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Peter Handkes neuer Roman

Von einem, der auszog, um Rache zu nehmen

Von Tilman Spreckelsen
Aktualisiert am 18.02.2020
 - 22:51
Peter Handke in seinem Garten in Chaville bei Paris
Wenn die Widerworte leiser werden: Peter Handkes metafiktionale Maigeschichte „Das zweite Schwert“ macht aus Fremden lauter gute Menschen.

Ein Mann betrachtet sich im Spiegel. „Das Gesicht eines Rächers“, findet er, was zu seinem Vorhaben passt, das auszuführen er gerade sein Haus verlässt. Zugleich beobachtet er, wie diese Einschätzung „vollkommen lautlos aus mir“ kam, in einem jener tagelangen, stummen Selbstgespräche, in denen der Mann seit Jahren geübt ist. Dieses aber ist anders. Denn mit dem Gespräch erscheint „ein menschliches Wesen, welches dabei war, nach vielen Jahren des Zögerns, des Aufschiebens, in den Zwischenzeiten auch des Vergessens, aus dem Haus zu gehen und die längst fällige Rache zu exekutieren“ – es „erscheint“ also ein Wesen, das dem Erzähler zu eigen ist, aber nicht völlig kongruent, so dominant in diesem Moment wie es zuvor verborgen gewesen ist. Und dieses Spannungsverhältnis prägt Peter Handkes schmalen Roman „Das zweite Schwert“, der dieser Tage erscheint, vom ersten Absatz an.

Der Anlass für den plötzlich so übermächtigen Rachewunsch liefert ein lang zurückliegender Zeitungsartikel, der für den Erzähler gleichwohl immer präsent geblieben ist. In dem Text, der sich mit dem Erzähler beschäftigt, hatte die Journalistin auch kurz seine Mutter erwähnt, die mit den Nationalsozialisten sympathisiert habe. Belegt worden sei das, so der Erzähler, mit einem gefälschten Foto der beim Einmarsch der Faschisten jubelnden Mutter. Jedenfalls nehme er die „öffentliche“ und „ohne Anrempelworte daherkommende Schriftsprache, verkürzt gesagt, der Zeitungen“ als „Gewaltakte“ wahr, die „wehrlosen Opfern nie wiedergutzumachendes Unrecht zufügte“.

Irrfahrt durch die Île de France

Das klingt durchaus nach Peter Handke, der auch sonst mit dem Erzähler des Romans einiges Biographische teilt, darunter den Wohnort in der Nähe von Paris. Von dort bricht nun der Erzähler auf, um Rache zu nehmen, denn jene Journalistin wohnt ebenfalls in der Region Île de France. Der Weg führt ihn zu Fuß zur Tram, die hier zur Untergrundbahn wird, mit Bus und Taxi zum ehemaligen Kloster Port Royal des Champs und schließlich nach einer wahren Irrfahrt mit einem Ersatzbus zu einer Bahnhofsgaststätte, in der er den Abend ausklingen lässt.

Was es mit der schönen Gattungsbezeichnung der „Maigeschichte“ auf sich hat, erschließt sich rasch von der Oberfläche her und von der, davon nicht zu trennenden, heilsgeschichtlichen Grundierung. Handkes Erzähler entwirft eine mitunter beinahe anmutige Frühlingslandschaft, ohne die Spuren des Menschen zu vertuschen, im Gegenteil, er vergleicht die erinnerte, weniger berührte Gestalt eines Seitentals mit dem Ergebnis des Trambahnbaus an dieser Stelle und macht seinen Frieden. Er hat ein waches Ohr und Auge für die Vögel bis hin zur Deutung ihrer Rufe oder registriert ein Schmetterlingspaar, das einander schwebend umkreist. Tatsächlich ist der Roman wie durchwebt mit Bildern von Paaren und kontrastierend von überraschenden Einzelgängern – ein ganzer Absatz ist Sportlern gewidmet, vom Basketballer bis zum Boulespieler, die ihr Werk allein ausüben.

Nicht spitzfindig werden

Kein Zufall, natürlich nicht, und dieser Riss bildet sich auch in der Sprache des Erzählers ab. Immer wieder tastet er sich vor und nimmt das eben Gesagte zurück, oder aber eine zweite Stimme fällt ein, sagt „Unsinn“ oder beginnt eine Widerlegung mit „Andererseits“, mahnt dann wiederum „Nur nicht spitzfindig werden!“, gefolgt von „Das ist keine Spitzfindigkeit!“, so dass man mitunter seitenweise einem Dialog zu lauschen meint.

Tatsächlich ist es dieses im Grunde simple, hier jedoch ganz vorzüglich eingesetzte Stilmittel, das dem Text eine untergründige Spannung verleiht und diesen anfangs so bestimmt auftretenden Protagonisten als durchaus zweifelnd entlarvt, mehr noch, geradezu entlarven soll. Was anfangs daherkommt wie zwei innere Instanzen, die einander relativieren, kann man allerdings genau so gut als Abbild des Verhältnisses ansehen, das der Erzähler zu seiner Umgebung pflegt, die ihn, so scheint er es zu sehen, maßregelt und korrigiert: Als er in einer beschreibenden Passage das Wort „dabei“ verwendet und sich selbst zurechtweist mit den Worten „Wieder sagst du ,dabei‘“, und der unterbrochene Sprecher nimmt ungerührt den Faden wieder auf, das Wort „dabei“ ruhig und selbstbewusst ein weiteres Mal wiederholend. Ich rede hier, so kann man sich das deuten, unterbrich und kritisiere mich ruhig, es wird an meiner Rede nichts ändern und auch nichts daran, wie ich die Welt erlebe.

Das ist ein zentraler Moment für das, was in der „Maigeschichte“ geschildert wird, deren Titel sich einer Stelle im Lukasevangelium verdankt. Nach dem letzten Abendmahl und vor dem Gang nach Gethsemane bereitet Jesus die Jünger auf das vor, was kommen wird, und fordert sie auf, sich dafür Schwerter zu verschaffen. Als dann im Garten die Häscher kommen, fragen die Jünger, die zwei Schwerter mit sich führen, ob sie diese nun benutzen sollen, und führen sie dann auch gegen einen der Knechte, der ein Ohr einbüßt. Jesus heilt die Wunde und hinterlässt den Jüngern das Rätsel, wofür denn die Schwerter eingesetzt werden sollten, wenn nicht um ihn zu schützen.

Handkes Geschichte ist in zwei Abschnitte geteilt, die „Späte Rache“ und „Das zweite Schwert“ heißen, und neben die Gewaltphantasie tritt bald etwas anderes, das diese Geschichte auch von vielen eher solipsistischen Werken des Autors abhebt. Es ist die Neugier des Erzählers auf die anderen, die ihm begegnen, etwa an der Endhaltestelle der Tram, als es ums Umsteigen in einen der Busse geht, und die Frage auftaucht, wohin es die jeweils Beobachteten ziehe – „es waren viele, denen auf den Fersen zu bleiben es mich drängte, und von diesen vielen nahm ein jeder den Weg in eine andere Plateaurichtung.“

Dieses Interesse, so scheint es, wächst im Laufe des Textes, und geht einher mit dem Verstummen der anderen, zweifelnden, relativierenden Stimme – wozu sollte die sich auch melden, während er so ersichtlich eins mit sich geworden ist? In der Bahnhofsgaststätte, in der er sich niederlässt, trifft er auf „nicht wenige derer, die mir tagsüber begegnet waren“, und dass sie das „in anderer Gestalt, und trotzdem dieselben“ tun, ist das Werk seiner Perspektive. Es ist ein geglückter Tag, der an sein Ende kommt, der vielleicht sogar einzig im Licht dieses Endes geglückt genannt werden kann, und das verdankt sich dem Willen des Erzählers, wie er in diesem Moment auf die Welt schaut: „Mir kam der Gedanke, ja die Erkenntnis, daß ich es all die Zeit mit keinem einzigen bösen oder schlechten Menschen zu tun gehabt hatte, und das nicht bloß an diesem einen Tag, sondern schon seit Monaten, seit Jahren! War ich überhaupt je mit einem Bösewicht, mit jemand Grundschlechten in Person zusammengeraten? Nicht in Person, nie in Fleisch und Blut.“

Das letzte, die Unterscheidung zwischen gedachten und tatsächlichen Kontrahenten, gibt dann auch die Richtung vor, wie künftig die Notwendigkeit einer Rache vermieden werden kann. Als ein Friedensangebot kann man das verstehen, aber als eines an die Welt an sich: unter Umgehung derjenigen ihrer Bewohner, die nicht unter der milden Abendsonne verklärt werden, sondern mit ihren Fragen und Einwänden auch weiterhin gehört werden wollen.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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