Kinderbuch von Dolf Verroen

Was sagt der Traum?

Von Kai Spanke
31.01.2022
, 17:13
Dolf Verroen: „Traumopa“. Bilder von Charlotte Dematons. Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2021. 40 S., geb., 15,— €. Ab 6 J.
Im Angesicht des Todes helfen Geschichten: In Dolf Verroens Kinderbuch „Traumopa“ trauert ein junger Held um den verstorbenen Großvater und erinnert sich an dessen lebhafte Phantasie.
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Kinder- und Jugendbücher können sich häufig mehr rausnehmen als Erwachsenenliteratur. Sie dürfen zu Tränen rühren, Lachanfälle und Gänsehaut auslösen. Solche Reaktionen finden die Sachwalter der Hochkultur meistens verdächtig, denn seit Descartes’ Diktum „Ich denke, also bin ich“ begegnen wir dem Körper mit Misstrauen, dem Geist jedoch mit Gewogenheit.

In den vergangenen Jahren fanden Autoren, die für ein junges Publikum schreiben, allerdings zunehmend Gefallen an Sujets, die man bislang nur volljährigen Lesern zumuten mochte: Misshandlungen und Krankheiten, zerschundene Seelen und Todesfälle. Schlecht muss das nicht sein, denn wer einmal Kafka und Faulkner durchdringen möchte, liest sich am besten bei Wolf Erlbruch und John Green warm. Oder bei Dolf Verroen.

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Der 1928 im niederländischen Delft geborene Autor hat ein schmales Bändchen namens „Traumopa“ veröffentlicht, in dem er sich mit dem Tod beschäftigt, die Gepflogenheiten des Genres berücksichtigt und sie zugleich anstupst, weiterdreht und über den Haufen wirft. So achtet er einerseits darauf, seinen Icherzähler Thomas als nahbare Figur aufzubauen. Der fast zehnjährige Junge sagt plausible Dinge in einfachen Sätzen, er ist einfühlsam und nachdenklich.

Geträumt wie ein Weltmeister

Andererseits kommen ihm diese Worte über die Lippen: „Leute in Geschichten weinen, wenn jemand tot ist. Meine Oma nicht.“ Heißt das etwa, wir lesen hier gar keine Geschichte? Oder will er damit sagen, dass er sich darüber im Klaren ist, Teil einer Geschichte zu sein? Wie dem auch sei, Verroen verpasst der Erzählung genau jene Menge an Selbstreflexivität, die sie gerade noch verträgt.

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Obwohl seine Zielgruppe die Grundschule besucht, schildert er, was passiert, nachdem ein Mensch sein Leben ausgehaucht hat: Thomas’ Großvater schläft ein und wacht nicht wieder auf, die Großmutter wirkt gefasst und verbringt viel Zeit am Telefon, der Bestatter kommt vorbei und holt den leblosen Körper ab. „Sehen kann ich ihn nicht“, sagt Thomas, „denn er ist in eine grau schimmernde Plane gewickelt.“ Anschließend verwirren die Erwachsenen das Kind, indem sie über Dinge reden, die sie nicht wissen können. „Er sah aus, als ob er froh wäre“, sagt Thomas. „Natürlich war er das“, entgegnet die Oma, „schließlich kam er in den Himmel.“ Der Vater sieht das anders: „Tot ist tot.“

Verroen zeigt also – und damit wären wir wieder beim Kern des Buchs –, was Erwachsene machen, wenn jemand stirbt: Sie erzählen Geschichten. Manche davon spenden Trost, andere wollen letzte Wahrheiten verkünden. Der Großvater bemerkte über sich selbst einmal, er habe von nichts eine Ahnung. Dann grinste er Thomas an und ergänzte: „Du und dein Vater, ihr wisst auch nichts.“ Dabei hatte er genau erkannt, dass Wissen letztlich oft das ist, was ein fantasiebegabter Geist aus einer undurchsichtigen Sache herauswringt. Träume etwa seien immer bedeutsam, man müsse sie nur korrekt interpretieren. Und geträumt hat der Opa wie ein Weltmeister. Hier bezieht sich Verroen auf eine literaturgeschichtliche Tradition, die im Traum seit der Renaissance das Zusammenspiel von Poesie und Erkenntnis am Werk sieht.

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Dann beginnt der Spaß erst richtig

Für die Illustrationen zeichnet Charlotte Dematons verantwortlich. Sie macht aus den Szenen im Haus der Großeltern monochrome Schattenspiele, deren Lebendigkeit paradoxerweise gerade da herrührt, dass sie wie eingefroren anmuten. Auf diese Weise betrachten wir Momente zwischen einem Nicht-mehr und einem Noch-nicht. Jedes Bild besitzt ein kleines rotes Element. Es sagt: Schau mich an, auch angesichts des Todes verblasst die Welt nicht vollständig.

Im Gegensatz zu diesen Stillleben sind die Träume des Großvaters mit expressiven Strichen und batikhaften Farbverläufen dargestellt. Sie verdichten das Gesagte zu Tableaus, die nach einer Auslegung schreien. So ist dieses kleine Buch zwar schnell gelesen, aber der Spaß beginnt erst richtig, wenn man sich als Traumdeuter versucht.

Dolf Verroen: „Traumopa“. Bilder von Charlotte Dematons. Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2021. 40 S., geb., 15,— €. Ab 6 J.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spanke, Kai
Kai Spanke
Redakteur im Feuilleton.
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