Torben Kuhlmanns „Lindbergh“

Na, ihr Eulen, wie schmeckt euch das?

Von Tilman Spreckelsen
27.12.2013
, 15:34
Der lange Weg aus dem Land der Katzen und Fallen: In seiner Examensarbeit schickt Torben Kuhlmann ein Flugzeug über den Ozean und beschert der Pilotin einen triumphalen Empfang.

Ein bisschen irritiert das schon: Links oben auf der sonst fast leeren Doppelseite sitzt eine Maus und hält einen Stift in den Vorderpfoten. Irgendjemand muss sie ja gezeichnet haben, dazu die Schachtel mit abgebrannten und noch ungebrauchten Streichhölzern, die angeschnitten ins Bild hinein ragt. Doch nun hat sie die Regie übernommen, sie hat das Werkzeug, mit dem sich ihre Geschichte erzählen lässt. So in etwa kann man sich den Prolog von Torben Kuhlmanns „Lindbergh“ deuten, und für ein Buch, das von einer unerhört kühnen Maus handeln soll, verspricht ein solcher Auftakt viel. Auch deshalb, weil in diesem ersten Bild nichts weiter verraten wird und so die implizite Aufforderung der Maus an den Leser, einfach umzublättern, umso dringlicher wirkt.

Eine der unerfreulichsten Erscheinungen in Bilderbüchern, gleichviel ob sie sich an Kinder oder Erwachsene richten, ist die verdoppelnde Engführung zwischen Text und Bild, wenn man also beispielsweise „Tom setzt seine rote Mütze auf und spielt auf der Wiese“ unter einem Bild liest, auf dem ein kleiner Junge mit roter Mütze im Gras gezeigt wird. Umso beglückender ist, wie Torben Kuhlmann die Dinge in „Lindbergh“ handhabt. Das Buch, entstanden 2012 als Abschlussarbeit an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg, lässt Text und Bild zu je eigenem Recht kommen. Kuhlmanns künstlerischer Alleinflug (beim Text ließ er sich immerhin von Suzanne Levesque helfen) erscheint am 20. Januar als Buch beim NordSüd Verlag. Die Originale können vom 23. Januar an im Altonaer Museum in Hamburg besichtigt werden.

Das Buch erzählt von einer Maus, an der zunächst einzig ihre Belesenheit auffällt. „Sie verkroch sich oft für viele Monate in düstere Bibliotheken, um heimlich in den Büchern der Menschen zu lesen“, schreibt Kuhlmann, nur dass die Maus, die er auf einem Stapel von aufgeschlagenen Bänden zeichnet, wahrscheinlich gerade einmal nicht liest, sondern über das Gelesene nachdenkt. Im Hintergrund zitiert ein Porträtbild Leonardo da Vinci, darunter ein großes „L“-Initial, und von hier ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der Frage, was Lindbergh, Lilienthal und Leonardo außer dem Anfangsbuchstaben noch gemeinsam haben.

Die Fledermäuse tun es doch auch

Um die Maus aber wird es zunächst stiller. Ihre Freunde sind sämtlich verschwunden, von Apparaturen ist die Rede, die plötzlich in der Heimatstadt der Maus gegen die Nager eingesetzt werden, und auf dem nächsten Doppelblatt sieht sich das Tier plötzlich von einer Batterie käsebestückter Mausefallen umgeben. Der Blick von oben unterstreicht die Gefahr, in der die Maus schwebt, und gleichzeitig, dass sie unbesorgt sein kann, solange sie der Verlockung nicht nachgibt, und dafür zumindest sind die langen Stunden über den Mechanikbüchern der Bibliothek gut: Sie erkennt die Falle und entgeht so dem Schicksal der anderen Mäuse. Hinschreiben muss Kuhlmann das nicht, eben weil er diese Wendung exzellent vorbereitet hat.

In diesem Miteinander von Bild und Text geht es weiter, und Kuhlmanns Geschichte, die angenehm klar und hin und wieder schön verrätselt ist, gewinnt durch diese erzählerische Entscheidung ungemein. Wir folgen der Maus, die sich zur Emigration nach Amerika entschließt und durch immer neue wachsame Katzen daran gehindert wird, ein Auswandererschiff zu besteigen. Wir sind dabei, wenn sie Alternativen erwägt und durch die Begegnung mit einer Schar Fledermäuse auf den Gedanken kommt, den Luftweg nach Amerika anzutreten. Und wir erleben Schritt für Schritt, wie aus der Ausgangsidee und vielen Begegnungen allmählich die Konstruktion eines dampfbetriebenen Flugzeugs erwächst, während allerlei dazu notwendige Gebrauchsgegenstände aus der Umgebung der Maus verschwinden.

Ein Traum, der unerfüllt bleiben muss

Allerdings bleiben ihre Flugversuche nicht unbemerkt, und während sie ihr Vehikel für den langen Weg über den Ozean perfektioniert, stellen ihr Eulen nach. Eine Doppelseite zeigt die Vögel, wie sie starr, wachsam, unerbittlich und wahrscheinlich sehr hungrig auf den Schornsteinen der nach dem Vorbild von Hamburg entworfenen Hafenstadt sitzen. Sie scheinen immer zu ahnen, wo sich die Maus gerade aufhält, und kommen trotzdem immer zu spät, um sie an der Flucht zu hindern.

Am Ende entkommt sie mit ihrem Flugzeug gerade noch den ausgestreckten Krallen der Eulen, die sie im Kirchturm entdeckt haben. Und so ist die anschließende Überquerung des Ozeans zwar ein technisches Bravourstück, für das die Maus bei ihrer Ankunft in New York auch angemessen gefeiert wird, sie ist aber auch deutlich als aus der Not geboren markiert. Und wenn es heißt, dass die Maus in der Neuen Welt alle ihre Freunde wiedergetroffen habe, dann wird man das als einen Wunschtraum werten, den Auswanderer naturgemäß hegen und der, wenn die Migration nicht wie mitunter im 19. Jahrhundert dörferweise erfolgt, unerfüllt bleiben muss. Umso deutlicher wird aber, was die Maus in „Lindbergh“ hinter sich gelassen hat, als ihr Flugzeug landet: die Mausefallen, die Katzen und die Eulen der Alten Welt. Damit gibt sie ein Beispiel - nicht zuletzt für einen kleinen Jungen, der sich eines Tages mit der „Spirit of St. Louis“ auf den umgekehrten Weg machen wird.

Torben Kuhlmann: „Lindbergh“. NordSüd Verlag, Zürich 2014. 96 S., geb., 17,95 €. Ab 6 J.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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