Hörbuch

Krankheit ist eine Kränkung

Von Wolfgang Schneider
30.07.2021
, 19:50
Sie weiß um die schwierige Balance zwischen Fürsorge und Übergriffigkeit: Gabriele von Arnim.
Zehn Jahre lang hat die Literaturkritikerin Gabriele von Arnim ihren Mann gepflegt. Ihr Bericht geht unter die Haut.

Dies ist ein sehr berührendes Hörbuch. Die Literaturkritikerin Gabriele von Arnim erzählt davon, wie ihr Ehemann – der prominente, im Jahre 2014 verstorbene Fernsehjournalist Martin Schulze – an dem Tag, an dem sie ihm die Trennung verkündet, den ersten von zwei schweren Schlaganfällen erleidet und für die letzten zehn Jahre seines Lebens zum Pflegefall wird, gelähmt und kaum noch fähig zu sprechen, aber geistig noch völlig klar. Von Trennung ist nun keine Rede mehr. Sofort ist wieder das Gefühl der Verbundenheit da. „Je größer die Gefahr, desto mehr will sie, dass er lebt. Desto weniger kann sie sich vorstellen, ihn zu verlieren.“

Zu den Schlaganfällen kommen Lungenentzündungen, Embolien, ein wochenlanges Koma, ein Luftröhrenschnitt, Herzrhythmusstörungen, eine Gaumenlähmung, ein schwerer Dekubitus, eine beinahe tödliche Sepsis nach einem „Krankenhauskeim“, eine Patientenverwechslung und andere beklemmende Erlebnisse aus dem Medizin- und Pflegebetrieb. Dabei musste ein wohlhabender und bestens versicherter ARD-Journalist zumindest die finanziellen Nöte, mit denen viele andere Familien zusätzlich zum Krankheitselend konfrontiert werden, nicht kennenlernen.

Freundliches Pflegepersonal kann bezahlt werden, und die vorzügliche soziale Einbettung federt einiges ab. Weil der Gelähmte kaum noch hinaus in die Welt kann, wird die Welt zu Gast gebeten, auch wenn der Kranke kaum noch aktiv am Gespräch teilzunehmen vermag. Ein Locked-in-Schicksal, das einem Menschen, der es gewohnt war, Diskussionen zu bestimmen, schwer zu schaffen macht. Krankheit ist eine Kränkung.

„Denn Liebe muss sein“

Ihr eigenes Verhalten umgibt die 1946 geborene Gabriele von Arnim nicht mit einem Schimmer selbstloser Aufopferung. Sie will keine „Kümmerfrau“ sein, die darüber selbst verkümmert. Und sie weiß um die schwierige Balance zwischen Fürsorge und Übergriffigkeit. Immer wieder stellt sie sich in Frage, auch wenn sie die heikelste aller Fragen nicht beantworten kann und will: War ihr eigenes Verhalten ein Auslöser des ersten Schlaganfalls?

Psychosomatik ist ein Abgrund, in dem man sich verlieren kann. Zwischenzeitlich erkrankt sie selbst an Krebs. Auch davon spricht sie, und sie schildert die gemischten Gefühle, mit denen gerade die Pflege nahestehender Menschen verbunden ist. „Die aus den Mundwinkeln rinnende Spucke fand ich oft unappetitlich. Als er wieder ein bisschen selber essen konnte und sich ständig bekleckerte, habe ich auch gereizt reagiert.“ Sie verhehlt auch nicht ihr „unwilliges Ächzen“, wenn er wieder und wieder nach der Pinkelflasche oder der Bettpfanne ruft. Die Stimme, mit der er es tut, hat sich stark verändert. Verschwunden ist der „sonore Kammerton, in den ich mich einst verliebt hatte, dieses tiefe, rau-erotisch lockende Timbre“. Jetzt ist da nur noch ein „krächzendes Gewürge“. Trotzdem hört es sich gut an, wenn er ihr täglich versichert, dass er sie liebe. Sie erwidert diese Liebe entschlossen. „Denn Liebe muss sein“, hat sie in ihrem Tagebuch notiert. Nur so lässt sich die „Drachensaat der Zumutungen“ ertragen. „Liebend zu pflegen fällt leichter als den Dienst mit leerem Herzen zu absolvieren.“ Staunend hört man diese Sätze. Liebe ist offenbar nicht einfach nur unverfügbar da oder nicht da; sie lässt sich mit gutem Willen erzeugen.

Das Lieblingsbuch ging mit ins Grab

Während Gabriele von Arnim in die Rolle der Pflegenden hineinfindet, nimmt sie die Verunsicherung bei anderen ungnädig zur Kenntnis: die Ausweichbewegungen (ganz buchstäblich bei Begegnungen mit dem Rollstuhlfahrer auf der Straße), die Ausflüchte, das Wegbleiben. Sie entwickelt ein feines Sensorium für die falschen Töne der Teilnahme. Es gibt alte Freunde, die sich nun nicht mehr sehen lassen und das als Respekt gegenüber dem Kranken verstanden wissen wollen. Der möchte doch sicher, dass man sich an ihn erinnere, „wie er war“. Darauf entgegnet von Arnim trocken: „Er liebt es, Besuch zu bekommen.“ In diesem Fall hat sich der „rücksichtsvolle“ Freund nie wieder gemeldet. Manche Menschen wollen sich in der eigenen Lebenszufriedenheit nicht irritieren lassen durch Krankheit und Todesnähe, als könnte man sich am Unglück der anderen anstecken.

Gabriele von Arnim: „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand.“ Ungekürzte Autorinnenlesung, DAV, 1 Mp3-CD, 353 Min., 22,— €.
Gabriele von Arnim: „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand.“ Ungekürzte Autorinnenlesung, DAV, 1 Mp3-CD, 353 Min., 22,— €. Bild: DAV Verlag

Ein so persönlicher, intimer Bericht wird am besten von der Autorin selbst gelesen. Dabei ist es ein Vorteil, dass Gabriele von Arnim eine stimmgeübte Hörfunkjournalistin und Moderatorin ist. Sie liest professionell, ohne die Emotionalität zu sehr zu forcieren, wie es vielleicht eine Schauspielerin tun würde, sondern in vielen Passagen mit einer kühlen Zärtlichkeit, durch die diese Aufzeichnungen als ihre eigene durchlittene Geschichte markiert werden. Viele ihrer Formulierungen haben in der plastischen Bildlichkeit einen mündlichen Gestus, was dem Hörbuch zugutekommt.

So gebannt man Gabriele von Arnim zuhört, auf Dauer gibt es ein paar Störfrequenzen, vor allem die ständigen Verweise auf literarische Werke, in denen sie ähnliche Sorgen, Nöte, Gedanken und deren gültige Formulierung findet. Zweifellos ist es etwas Wunderbares, wenn Literatur dabei hilft, Lebenskrisen zu bewältigen. Hier aber wirkt der Geleitschutz der vielen Autoren bisweilen so, als würde von Arnim ihrer eigenen Wahrnehmung doch nicht ganz vertrauen. Ist es die Marotte einer Literaturkritikerin, die ihre Lektüren in die Pflicht nimmt? Vielleicht stört auch nur die etwas schulmäßige Art, die Autoren ins Spiel zu bringen, etwa wenn sie dem Schriftsteller David Grossman floskelhaft bescheinigt, dass er „sich immer wieder aufmacht, den Kern des Menschen zu ergründen“.

Allerdings handelt auch das freundlichste Kapitel von Büchern. Wegen der Einschränkung seines Gesichtsfelds kann der Kranke nicht mehr selbst lesen. Es wird ein Kreis von siebzehn Vorlesern organisiert. Ein anderer hätte sich womöglich mit Hörbüchern begnügen müssen. Die Nähe, die das Vorlesen ermöglicht, wirkt entkrampfend. Dreimal lässt sich der Kranke sein tausendseitiges Lieblingsbuch vortragen, und da hätte tatsächlich kein Hörbuch aushelfen können, denn von Albert Vigoleis Thelens großem Roman „Die Insel des zweiten Gesichts“ gibt es keines. Schon in den Monaten ihres Kennenlernens hatte Martin Schulze seine künftige Frau zum Lesen dieses fabelhaften, viel zu wenig bekannten Werkes animiert: „Wenn Sie etwas wissen möchten über mich, dann sollten Sie ‚Die Insel des zweiten Gesichts‘ lesen.“ Nach der Lektüre stand der Heirat nichts mehr im Weg. Und keine Frage, welchen Platz Thelens Buch am Ende der zehnjährigen Leidenszeit gefunden hat: „Es modert nun mit ihm in seinem Grab.“ Auch das ist dieser unter die Haut gehende Bericht von der dunklen, abschüssigen Seite des Lebens: die schönste Thelen-Hommage, von der man je gehört hat.

Quelle: F.A.Z.
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