Johannes Herwigs Jugendroman

Lieber Verlierer

Von Eva-Maria Magel
23.10.2020
, 12:14
Johannes Herwig: „Scherbenhelden“. Roman. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2020. 272 S., geb., 16,– €. Ab 14 J.
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Unter den Punks von Connewitz: Johannes Herwigs Jugendroman „Scherbenhelden“ schildert in Schlaglichtern die Leipziger Gesellschaft Mitte der neunziger Jahre, das subjektive Erleben eines Systemwechsels.
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„Bürgerkriegsähnliche Zustände“ ist eine Beschreibung, die oft im Zusammenhang mit dem Leipziger Stadtteil Connewitz zu hören ist. Erst vor ein paar Tagen wieder, als in Connewitz der Protest für bezahlbaren Wohnraum eine Allianz mit linken Autonomen einging, bis zu gewalttätigen Ausschreitungen. Connewitz gilt seit 30 Jahren als Hochburg des linken „Widerstands“. Dass der Widerstand, in allen Facetten, aber noch deutlich weiter zurückgeht, sieht man zum Beispiel an „Pirat“.

Der heißt eigentlich Schröder, Vorname unbekannt, der einzige Punk von Connewitz, der Glatze trägt. Und eine Augenklappe, was ihm seinen Kampfnamen verpasste. Erst nach vielen gemeinsam geleerten Flaschen erzählt er Nino, wie er sein Auge verlor. Weil er anti war. Anti-Pioniere, Anti-Druck, Anti-DDR. Die beste Provokation damals: Hakenkreuze. Damals, das war am Ende der DDR. „Dass erst die Wessis die Nazis gebracht haben, das ist ein Märchen“, sagt Schröder. Aus ihm ist ein Punk geworden, als seine Nazi-Clique einen der thailändischen Zigarettenhändler mit einer Gaspistole bedrohte und er dazwischenging. Ein Auge weniger lassen einen Dinge anders sehen.

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Nino hingegen, mit seinen 15 Jahren deutlich jünger als Schröder, schaut wach in die Welt – auch wenn wir ihn im Lauf seiner Karriere als Jung-Punk so oft sturzbetrunken und verkatert erleben, dass man schon bei der Lektüre Kopfschmerzen kriegt. Und nicht nur ihm die Kiefer vom Zusehen schmerzen, wenn Zombie, die rebellischste und jüngste der Gruppe, ihre Bierflaschen mit den Zähnen öffnet. Für „Scherbenhelden“ darf man nicht zimperlich sein, auch nicht bei der Lektüre.

Johannes Herwig beschreibt Ninos Integration in eine Gruppe Jugendlicher, die für den „anständigen“ Teil der Gesellschaft nur Müll sind. Die Verlierer. „Lieber Verlierer als Arschloch“, sagt sich Nino. Er erlebt täglich rechte Gewalt, nicht nur gegen so offensichtlich Linke wie seine kleine Gruppe. Sein Vater, ein Schuster, ist ein Verlierer der Wende, die Schulfreunde, deren Eltern es als „Wendehälse“ geschafft haben und in Villen residieren, dürfen keinen Umgang mehr mit ihm pflegen. Und Ninos Mutter ist noch kurz vor dem Mauerfall in den Westen gegangen. Warum, auch das wird Nino erfahren in „Scherbenhelden“: Auf den ersten Blick verhandelt Johannes Herwigs zweiter Roman eine problematische Pubertät, die ein bisschen zu sehr nach traditionellem Jugendromanmuster aussieht und bisweilen auch so klingt: hier der unverstandene Junge mit überlasteten Eltern, dort die Jugendlichen aus gutem Hause, die sich für Anpassung entscheiden wie sein bester Freund Max, und auf der anderen Seite Zombie, mit 14 schon Alkoholikerin, Tochter eines sexuell übergriffigen Alkoholikers und nur scheinbar tough.

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Aber Herwig gelingt es, konsequent aus der Perspektive seines Ich-Erzählers Nino heraus die Leipziger Gesellschaft Mitte der neunziger Jahre, das subjektive Erleben eines Systemwechsels in Schlaglichtern zu schildern und auch über weite Strecken einen authentisch wirkenden Ton anzuschlagen. Vieles von dem, was die Protagonisten von „Scherbenhelden“ erfahren, weist in die Gegenwart. Das liegt sicherlich daran, dass Herwig bestens kennt, was er mit diesen wilden Monaten des Jahres 1995, als Ninos Punk-Kollegen zu den „Chaostagen“ nach Hannover fahren und Nino seine eigenen Chaostage erlebt, beschreibt: Geboren 1979 in Leipzig-Connewitz und dort aufgewachsen, erlebte Herwig seine Eltern als frühe Montagsdemonstranten und wurde als Jugendlicher selbst Punk. Über Umwege kam er zum Studium und über weitere Umwege zum Schreiben und Filmen. Sein Debütroman „Bis die Sterne zittern“ handelte 2017 von den „Meuten“, jenen Jugendgangs, die sich in Leipzig Anfang der dreißiger Jahre gegen die Hitlerjugend formierten, auch um den Preis, in die Folter der Gestapo zu geraten.

Wo er die langen Schatten verortet, daraus macht Herwig keinen Hehl, wenn er seinen Nino auf der Polizeiwache den Kommissar sagen hören lässt: „Zeiten ändern sich, mein Junge. Menschen nicht.“ Ninos Geschichte und ihr – vorläufiges – Ende ermutigen die Leser, eher das Gegenteil zu denken.

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Johannes Herwig: „Scherbenhelden“. Roman. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2020. 272 S., geb., 16,– €. Ab 14 J.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Magel, Eva-Maria
Eva-Maria Magel
Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.
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