Bilderbuch „Tina hat Mut“

Weißt du nicht, wer im Baumhaus wartet?

Von Tilman Spreckelsen
12.05.2021
, 12:37
Rot ist die Farbe der Entdecker: In „Tina hat Mut“ schickt Tatia Nadareischwili ein Mädchen mit ihrem Hund in den Bambushain. Ein ebenso klug inszeniertes wie sinnliches Bilderbuch.

Als Tinas Vater einmal für längere Zeit fortgeht, schenkt er seiner kleinen Tochter einen Kreisel, mit dem sie sich, sagt er, die Zeit bis zu seiner Rückkehr vertreiben soll. Seine Spitze werde ihr den Weg dorthin weisen, wo „etwas Interessantes“ liegt. Tina ist nicht klar, wohin der Vater reist oder wann er zurückkommen wird, aber seine Worte über den Kreisel nimmt sie ernst. Also dreht sie ihn, und „als er schließlich stillstand, zeigte die Spitze auf das offene Fenster und geradewegs in den Bambuswald hinein“.

Dass das Mädchen aufbrechen, dass es dem Wink des Kreisels folgen wird, mag man schon aufgrund des Buchtitels erwarten – „Tina hat Mut“, so heißt das Bilderbuch der 1988 in Tiflis geborenen Illustratorin Tatia Nadareischwili. Aber dieser Mut kommt nicht von ungefähr. Denn vor dem Aufbruch des Vaters zu seiner Reise heißt es, dass die Tochter und er gemeinsam die Umgebung erkunden, Entdeckungen machen und – das zeigen die Bilder – aufmerksam registrieren, was sich im Garten tut. Sie beobachten ein Kaninchen in seinem Bau und einen Igel, wie er sich die vom Baum gefallenen Äste auf die Rückenstacheln lädt. Es sind Ausschnitte einer gemeinsamen Reise, die man sich mühelos weiterdenken kann, denn wo der Text verstummt, nehmen die Illustrationen den Faden auf und spinnen ihn aus, bis die Leserphantasie übernimmt.

Untergründig und gekonnt strukturiert

Das ist kein Wunder, schließlich stammen Wort und Bild aus einer Hand, und so liegt es hier noch näher als ohnehin schon in guten Bilderbüchern, dass die beiden Techniken, mit deren Hilfe Tinas Geschichte erzählt wird, einander nicht nur spiegeln, sondern auch ergänzen. Das gilt im Detail wie im großen Ganzen, und bereits die Vogelschau des Areals, in dem das Buch spielt, die auf dem Vorsatz gezeigt wird, ergänzt und erläutert einiges, von dem Tina zu Beginn ihrer Reise noch gar nichts wissen kann.

Ihr Elternhaus steht am Rand eines von einem Zaun umgebenen Bambushaines (was auf die klimatischen Bedingungen im westlichen Georgien nahe der Schwarzmeerküste verweist), und als sie dem Kreisel folgt, begleitet sie ihr Hund Poppy, dessen rotes Fell ebenso wie Tinas rotes Haar und roter Mantel aus den übrigen eher gedeckten Farben des Buches deutlich herausstechen. Dieses Stilmittel setzt sich auf den folgenden Seiten fort: Was Tina bereits vertraut ist oder es im Verlauf der Expedition in den Bambushain wird, was sie interessiert und was sie ergründet, wird so hervorgehoben, während das Diffuse und Rätselhafte auch farblich und hinsichtlich der Konturen etwas diffuser erscheint, was das Buch untergründig und gekonnt strukturiert.

So gelangen Tina und Poppy immer tiefer in den Wald, wenigstens aus ihrer Perspektive – dass man das auch anders sehen kann und dass sich die Weltsicht des Kindes langsam verändert, zeigt die Illustratorin mit leichter Hand, was einer der Gründe ist, dieses Buch wiederholt und jeweils mit Gewinn zu lesen. Unterwegs stoßen die Entdecker auf Zettel, versehen mit rohen Zeichnungen, die sie wie in einer Schnitzeljagd durch den Wald und schließlich zu einem Baumhaus führen, in dem der Junge Kosta auf Tina wartet.

Und dies, das Warten, ist der eigentliche Kern des Buches. Zwei Kinder wohnen, wie sich nun zeigt, auf zwei Seiten des Bambushaines, und während der eine in seinem Baumhaus das Terrain genug kennt, um von Tina zu wissen, erweitert sich deren Horizont erst in diesem Moment. Dass in Kostas Baumhaus außer einem früheren Bilderbuch Nadareischwilis auf dem Boden und Kinderzeichnungen an den Wänden auch ein Globus zu sehen ist, kann man als weiteren Hinweis der Illustratorin auf dieses Thema sehen, das ihr Buch durchzieht.

So ist es ein völlig anderer Wald, durch den Tina am Ende rennt, er ist lichter und klarer, und das Mädchen wie ihr Hund eilen hindurch, als gäbe es dort kein Hindernis: ein letzter Akzent in einem ebenso klug inszenierten wie sinnlichen Bilderbuch.

Tatia Nadareischwili: „Tina hat Mut“. Aus dem Georgischen von Rachel Gratzfeld. Baobab Books, Basel 2020. 44 S., geb., 17,– €. Ab 4 J.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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