Jugendroman „Swing High“

Abhotten gegen die Nazis

Von Eva-Maria Magel
11.06.2022
, 16:58
Zeitzeuge: Der Saxophonist Emil Mangelsdorff hat bis kurz vor seinem Tod Jugendlichen in Schulen und Cafés von seiner Swingjugend während des Nationalsozialismus erzählt.
Mit „Swing High“ erzählt Cornelia Franz von der Hamburger Swingjugend und erschafft ein atmosphärisch dichtes Porträt einer bestimmten Form des Widerstands gegen den Nationalsozialismus.
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Vielleicht wäre es ja das gewesen: Tanzen, Rauchen, Knutschen, Blödeln, Mode und Musik als cooler Widerstand. Schwierig, sich heute auszumalen, ob man mitgemacht hätte damals in den Dreißigerjahren, ob die Liebe zu wilder Musik statt Märschen, zum freien Wort, zu einem Lebensstil jenseits von Rassismus, Uniformen, Eintopf und Mehrheit überwogen hätte. Henri Winkler jedenfalls ist ein „Swingheini“. Das Schimpfwort der Hitlerjugend ist ihm ein Ehrentitel, den besonders fanatischen unter ihnen antwortet er lässig mit „Heil Hotler“. Er riskiert viel. Bis er ins Gestapo-Gefängnis kommt. Nach dem Krieg, am Ende von „Swing High“, sitzt er im Alsterpavillon: ein Englischlehrer, der versucht, eine neue Generation zu bilden.

Jahrzehntelang haben Zeitzeugen mit Jugendlichen über das Leben und Überleben im Nationalsozialismus gesprochen. Emil Mangelsdorff, Jahrgang 1925, zum Beispiel, Saxophonist und Bruder des Posaunisten Albert Mangelsdorff, hat bis kurz vor seinem Tod Jugendlichen in Schulen und Erzählcafés seiner Heimatstadt Frankfurt ausgemalt, wie das damals war, als er einer von diesen Swingjungs war, die heimlich Jazz hörten, selbst Musik machten, frei sein wollten mitten in der Diktatur. Im Januar ist Mangelsdorff gestorben. Wer erzählt weiter, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt? Vielleicht Figuren wie Henri, der derselbe Jahrgang ist wie Mangelsdorff.

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Auch Cornelia Franz, Jahrgang 1956, und damit weit näher an der Zeit des Nationalsozialismus und ihren Nachwehen als Jugendliche von heute, hat sich schon als junges Mädchen gefragt, was sie wohl damals getan hätte. Als sie von der Swingjugend erfahren hat, die in ihrer Heimatstadt Hamburg ihre Wurzeln hatte und eine besonders große Szene war, malte sie sich aus, dass das vielleicht ihre Art von Widerstand gewesen wäre. Ein Glück, dass nur die Gestaltung von „Swing High“ schwarz-weiß geraten ist. Ansonsten ist aus dem jugendlichen Wunsch der Autorin ein dichtes und differenziertes Bild dessen erwachsen, wie das Leben von Jugendlichen im Nationalsozialismus ausgesehen hat. Von Fanatismus wie beim Hitlerjungen Olaf, der „Streife“ geht, über Henris Jugendliebe Inge, die sich nicht entscheiden kann und zur Verräterin aus Not wird, bis zu Fritz und Konni, die auch unter Folter und im Strafarbeitsdienst ihre Ideale nie verraten.

Wie schwer es ist, sich für das Richtige zu entscheiden, entwickelt Franz an ihrer Hauptfigur, dem Arztsohn Henri. Sein Widerstand wächst langsam. Er versucht, klug zu sein, aber er gerät immer wieder mit seiner Wut, seinem Mut und seiner Lebenslust in hochgefährliche Situationen. An der Brutalität noch des kleinsten Rädchens im Getriebe lässt die Erzählung keinen Zweifel.

Cornelia Franz: „Swing High – Tanzen gegen den Sturm“. Roman.Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2022. 224 S., geb., 16,– Euro. Ab 14 J.
Cornelia Franz: „Swing High – Tanzen gegen den Sturm“. Roman.Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2022. 224 S., geb., 16,– Euro. Ab 14 J. Bild: Gerstenberg Verlag

Dass es Widerstand ist, was Jazzfans wie Henri leisten, sieht auch der junge Kommunist Robert erst einmal nicht so, mit dem Henri im Hamburger Gestapo-Hauptquartier in einer Dunkelzelle zusammentrifft. Die politischen Zwiegespräche der beiden, weiß auf schwarz, unterteilen, was Franz aus Henris Leben von Sommer 1939 bis März 1941 erzählt. Wie mit dem Krieg der politische Druck schon in der Schule wächst, wie Nazis auf wehrlose Jugendliche eindreschen, unter dem Beifall von Passanten, wie an Nuancen zu erkennen ist, wo jemand ideologisch steht. Vom polnischen Zwangsarbeiter bis zur jüdischen Klassenkameradin versucht Franz, so viele Typen wie möglich unterzubringen.

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Dass das dennoch nicht plakativ wird, liegt auch daran, dass es Franz über weite Strecken gelingt, die Spannung und buchstäblich den Sound der Zeit einzufangen. Nicht nur mit Songtiteln und Textzitaten aus Jazz und Schlager, sondern auch in verschiedenen Soziolekten all dieser Vertreter einer Epoche: Die Jugendlichen gehen „abhotten“, der Nazisportlehrer beschimpft die „Versager“. Und nicht nur im Schwanken der Eltern zwischen wiedergekäutem Patri­otismus und menschlicher Anständigkeit ist zu spüren, wie nah an jedem Jetzt diese Fragen sind.

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Cornelia Franz: „Swing High – Tanzen gegen den Sturm“. Roman.Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2022. 224 S., geb., 16,– Euro. Ab 14 J.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Magel, Eva-Maria
Eva-Maria Magel
Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.
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