Turm

Die Zeit ist des Teufels

Von Andreas Platthaus
14.10.2008
, 15:16
Uwe Tellkamp erzählt in dem monumentalen Roman „Der Turm“ vom Untergang der DDR. Hoch über Dresden erhielt sich unter prekären Umständen eine Welt, die es im Sozialismus eigentlich gar nicht hätte geben dürfen: das Bildungsbürgertum.

Dieses Buch will alles. Dabei wollen seine Protagonisten nur eines: frei leben. Doch nichts ist schwieriger in einem Land, das sich selbst als demokratische Republik tituliert, aber seine Bürger ausspioniert, gängelt, in Raster zwängt. Da ist der Chirurg Richard Hoffmann, dessen Liebschaft samt außerehelichem Kind ihn erpressbar für die Stasi macht. Da ist dessen Schwager Meno Rohde, der als Lektor in einem Bibliophilen-Verlag glaubt, seine Nische gefunden zu haben, und doch immer wieder die unberechenbaren Winkelzüge der Zensur zu exekutieren hat. Und da ist der Sohn des Arztes, Christian Hoffmann, der auf einen Medizin-Studienplatz hofft, sich dafür aber freiwillig zur Armee verpflichten muss, wo er beinahe gebrochen wird. Alle aber werden sie befreit: durch den 9. November 1989, den Tag, an dem die Mauer fiel.

Damit ist bereits alles gesagt über die Handlung von Uwe Tellkamps neuem Roman „Der Turm“, aber noch nichts über das Buch. Es hat fast tausend Seiten, Hunderte von Figuren, Dutzende von dramatischen Wendungen, und keine davon ist zuviel. Weil dieses Buch einen Countdown dokumentiert: die letzten sieben Jahre der DDR. Am 4. Dezember 1982 setzt die Handlung in Dresden ein. Fortwährend ticken von nun an Uhren, schlagen die Stunden, zählen die Sekunden herunter, die es noch auszuhalten gibt bis zu jenem Moment, wo die Zeit aussetzt, weil eine neue beginnt. „Die Zeit ist des Teufels“, stellt der Dichter Eduard Eschschloraque, ein überzeugter Sozialist, doch scharfzüngiger Kommentator, fest, „denn sie ist das Instrument der Veränderung . . . Der Leim, an dem wir kleben . . . Deshalb leben wir in einem gottgewollten Staat, denn wir haben es unternommen, die Zeit abzuschaffen.“

Dieses Buch ist durch und durch Musik

In dem Moment aber, wo das gelingt, bricht dieser Staat in sich zusammen; doch das müssen wir uns als Leser selbst vorstellen, denn diesen Triumph gönnt Tellkamp seinen Figuren nicht mehr. Sie sind am Ende frei, wie sie es wollten, doch nun werden sie mehr wollen. Davon will Tellkamp später erzählen, in einem Folgeroman mit demselben Personal, der im Leipzig der Nachwendejahre seinen Mittelpunkt finden wird. Die Handlung von „Der Turm“ aber mündet in die Ergänzung eines Satzfragments, das die letzten Kapitel als retardierendes Element durchdrungen hat: „. . . aber dann auf einmal . . .“. Nun heißt es am Ende weiter: „schlugen die Uhren, schlugen den 9. November, ‚Deutschland einig Vaterland‘, schlugen ans Brandenburger Tor:“ – und in diesem Doppelpunkt, der das Buch beschließt, liegt auch die Aufforderung an den Leser, nunmehr selbst weiterzuerzählen, denn wir kennen ja das Ende der Geschichte. Wir wussten nur nicht, wie sie begonnen hat.

In „Der Turm“ beginnt sie mit einer Ouvertüre, einem Anfang, der wie das Vorspiel in Wagners „Rheingold“ aus dem Nichts emporsteigt, lauter wird, ins Ohr der Lesers brandet; denn dies ist ein synästhetischer Roman, der alle Sinne fordert, der einen das Sehen und Hören lehrt und gleichzeitig Hören und Sehen vergehen lässt in der Dichte seiner Beschreibungen, die uns erzählen, wie ein Sommer in Dresden riecht, wie eine Semmel dort schmeckt, wie sich die Liebe anfühlt. Es ist ein alchemistischer Roman, der aus zahllosen Ingredienzien neue Materie schafft – und ein musikalischer: Denn nicht nur hat er vor den beiden Hauptbüchern die Ouvertüre, zwischen ihnen ein Interludium und zum Abschluss ein Finale, sondern dieses Buch ist durch und durch Musik.

Giftig wie alles, was dem Land zur Zierde gereichen soll

Darin folgt es den Konstruktionsprinzipien eines der literarischen Meister, denen Tellkamp mit „Der Turm“ seine Reverenz erweist: Heimito von Doderer, der in den „Dämonen“ vorgemacht hat, wie man ein gewaltiges Epos auf einen einzigen Tag zusteuern lassen kann. Bei ihm war es der 15. Juni 1927, der Tag, an dem der Wiener Justizpalast brannte. Doch Doderer ließ seine Protagonisten distanziert aus einem Wohnzimmerfenster beobachten, was draußen geschah. Tellkamp schickt sie am Schluss hinab in die Stadt, hinein in die Demonstrationen. Zum ersten Mal verlassen sie da wirklich den Turm. Der Turm des Romantitels – was ist das? Ein Stadtteil, eine Lebenseinstellung und eine Schicksalsgemeinschaft. Ist die Ouvertüre verklungen, die zum ersten Mal das Leitthema von Schönheit und Gift angeschlagen hat, das fortan die tausend Seiten durchziehen wird, begleiten wir Christian bei der Heimkehr zur Feier des fünfzigsten Geburtstags seines Vaters. Wer jemals in Dresden lebte, wird jeden Schritt mit dem Siebzehnjährigen gehen können: auf dem Blauen Wunder über die Elbe zum Körnerplatz, dann in die Standseilbahn und hinauf zum Stadtteil Weißer Hirsch, einem vor hundert Jahren entstandenen Villenviertel auf den Hängen hoch über dem Fluss. Dort geht es in Straßen hinein, die Leiten heißen oder Steige, zwischen Häusern hindurch mit fiktiven Namen wie „Karavelle“, „Wolfsstein“, „Elefant“, „Uhlenburg“, „Abendstern“ oder „Tausendaugenhaus“.

Wer niemals in Dresden lebte, lernt in diesem Buch ein Viertel kennen, das Tellkamp, der hier aufgewachsen ist, mit seiner Feder in eine Märchenwelt verzaubert hat, die nicht mehr aus der Literaturgeschichte wegzudenken sein wird. Märchenwelt aber nur in der Beschreibung, nicht in dem, was dort geschieht. Weißer Hirsch, das ist der Turm, der herausragt aus einem Land, das dem Untergang geweiht ist, jenem Atlantis, das schon die Ouvertüre beschworen hat und in dem Dichter Eschschloraque seinen Zierfisch hat – giftig wie alles, was dem Land zur Zierde gereichen soll: der Sozialismus, die staatlich gelenkte Kultur, die Industrie.

Die süße Krankheit Gestern

So stirbt die DDR; doch im Turm merkt es niemand, obwohl alle mit in den Strudel ihres Untergangs gerissen werden: „Der gelbe Nebel zog durch ihre Zimmer, laugte an den Häusern, machte den Dresdner Sandstein porös, überkrustete die Dächer, fraß an den Schornsteinen, ließ die Kittfassungen der Fenster brüchig werden, aber die Türmer hörten Tannhäuser in sieben verschiedenen Aufnahmen und verglichen sie miteinander . . ., sie maßen das zerstörte Kurländer Palais nach, in Gedanken und auf dem Papier, während ihre Wohnungen mürbe wurden und das Holz der Dachstühle zundrig.“

Was die Bewohner des Turms eint, ist diese Liebe zum alten Dresden und die Blindheit für das neue rund um sie herum. Die Flucht vor den Zumutungen des Sozialismus hat die Bildungsbürger auf ihren eigenen Zauberberg getrieben, wo sie sich bis zum November 1989 ähnlich selbst einlullen wie Hans Castorp. Thomas Mann ist Pate für das Selbstverständnis einer Gruppe, die sich aus ihren Wintergärten und von den Balkonen mit Elbblick herab den Betrachtungen von Unpolitischen hingibt. Sie sind infiziert von „der süßen Krankheit Gestern“, gegen die keiner der vielen Mediziner des Romans ein Gegenmittel weiß.

Die wichtigste literarische Folie für Tellkamps Roman aber ist die Romantik, und wo könnte ein Romantikroman in der DDR anders spielen als in Dresden? Auf dem Weißen Hirsch arrangieren sich die verfallenden Baudenkmäler des Fin de Siècle, die verwilderten Gärten und die verwunschenen Bewohner zur zweiten Wirklichkeit, in die Christian eintritt, als hätte er Wilhelm Hauffs Zauberspruch „Mutabor“ aus dem „Kalif Storch“ gesprochen und die ganze Welt damit verwandelt. So hat Tellkamp es in seiner Kindheit erlebt. Doch es gibt noch eine dritte Wirklichkeit, eine, die er sich ausgedacht hat: Auf dem Nachbarhügel liegt der abgeschlossene NomenklaturaBezirk, der von den Türmern „Ostrom“ genannt wird.

Ja: Dieses Buch will alles

Dort lebt Eschschloraque, den Tellkamp als Kombination aus Peter Hacks und Stephan Hermlin entworfen hat. Dort wohnen der Bezirkssekretär Basano, der Hans Modrow nachempfunden ist, und der nach Jürgen Kuczynskis Vorbild geformte Jochen Londoner. Und so wird eine ganze Menagerie von staatstreuen Feingeistern etabliert, die den Gegenentwurf zur weströmischen Turmgesellschaft à la „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ bilden. Beide zusammen aber erst bilden die – gleichfalls von Goethe, diesmal aber aus den „Wanderjahren“ entlehnte – „pädagogische Provinz“, wie das erste Buch von „Der Turm“ heißt. Nur im Zwiespalt zwischen den nostalgischen Türmern und den zynischen Oströmern kann eine Erziehung zur Mündigkeit erfolgen, während beide Seiten glauben, über pädagogische Wunderwaffen zu verfügen: hier ästhetisches Empfinden, dort Staatsbürgerkunde.

Die Schilderung von Ostrom bringt ein phantastisches Element in Tellkamps neues Buch, das man dem kühlen Chronisten des vor drei Jahren erschienenen Romans „Der Eisvogel“ nicht zugetraut hätte. Es gibt in seinem Dresden Elbinseln, auf denen durch die Einleitung chemischer Abwässer ein tropisches Klima entstanden ist, in dem Schmetterlinge schlüpfen, die Hunderte von Seiten und mehrere erzählte Jahre später in einer Sommernacht auf der Fingerspitze eines Turmbewohners landen. Jedes Detail im Roman fügt sich derart ein in eine überwältigend geschlossene Konzeption, deren einziger Nachteil ist, dass sie diese Perfektion so stolz vorweist. Und es gibt eine Ebene zuviel: Im „Turm“ soll nicht nur ein Leben stecken (Tellkamps eigenes) und ein Land (die DDR), sondern die deutsche Literatur aus drei Jahrhunderten.

Ja: Dieses Buch will alles. Und ihm gelingt auch fast alles. Mehr gewagt jedenfalls hat seit Jahren kein deutscher Autor mehr.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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