Leipziger „Inselplakate“

Bücherhimmel auf Erden

Von Andreas Platthaus
02.06.2021
, 16:09
Leipziger Inselplakat „Lunatisch“
Der Fachbereich Buchwissenschaft der Universität Leipzig erstellt traumhaft schöne Plakate mit kombinierten Titeln der Insel-Bücherei. Jetzt ist selbst ein Buch daraus geworden.
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Wenn auch sonst alles anders war in Leipzig zum erhofften Zeitpunkt der diesjährigen Buchmesse, blieb eines verlässlich beim Alten: Das Institut für Buchwissenschaft an der dortigen Universität dekorierte die ihm von einzelnen Geschäften zur Verfügung gestellten Schaufenster mit liebevoll arrangierten Beständen aus dem institutseigenen „Bibliotop“.

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Das ist eine vom scheidenden Lehrstuhlinhaber Siegfried Lokatis auf der Grundlage der Schenkung eines Neusser Buchhändlerehepaars eingerichtete Wunderkammer zur Geschichte des deutschen Buchhandels, denn nicht nur sind die längs der Wände und quer durch alle Räume aufgestellten Regale vollgestopft mit Büchern (weit über die eigentliche Schenkung hinaus), sondern das Bibliotop verfügt auch über allerlei Werbematerial der Verlage – von Plastiktüten über Prospekte oder Kugelschreiber bis hin zu Figuren –, so dass die mitwirkenden Studenten hinreißende Assemblagen gestalten können.

Im Weltkriegsbombardement verbrannt

Das Herzstück der Sammlung besteht indes doch aus Büchern: einer annähernd vollständigen Sammlung der seit 1912 existierenden Reihe „Insel-Bücherei“. Vollständig, das hieße tatsächlich nicht nur samt der doppelt vergebenen Nummern aus den Zeiten der deutschen Teilung, als der von Anton Kippenberg gegründete Insel Verlag sowohl am Ursprungsort Leipzig als auch in Westdeutschland (erst Wiesbaden, dann Frankfurt, heute Berlin) fortgeführt wurde – und mit ihm die Insel-Bücherei –, sondern auch mit all den Rarissima aus mittlerweile 109 Jahren Publikationsgeschichte, allen voran die Nummer 313 aus dem Jahr 1943, „Gedichte des deutschen Barock“.

Leipziger Inselplakat „Barock?“
Leipziger Inselplakat zum Thema „Barock?“ von 2019. Das berühmte Inselbuch Nummer 313 („Gedichte des deutschen Barock“) ist links unter dem Titelschild eingereiht. Bild: Edition Hamouda/Faycal Hamouda

Sie ist nicht des Inhalts wegen zum begehrtesten Inselbuch geworden, sondern weil fast die gesamte Auflage vor der Auslieferung beim Weltkriegsbombardement des Leipziger Graphischen Viertels verbrannte. Heute sind nur noch rund fünfzig überlebende Exemplare bekannt. Im Bibliotop ist keines vorhanden, aber man hat dort immerhin ein freigerubbeltes Titelschild im Bestand, das für eine gescheiterte Neuauflage hätte dienen sollen.

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„Kulinarisch“, „Fernweh“, „Erotisch“

Als 2012 der hundertste Geburtstag der Insel-Bücherei anstand, entschloss man sich bei den Leipziger Buchwissenschaftlern, dieses Ereignis öffentlichkeitswirksam zu feiern, also entwickelte man eine Idee, die sich seitdem verselbständigt hat: die Inselplakate.

Leipziger Inselplakat „Lunatisch“
Das Leipziger Inselplakat „Lunatisch“ von 2019 Bild: Edition Hamouda/Faycal Hamouda

Das sind von der Studentin Julia Bachmann aus einzelnen Covern nach thematischen Aspekten zusammengepuzzelte Ansichten, die in der Zusammenschau optisch dem vertrauten Design eines Inselbuchs entsprechen und bei denen das Titelschild das jeweilige Thema nennt. Erstes Beispiel war „Blütenlese“, erstellt auf der Grundlage von 22 Umschlägen mit Blumenmotiven oder -mustern. Es machte Schule: Seitem sind es fast immer 22 Bücher, die fürs jeweilige Thema ausgesucht werden, bisweilen tauchen einzelne Titel auf mehreren Plakaten auf. Bis heute sind 36 Plakate gedruckt worden, die mehr als sechshundert Inselbücher vorstellen, darunter 2019 auf „Barock?“ auch das rarste, jene Nummer 313.

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Intellektuell und ästhetisch gewaltig

Alle diese Plakate bis hin zu den jüngsten von diesem Frühjahr („Kulinarisch“, „Fernweh“, „Erotisch“) sind jetzt im großformatigen Band „Leipziger Inselplakate“ der Edition Hamouda versammelt, eingeleitet und kommentiert von Siegfried Lokatis, der damit sein Erbe übergibt. Seit Julia Bachmanns Abschied im Jahr 2017 ist bereits die Gestaltung in andere Hände übergegangen – übrigens immer in solche von Frauen. Aber da noch nicht einmal ein Drittel aller Inselbücher auf den bisherigen Plakaten vertreten sind, dürfte die Tradition nicht abreißen.

Das Bibliotop selbst ist auch gerade umgezogen: in den ehemaligen Tresorraum einer Bank direkt am Augustusplatz zwischen Gewandhaus und Oper. Erste Bilder daraus zeigen Bücher hinter Gittertüren, aber das ist nur angemessen angesichts dessen, dass hier ein Schatz aufbewahrt wird, der zwar schwer finanziell zu beziffern ist, aber intellektuell und auch ästhetisch gewaltig ist. Die Inselplakate sind ein Ausdruck davon, nun schön gedruckt auch für die heimische Bibliothek, die natürlich nie genug Platz böte für den Aushang aller 36 Großformate.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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