Emily Segals New York-Roman

Zeitgeist im permanenten Krisenzustand

Von Caroline O. Jebens
10.08.2022
, 20:39
Die Künstlerin, Autorin und Trendprognostikerin Emily Segal
Ein Smoothie aus zeitgenössischem Garnichts: Emily Segal hat eine „fiktionale Ethnographie“ der Start-up-Welt geschrieben. „Rückläufiger Merkur“ lebt stärker von seinen Beschreibungen, als dass es eine durchdachte Erzählung wäre.
ANZEIGE

Für Emily Segal scheint es, als könne Literatur nicht so wirklich im Zeitgeist mitmischen. Während Musik, Mode und Medien sich freudig beieinander bedienen und ständig neue Formen ausloten, blieben Bücher häufig in sich verschlossen, sagte sie letztes Jahr in einem Interview. Der Betrieb brauche viel zu lange, um Werke in die Welt zu bringen, die einen gegenwärtigen Moment abbilden – wie soll man da überhaupt ein wirklich zeitgenössisches Buch schreiben? Mehr noch: Texte, die aus sich heraus kompliziert sein wollen, würden besonders „fetischisiert“.

Ihr literarisches Debüt „Mercury Retrograde“ war bereits 2020 in ihrem eigens gegründeten Verlag erschienen, nun wurde es ins Deutsche übersetzt. „Rückläufiger Merkur“ spielt in den 2010er-Jahren in ihrer Geburtsstadt New York (sehr zeitgenössisch), und da sie sich mit ihrer Protagonistin Emily Name, Alter, Vita teilt, können Autorin und Werk zusammen gelesen werden (nichts verkomplizieren). Ursprünglich war „Rückläufiger Merkur“ auch gar nicht als Roman gedacht.

ANZEIGE

Segal hatte 2015 einen gleichnamigen Essay veröffentlicht und dann (angeleitet von ihrem Mentor, dem Schriftsteller Douglas Coupland) sukzessive ausgebaut und schließlich fiktionalisiert. Ihr Buch sei vielmehr (auch das sagte sie in einem Interview) eine „fiktionale Ethnographie“ dieses speziellen New Yorks, in dem sie lebt. Die Fiktionalisierung diente ihr nur dazu, das Erlebte für andere lesbar zu machen. Und ja, „Rückläufiger Merkur“ lebt sehr viel mehr von seinen Beschreibungen, als dass es eine durchdachte Erzählung wäre. Im Roman zitiert sie dazu die Dichterin Alice Notley: „Experience is a hoax“, Erfahrung ist ein Witz, oder vielleicht besser übersetzt: ein Schwindel.

Segal studierte wie ihre Protagonistin Emily Vergleichende Literaturwissenschaften und gründete mit Freunden das Kunstkollektiv K-Hole, mit dem sie das Konsumverhalten in der Mode und in Subkulturen voraussagte. Sie verfassten Trendberichte, die sie teuer an Firmen verkauften und anschließend kostenlos online stellten. Berühmt wurden sie für den Begriff „Normcore“, er beschreibt einen Kleidungsstil, der nicht individuell zu sein versucht (jeder ist heute schon Individuum), sondern so angepasst wie möglich sein will (um Gemeinschaft zu finden).

ANZEIGE

„Meta-Schicht aus Sprache“

Nach fünf Jahren Zeitgeistvorhersagen stellt sich für Emily im Buch eine sehr gegenwärtige Sinnkrise ein: „Ich wollte mehr von dem Saft trinken, der durch die Straßen rann, wollte mich an der Stadt vergiften. Oder vielleicht war der eigentliche Grund der größenwahnsinnigste: Ich sah es als meine Chance, auf der Membran der Wirklichkeit selbst zu schreiben.“ Diese Chance erkennt sie in einem gehypten Start-up namens eXe, bei dem nicht ganz klar ist, was es eigentlich in die Welt bringen will.

Die charismatischen Gründer, Seth (davor „Junghypnotiseur“) und Piet („Hobbykeramiker“), die sie bei einer Innovationskonferenz in München kennenlernt, wollen das Internet „wie ein Sandwich“ mit einer „Meta-Schicht aus Sprache“ bestreichen. Emily als Chimäre aus Kunst- und Corporate-Mensch scheint ihnen perfekt für den Job; sie selbst sieht vor allem, dass sie „einen Überschuss an kulturellem und einen Mangel an echtem Kapital“ hat, und sagt zu.

ANZEIGE

Wie sich Emily dann an den Selbstgefälligkeiten dieser übersättigten Down-towner-Welt besäuft, beschreibt Segal so unterhaltsam, dass man die fehlende Handlung gar nicht vermisst. Die Selbstverständlichkeit, mit der Outfits wie Gemälde analysiert werden; die Direktheit, mit der die Beatgeneration anhand eines Popsongs auseinandergenommen wird; die Unbekümmertheit, mit der hier über Marken, Restaurants und Drogen gesprochen wird, macht klar: Was sich die Popliteratur einst vorwerfen lassen musste (Exklusivität durch Codierung), das kann diesem Buch und seiner Autorin egal sein.

Entweder versteht man die Lust am Nischenhaften und erkennt, auf welches größere gesellschaftliche Muster sie verweist – oder eben nicht. Als zeitgenössische Autorin verlässt sich Segal darauf, dass zumindest gewisse Referenzen verstanden werden; sie sind „Memes“, „Narrative ohne Struktur, ohne Höhepunkt und ohne Auflösung“, fungieren als ein „Abstraktum“, auf das sich eine Masse, die digital aufgewachsen ist, einigen kann (wenn sie auch einigen verschlossen bleiben dürfte).

Emily Segal: „Rückläufiger Merkur“. Aus dem Englischen von Cornelia Röser. Matthes & Seitz, 221 Seiten, 22 Euro.
Emily Segal: „Rückläufiger Merkur“. Aus dem Englischen von Cornelia Röser. Matthes & Seitz, 221 Seiten, 22 Euro. Bild: Matthes & Seitz

Das kann anstrengend sein, aber auch sehr schön. Wenn beispielsweise Emilys Sexualität keine explizite Rolle spielt („Glaubte überhaupt noch jemand an den queeren New Yorker Untergrund, außer als Thema für einen Dazed-Digital-Artikel?“). Sie verliebt sich ein bisschen in beide Chefs, verführt eine Unbekannte bei der Weihnachtsfeier – Dinge, die eben passieren können. Ein Abend im Stripklub wird so angenehm beiläufig erzählt wie das rechtzeitige Erscheinen im Büro, sodass es die Frage aufwirft, warum andere (männliche) Autoren solchen hedonistischen Szenen so viel mehr Bedeutung beimessen würden.

ANZEIGE

Der rückläufige Merkur warnt vor Neuem

Da Segal die Zeichen der Kultur deuten kann, soll Emily für das Start-up das Aussehen des Himmels beurteilen und einen „Planetary Computing“-Bericht verfassen – denn im besagten Jahr 2015 war das Phänomen des rückläufigen Merkurs für den aktuellen Zeitgeist sprichwörtlich geworden.

Eigentlich beschreibt es nur eine optische Täuschung, die eintritt, wenn die Erde am Merkur vorbeizieht; doch fungierte es schnell (und auf eher ironische Weise) als Erklärungsmuster für all die Dinge, die nicht richtig laufen. Der rückläufige Merkur fasst eine „globale kulturelle Situation“ zusammen, „in der sich eine informations-/wissensbasierte Wirtschaft (,Merkur‘) in einem permanenten Krisenzustand (,rückläufig‘) befindet“. Dabei sei es aber „keine vollständige Störung“, sondern begünstige „gewisse Übergänge, nämlich alte oder wiederkehrende“. Der rückläufige Merkur warnt vor Neuem.

Und so geschieht es nicht ganz unerwartet, dass Emily sich unter diesem schlechten Omen in der Welt, in der sie mitmischen will, aufzulösen droht: „Nicht-Künstlerin, schlechter Marketingmensch – ein Smoothie aus zeitgenössischem Garnichts.“ Wie manipulativ ihr Dinge versprochen werden, wie misogyn sich ihre Kollegen verhalten, erzählt Segal anfangs so subtil, dass es fast untergeht. Und macht irgendwann die Leser doch noch mal explizit darauf aufmerksam („das war kein Fall von Unbesonnenheit oder radikalem Missmanagement gewesen“; „man muss Muster lesen können, um die ganze Misogynie zu sehen“).

Als Emily schließlich erkennt, wie flach die Welt um sie ist, verblassen die Figuren in ihr schnell; Segal jedoch legt noch weitere Schichten Metaphern darauf, füttert einen mit Sinnbildern und Definitionen – bis einem endlich übel wird vom fetischisierten Zeitgeist.

Quelle: F.A.S.
Autorenportträt / Jebens, Caroline O.
Caroline O. Jebens
Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.
  Zur Startseite
Lesermeinungen
Alle Leser-Kommentare
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Bildungsmarkt
Alles rund um das Thema Bildung
Sprachkurs
Verbessern Sie Ihr Englisch
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch
EBook
E-Book-Reader im Test
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
ANZEIGE