Roman von Viktor Martinowitsch

Wie aus Menschen Monster werden

Von Kerstin Holm
22.04.2021
, 21:35
Viktor Martinowitsch zeigt in seinem Roman „Revolution“, wie sich ein Intellektueller zum Dienst an einem Unrechtsregime bekehrt. Dabei lässt er in Moskau literarische Teufelskräfte spuken.

Wie wird ein liberaler Intellektueller zur Stütze eines totalitären Systems? Über diese Frage, die zumal in Russland aktuell ist, wo sich immer wieder kritische Geister zu Systemdienern umdefinieren – nach dem Schriftsteller Sachar Prilepin und dem Theatermacher Eduard Bojakow zuletzt der Regisseur Konstantin Bogomolow mit seinem antieuropäischen „Manifest“ –, hat der belarussische Autor Viktor Martinowitsch seinen neuen Roman geschrieben. Martinowitsch, ein Meister der dystopischen Extrapolation, hatte schon seinen gefeierten Erstling, „Paranoia“, einem phantastischen belarussischen Überwachungsstaat gewidmet.

In „Revolution“, der wieder in poetisch präziser Übersetzung von Thomas Weiler bei Voland & Quist herausgekommen ist, geht der studierte Kunstwissenschaftler einen Schritt weiter. Er versetzt seinen Helden, einen Architektursemiotiker aus Minsk, ins Belarus alimentierende Machtzentrum Moskau, wo er, anfangs unfreiwillig, Geheimdienstmitarbeiter wird. Er habe zeigen wollen, so Martinowitsch, dass Macht vor allem auf dem Willen des Menschen zur Unterordnung beruht. Sein Roman schildert, wie fürstlich ein autoritäres System seine Diener zu belohnen versteht, sie dabei aber auch völlig verwandelt.

Schuldiger in einem künstlich erzeugten Autounfall

„Revolution“ vergegenwärtigt das Moskau des Jahrtausendbeginns als hollywoodesk literarische Travestie, bei der Weilers Anmerkungsapparat dankenswerte Orientierungshilfe leistet. Die Stadt, die den Zuzügler zunächst durch ihr snobistisches Barbarentum beeindruckt, ist Schauplatz eines Teufelsspuks mit vielfältigen Bezügen vor allem zu Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“, aber auch zu Viktor Pelewins Vampirroman „Empire V“ und dem Kult um Alexander Puschkin. Die politischen Marionetten lenkt ein als früherer Sowjetstaatschef verehrter Uraltgeheimdienstler, der, fast wie Bulgakows Voland-Satan, aus dem Nichts auftauchen, Menschen wie offene Bücher lesen, sich aber auch in einen sabbernden Greis verwandeln kann.

Der Nachname des Akademikers, German, verweist auf den Helden von Puschkins „Pique Dame“, der, schwankend zwischen Liebe und Geld, sich für Letzteres entscheidet. Wie dem anderen German gehört auch dem Protagonisten von „Revolution“ das Herz einer schlichten jungen Frau, hier einer mitleidsguten Kellnerin, zu der er von Vorlesungen an einer westlich ausgerichteten Hochschule für Geisteswissenschaften heimkehrt, die an die von Minsk nach Vilnius gezogene Europäische Universität erinnert, wo Martinowitsch heute lehrt. Doch als Schuldiger in einem künstlich erzeugten Autounfall, für den Schadenersatzforderungen durch Hexerei beglichen werden, gerät er ins Netz dämonischer Kräfte.

Beichte an die verratene Geliebte

Dass der Gebieter über deren Netzwerk von seinen Vertrauten „Batja“ (Väterchen) genannt wird, wirkt wie eine Überhöhung des belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenka, dem der herabsetzende Diminutiv des Titels, Batka, als Spitzname anhängt. Der Rollstuhlfahrer mit dem Kopf eines römischen Konsuls erklärt German, durch gezielte Spezialaktionen wende sein Geheimbund gesellschaftliches Chaos ab. Das neue Mitglied muss ab und an – unverzüglich und ohne Nachfrage – „Bitten“ erfüllen: das einsame Sterben eines glücklosen Agenten beaufsichtigen, durch Falschaussagen einen Angeklagten, der an den 2005 verurteilten Michail Chodorkowskij erinnert, hinter Gitter bringen oder ein Baudenkmal als wertlos einstufen und demolieren lassen. Parallel dazu steigt der Lada-Fahrer German auf Luxusjeeps um und fällt steil die Karriereleiter hinauf. Nur ein befreundeter Kollege und die kleine liberal-kritische Öffentlichkeit sind von ihm entsetzt.

Der Roman, formell gebaut als Beichte an die verratene Geliebte, ist zugleich das Tagebuch einer schleichenden, aber unumkehrbaren Entmenschlichung. Es beginnt mit Lügen über dienstlich verbrachte Nächte, dann deutet German heftige Anwandlungen von Scham noch als Zeichen eines funktionierenden moralischen Kompasses, doch bald hört er auf, seiner Freundin in die Augen zu schauen. Schritt für Schritt verliert er die Stärken der Schwäche: Empathie, Zärtlichkeit, Freude an kleinen Dingen. Um die Metamorphose perfekt zu machen, spielt der Orden ihm eine glamouröse kaltlüsterne Bettgefährtin zu und verlangt, dass er sich von der Kellnerin trenne.

Eine Selbstermächtigungsmethode für Killer

Martinowitsch macht Moskau zum Vatikan einer brutalen Machtreligion: wie es einst auch das inzwischen überholte Christentum gewesen sei, das verfolgt wurde, sobald es an die Macht wollte, erklärt das „Väterchen“. Als seine die Organisation tragenden „Apostel“ stellte er die IT-Chefs für Überwachung und Kommunikation und – als schwerttragenden Paulus – seinen Seniorkiller vor.

Der Leser erlebt Moskau, für dessen totalitäre Schönheit German immer empfänglicher wird, wie in einem temporeichen Filmdrehbuch. Zum bösen Acid-Sound von Prodigy berauscht der angetrunken durch die Stadt rasende German sich an unverschämter Glitzerwerbung und daran, dass ihn kein Polizist anhalten wird. Die Euphorie angesichts der eigenen Straflosigkeit „heilt“ seine Gewissensbisse und schmiedet sie um in tolldreiste Wut – eine ideale Selbstermächtigungsmethode für Killer, Denunzianten und andere von ihren Sünden Erniedrigte, wie ihm sogleich klarwird. Lustvoll straft er, unverdient zum Universitätsrektor aufgestiegen, seinen moralischen Kollegen mit maximal unehrenhafter Entlassung.

Dabei rebelliert German auch gegen die Organisation. Er verweigert ein koprophagisches Unterwerfungsritual, versucht, mit seiner Freundin zu fliehen, verstrickt sich dadurch aber nur tiefer im Netz. Selbst seinen Triumph erringt er nach den Regeln der revolutionären Machtübernahme, so dass der Architektursemiotiker sich am Ende mit einem Steingötzen identifiziert, der von einem Stalinhochhaus auf die Stadt hinabschaut, während seine frühere Liebe für ihn zum Namen in der staatlichen Datenbank wird. Ihren neuen Freund ruiniert er zum Spaß.

Viktor Martinowitsch schrieb zwölf Jahre an diesem Roman, heute liest er sich aber auch wie ein Kommentar zu den friedlichen Protesten in Belarus, mit denen der Autor sympathisiert. Demnach ist ein Gewaltregime von innen unbesiegbar, weil Macht unwiderstehlich ist und ihre Adepten zu Ungeheuern macht.

Viktor Martinowitsch: „Revolution“. Roman. Aus dem Russischen von Thomas Weiler. Voland & Quist, Berlin 2021. 396 S., br., 24,– €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Holm, Kerstin
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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