Frida Nilssons neuer Roman

Raubtiere wie du und ich

Von Eva-Maria Magel
06.08.2022
, 17:09
Frida Nilsson
Frida Nilsson setzt die Reihe ihrer großen philosophischen Romane in Phantasiewelten fort. Diesmal geraten zwei Jungen ins Land der Lindwürmer – und müssen sich mit Gut und Böse, Mensch und Tier auseinandersetzen.
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Warum stellen sich die Haare an unseren Körpern auf, wenn wir Blut riechen? „Weil wir Raubtiere sind, nicht nur ich, du auch“, sagt Tjodolf, der Bär, zu Sem, dem Jungen. Der Mensch ist des Menschen Wolf oder Bär, aber er kann auch des Menschen Mensch sein. Edel, hilfreich, gut. Das wäre die traditionelle Sicht auf die Dinge. Bei Frida Nilsson ist es viel komplizierter. Es muss auch komplizierter sein. Schließlich erzählt sie vom Gutsein nicht für irgendwen, sondern für Kinder. Da muss man ausholen, darf nicht über Ungereimtheiten hinweg erzählen, man muss das Dilemma zeigen und doch aushaltbar schildern. Das gelingt Nilsson auch in ihrem neuesten Roman „Sem und Mo im Land der Lindwürmer“.

Über sprechende Tiere darf man sich dabei nicht weiter aufhalten, sie kommen oft vor im Werk von Frida Nilsson. Schon 2005 im später auf Deutsch erschienenen „Ich, Gorilla und der Affenstern“ und in ihrem jüngst auf Deutsch erschienenen Erstling „Sommer mit Krähe“ (2004) reden Tiere. Mehr noch, sie agieren menschlich. Umso unerklärlicher wird es den Menschen, denen in den Büchern ebenso wie denjenigen, die sie lesen, wie es sein kann, dass man sie jagt und isst. Doch das muss man bisweilen, und bisweilen ist es sogar nötig, aus anderen Gründen zu töten.

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Wo verläuft die Grenze zwischen Gier und Notwendigkeit, reflektiertem Handeln und Reflex, Mensch und Tier? Und was sagt diese mäandernde Grenze darüber, ob wir, die Menschen, gut sind, gut sein wollen oder wie wir mit den dunklen Flecken unserer Seele umgehen?

Frida Nilsson: „Sem und Mo im Land der Lindwürmer“. Aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger. Mit Bildern von Thorben Kuhlmann. Gerstenberg, Hildesheim 2022. 400 S., geb., 22,– €. Ab 10 J.
Frida Nilsson: „Sem und Mo im Land der Lindwürmer“. Aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger. Mit Bildern von Thorben Kuhlmann. Gerstenberg, Hildesheim 2022. 400 S., geb., 22,– €. Ab 10 J. Bild: Gerstenberg Verlag

Sem, der Ich-Erzähler, ist elf Jahre alt, als er uns das Abenteuer im Land der Lindwürmer rückblickend erzählt. Und Sem will mit aller Macht, die ihm als Kind zur Verfügung steht, ein guter Mensch sein. Äußerlich ist das wenig Macht, genau betrachtet sind Sem und sein kleiner Bruder Mo Opfer. Waisenkinder, ausgebeutet als billige Arbeitskräfte. Ohnmächtig bleibt Sem auch im Reich der Lindwürmer, von denen es nur noch einen gibt, Indra, die mit Zauberkräften ausgestattete Lindwurmkönigin. Ihr Schloss, das Nilsson wie alles so plastisch und präzise schildert, dass man den staubigen Tiergeruch alter Jagdtrophäen zu riechen meint, muss Kindern, die so geplagt wurden unter den Menschen, als Paradies erscheinen. Es ist ein trügerisches, in dem eine Handvoll Tiere – Ratz, Dachs, Fuchs und Bär –, durch Zauber in die Rollen eines menschlichen Hofstaats gezwungen, schuften müssen.

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Nilsson, vielfach ausgezeichnet, ist in den vergangenen Jahren zur Meisterin der großen philosophischen Kinderromane geworden. In ihren phantastischen Erzählwelten sind Ausbeutung und Kapitalismus, Raubbau an der Natur, das Verhältnis von Mensch und Tier, Macht und Schuld zentrale Themen – und der Tod ist immer mittendrin. Diesem Weg, den sie mit „Siri und die Eismeerpiraten“ (2017) und „Sasja und das Reich jenseits des Meeres“ (2019) eingeschlagen hat, bleibt Nilsson treu.

Sem eint mit vielen Protagonisten Nilssons die Liebe zum Lebendigen und eben der Wille, gut zu sein. Wieder ist es die Transition in eine andere Welt, die Sem und Mo durchlaufen, wie Siri und Sasja. Wieder hat dieser Wechsel mit Namen zu tun – in der Welt der Menschen haben Sem und Mo diese Kosenamen der verstorbenen Eltern eingebüßt und sind Samuel und Mortimer. Der Humor allerdings, der in der wundervollen Jenseitsgeschichte, die Sasja erzählt, so hinreißende Kapriolen geschlagen hat, ist diesmal ausgesprochen bitter und speist sich meist aus dem domestizierten Verhalten der Wildtiere.

Ambivalent ist in dieser Geschichte so gut wie alles, sogar die egozentrische Indra macht mit ihrer Analyse der gnadenlosen Ausbeutung in der Menschenwelt Punkte. Warum sie unbedingt den kleinen Mo haben will aber ist eine grausame Geschichte. Der Lindwurm kann nicht anders – Indra braucht Menschenblut, um ihre Art zu erhalten. Die Menschen wiederum konnten einst auch nicht anders: Um ihre Kinder zu schützen, mussten sie die Lindwürmer ausrotten.

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Bei Nilsson waren schon immer alle Kreaturen gleich, nun aber spitzt sie das Dilemma zu. So ist „Sem und Mo im Land der Lindwürmer“ düsterer als seine Vorgänger. Bisweilen scheint es, als schösse Nilsson im Erzählen über die eigenen Setzungen hinaus, wenn etwa Tjodolf für sich das Recht, eine Heldentat zu begehen, fordert, um „mehr als ein Tier zu sein“, und Mo zum Tier wird. Es lohnt sich, vom Ende her noch einmal zu lesen, wie so oft bei Nilsson – und so wie es Kinder bei geliebten Geschichten immer gerne tun.

Frida Nilsson: „Sem und Mo im Land der Lindwürmer“. Aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger. Mit Bildern von Thorben Kuhlmann. Gerstenberg, Hildesheim 2022. 400 S., geb., 22,– €. Ab 10 J.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Magel, Eva-Maria
Eva-Maria Magel
Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.
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