Jonas Eikas „Nach der Sonne“

Drogen, Aktien, Sonnencreme

Von Kevin Hanschke
Aktualisiert am 22.11.2020
 - 11:52
Der dänische Literaturstar Jonas Eika
In seinen Erzählungen findet der neue dänische Literaturstar Jonas Eika den Sound unserer verschwimmenden Gegenwart. Seine Texte verdichten politische und ökonomische Fragen.

Ein IT-Berater stellt fest, dass die Bank in Kopenhagen, die er berät, in einem Krater versunken ist. In der Ruine im Zentrum der dänischen Hauptstadt arbeiten die Mitarbeiter weiter, so als ob nichts gewesen wäre. Hunderte Kilometer entfernt, in London, findet ein drogenabhängiger Obdachloser ein heruntergekommenes Haus. Er richtet dort sein Nachtquartier ein und verliert es kurze Zeit später wieder.

Auf der anderen Seite des Atlantiks, im amerikanischen Bundesstaat Nevada, zieht ein junges Paar in eine Kolonie von Esoterikern, die auf die Ankunft von Außerirdischen wartet. Ein Mann entdeckt einen Satellitensender, der auf nichtmenschliches Leben hindeutet. Und unter der Sonne Cancúns, in einem Resort am Ozean, bedienen junge, durchtrainierte „Beach Boys“ reiche Gäste und erfüllen ihnen die absurdesten Wünsche.

Nomaden, auf der Suche nach einem besseren Leben

Ist das Fiktion? Science-Fiction sogar? Oder vielleicht doch eine Zustandsbeschreibung unseres Planeten im Jahr 2020? In seinem neuen Buch „Nach der Sonne“ erzählt der junge dänische Autor Jonas Eika Geschichten von Menschen, die am Abgrund stehen, entwirft dabei ein verzerrtes, endzeitliches Schaubild unserer Arbeits- und Lebenswelt. In der einleitenden Kurzgeschichte „Alvin“, die also vom Leben eines jungen IT-Beraters berichtet und vom Untergrundhandel mit Derivaten, entwickelt sich nach der Explosion des Bankgebäudes eine unbestimmte homoerotische Liebesgeschichte zwischen dem namenlosen Berater und Alvin. Die beiden lernen sich in einem Café in Kopenhagen kennen, der Berater nimmt Alvin auf eine Dienstreise mit, in ein seelenloses Business-Hotel nach Bukarest. Der junge Mann irrt nach der Zerstörung der Bank verwirrt durch die Welt, findet keinen Halt mehr, hat seinen Kompass verloren. Alvin verführt ihn, geistig und körperlich. Alvin beschäftigt sich nämlich mit der Zukunft, Alvin scheint sein Leben im Griff zu haben.

Der angeknackste IT-Berater ist die Eingangsfigur in diesen Erzählungsband, der über vier weitere Geschichten hinweg ins globalisierte Wirtschaftssystem hineinführt. Besonders eindringlich ist die längste der Geschichten, „Bad Mexican Dog“, hautnah beschreibt der fünfzehnjährige Ich-Erzähler die Körper der reichen Badegäste in einem Nobelresort von Cancún. Und wie sie von den jungen und fitten Teenagern am Strand eingecremt werden, danach werden Melonen serviert. Hier die dünnen Körper der „Beach Boys“, dort die Körper ihrer Kunden: „Ein Beach Boy darf nicht zu sehr den Eindruck vermitteln, er würde der Schwerkraft gehorchen, denke ich. Die Speckringe des Schweden flutschen mir durch die Finger.“

Die Jungs scheinen sich ihrem Schicksal gefügt zu haben, und sie bieten über die kleinen Dienstleistungen hinaus auch andere Gefälligkeiten an, um ihr geringes Gehalt aufzubessern. Jede Nacht, nach dem Ende ihrer langen Schicht, versammeln sie sich am Strand und schwimmen gemeinsam, verwandeln sich dabei in Kaulquappen, gleiten ineinander und verschmelzen. Dann erschlägt ein wütender Badegast einen von ihnen, und die Jungs verändern ihr Ritual. Sie beobachten die untergehende Sonne, reiten auf den Sonnenschirmen, springen am Strand umher, und am Ende haben sie Analsex.

Die Figuren der fünf Kurzgeschichten sind Nomaden, alle auf der Suche nach einem besseren Leben. Doch mit ihren Begierden und Sehnsüchten bleiben sie allein, auf sich gestellt, und sie betäuben sich mit Ersatzmitteln: Aktiengeschäfte, Drogen, Esoterik oder Sex. Sie sind marginalisierte, ausgestoßen wie die drogenabhängigen Obdachlosen in der Geschichte „Ich, Rory und Aurora“, die es nicht schaffen, ihrer Obdachlosigkeit zu entkommen. In einer heruntergekommenen Wohnung, direkt an einer Bahnstrecke, vegetieren sie dahin. Im Rausch verschwimmen Realität und Traum.

Kritik an der restriktiven Flüchtlingspolitik Dänemarks

Geschlecht, Sexualität, Alter, Religion und Glaube, das sind die Themen des dänischen Autors Jonas Eika, Jahrgang 1991. Und er stellt auch in Frage, was es überhaupt heißt, ein Mensch zu sein – wie in der Erzählung „Rachel, Nevada“, in der ein Mann in völliger Trauer versucht, einen Sender, der scheinbar außerirdische Signale wiedergibt, durch einen Kehlenschnitt mit seinem eigenen Körper zu verbinden. Eine Zukunftsutopie, die an die letzte Konsequenz heranführt, an das, was entsteht, wenn sich der menschliche Körper mit dem technischen Gerät untrennbar verbindet. Die Unorte, an denen Eikas Geschichten spielen, sind lebensfeindlich, ein Dasein in Würde scheint kaum möglich.

In seiner Heimat zählt Jonas Eika zu den wichtigsten Stimmen seiner Generation. Für diesen Erzählungsband „Nach der Sonne“ erhielt er im Jahr 2019 auch den renommierten Literaturpreis des Nordischen Rates, die wichtigste Auszeichnung für Literatur in Skandinavien. Eika ist der jüngste Preisträger in der achtundvierzigjährigen Geschichte. Bei der Verleihung sorgte er für einen Skandal, als er in seiner Dankesrede die restriktive Flüchtlingspolitik und den „staatlichen Rassismus“ der sozialdemokratischen dänischen Ministerpräsidentin Mette Fredericksen kritisierte. Eika hat die Forfatterskolen absolviert, die dänische Akademie für kreatives Schreiben. „Nach der Sonne“ ist das erste seiner Bücher, das auf Deutsch übersetzt wurde, hoffentlich folgt bald auch sein Erstlingswerk „Lageret Huset Marie“, erschienen 2015, mit dem Eika in seiner Heimat bekannt wurde.

In den fünf Erzählungen dieses neuen Bandes bricht Eika mit der klassischen und zeitgenössischen dänischen Literatur, die eine lange Tradition des Realismus und Minimalismus, gerade im Format der Kurzgeschichte, aufweist. Fügt stattdessen phantastische Elemente in seine Geschichten ein, findet zu einer poetisch-sinnlichen Sprache, die dennoch realistisch erscheinen lässt, was Eika erzählt: das flirrende und undefinierbare Lebensgefühl der Gegenwart.

Körperliches Begehren, sinnliche Erfahrungen und sexuelle Triebe

Die Grenzen von Identität und Geschlecht verschwimmen. Alle fünf Kurzgeschichten sind durch und durch queer. Ähnlich wie die Körper und Objekte, die sich auflösen und neu kalibrieren, fällt auch die Struktur der Sätze in Eikas Erzählungen auseinander. „Nachdem Manuel und ich uns umgezogen haben, Orange im Raum und die Sonne ein Fenster zum Meer Spritzer von dickflüssigem weißen Saft orange im poolblauen Bassin, tragen wir Gingers Körper an den Strand. Der Sand, das Meer und der Himmel sind gleich schwarz.“

Körperliches Begehren, sinnliche Erfahrungen und sexuelle Triebe: Alles scheint fluide, wie in einem surrealistischen Gemälde, es mischen sich Körperflüssigkeiten, Sonnencreme, Parfüm und kleine Organismen zu einer Ursubstanz. „Nach der Sonne, nach der Sonne/stehen die Dinge neben sich/ stumm, nutzlos, freigelassen/ins unbekannte Leben, nach dem wir fragen ...“, singen die durchtrainierten Jungs im Chor am Strand. Ein bisschen wirkt das Ganze wie eine Befreiungshymne aus dem ausbeuterischen Arbeitsverhältnis im Hotelkomplex.

Der Horizont, dort, wo die Sonne untergeht, bleibt immer im Bild. Und lässt die Figuren von einer Welt dahinter träumen, die Freiheit und die Flucht aus der Ordnung des modernen Kapitalismus verspricht. Die Welt nach der Sonne ist Sehnsucht und Hoffnung zugleich. Jonas Eika sind Texte gelungen, die politische und ökonomische Fragen verdichten – und zugleich von sich auflösender Körperlichkeit und einer grenzüberschreitenden Sexualität erzählen.

Jonas Eika: „Nach der Sonne“. Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. Hanser Berlin, 160 Seiten, 20 Euro

Quelle: F.A.S.
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