Thomas A. Szlesák über Platon

Der Schlüssel steckt im siebten Brief

Von Ulf von Rauchhaupt
10.09.2021
, 10:35
Plötzlich tritt Verständnis in die Seele: Büste Platons im Pariser Louvre
Nur nicht gleich nach Einwänden und Anschlüssen suchen: Thomas A. Szlezák führt durch Platons Texte.

„Meisterdenker“ ist eigentlich kein Ehrentitel mehr. Nicht seit 1977, als André Glucksmann sein Buch „Les maîtres penseurs“ herausbrachte und die Nebenbedeutung von maître als „Zuchtmeister“ darin auch die deutsche Vokabel etwas zerschrammte. Glucksmanns Buch war eine Abrechnung mit den großen philosophischen Erzählungen als den Hebammen des Totalitarismus, eine Kritik an Fichte, Nietzsche, Hegel und Marx. Letztere beide hatte zuvor schon Karl Popper zu Feinden der offenen Gesellschaft erklärt, aber erst nachdem er mit einem anderen Denker fertig war: Platon.

Nun hat der Tübinger Gräzist Thomas Alexander Szlezák eine umfassende Darstellung Platons mit dem Untertitel „Meisterdenker der Antike“ vorgelegt. Das provoziert die Frage, ob er seinem Gegenstand hier vielleicht ebenfalls kritikwürdige Einflüsse auf seine geistige Nachwelt zu attestieren versucht – oder aber im Gegenteil ihn vor derlei gerade in Schutz nehmen möchte. Eigentümlicherweise verflüchtigt sich das Interesse an dieser Frage bereits am Beginn des ersten Kapitels. Es weicht vielmehr wachsender Neugier auf einen Philosophen, über den man eigentlich schon etwas zu wissen glaubte, jedenfalls mehr als über manch andere Gestalten der abendländischen Philosophiegeschichte – besteht diese doch nach Alfred North Whiteheads berühmter Bemerkung von 1929 ohnehin nur aus Fußnoten zu Platon.

Thomas A. Szlezák, „Platon. Meisterdenker der Antike“, Verlag C.H. Beck, München 2021, 777 Seitengeb. € 38,-
Thomas A. Szlezák, „Platon. Meisterdenker der Antike“, Verlag C.H. Beck, München 2021, 777 Seitengeb. € 38,- Bild: Verlag

Szlezák aber geht es gerade nicht darum, wo in Platons Schriften welche dieser Fußnoten nun zu verorten wären, welchen Interpretationen, Anverwandlungen und Missverständnissen sie sich verdanken oder gar wie sie heute zu bewerten wären. „Platon hat als Denker und Dichter den Test der Zeit bestanden wie kein Zweiter“, schreibt Szlezák. „Sein Werk hat es nicht nötig, in den sich wandelnden intellektuellen Konsens jeweils neu hereingeholt und – unter diesem oder jenem Aspekt – ,neu entdeckt‘ zu werden.“ Was der Autor stattdessen unternimmt, ist eine Kartierung des geistigen Kosmos Platons: seiner schriftstellerischen Mittel und Ziele, seiner Wissenschaftslehre, seiner Anthropologie, Kosmologie, politischen Philosophie, seiner Fundamentalphilosophie samt der berühmten Ideenlehre und schließlich, bewusst als Schlussakkord des Buches, Platons Theologie. Es ist ein Platon-Atlas für philosophisch interessierte altphilologische Laien – alles Griechisch ist transliteriert –, die verstehen möchten, worum es dem Athener Denker ging.

Dabei zieht Szlezák die überreiche Sekundärliteratur meist nur dort heran, wo es um Elemente der Rezeptionsgeschichte geht, die sich in seinen Augen allzu sehr zwischen uns und Platons Texte geschoben haben. Diese Texte aber sind – neben Erwähnungen Platons bei anderen antiken Autoren – seine alleinige Grundlage: jene siebenundzwanzig sogenannten Dialoge, bei denen man davon ausgehen kann, dass sie tatsächlich von Platon stammen. Er ist der erste und neben Plotin einzige antike Philosoph, von dem kein Werk verloren ging. Doch wurde unter seinem Namen noch mehr überliefert, darunter dreizehn Briefe, deren Echtheit in den meisten Fällen zumindest zweifelhaft ist.

Der siebte Brief allerdings ist echt, sagt Thomas Szlezák und positioniert sich mit diesem Befund in einer schon lange geführten wissenschaftlichen Kontroverse. Das ist keine Nebensächlichkeit, denn dieser Brief gibt Auskünfte über ein Element in Platons Biographie, das nach seiner Schülerzeit bei Sokrates vielleicht das prägendste war. Er beleuchtet sein Verhältnis zu Dionysios II. von Syrakus und die Ereignisse im Vorfeld des Mordes an dessen Verwandten Dion, mit dem Platon eng befreundet war. Gleichzeitig äußert sich Platon hier so deutlich wie nirgendwo sonst über, wie er schreibt, „das, worin mein ganzer Ernst liegt“. Gemeint ist seine Prinzipienlehre, für Szlezák und die „Tübinger Schule“ die eigentliche Grundlage der platonischen Philosophie, fundamentaler noch als die Ideenlehre und die Theorie einander durchdringender Seinsebenen, in die diese eingebettet ist.

Worüber selbst er nicht schreiben konnte, darüber ließ sich sprechen

Die Prinzipienlehre hat Platon nicht niedergeschrieben. Sie lasse sich, schreibt er im siebten Brief, „in keiner Weise in Worte fassen wie andere Erkenntnisgegenstände. Vielmehr tritt sie in langem Austausch, bei dem es um die Sache selbst geht, sowie im gemeinschaftlichen Leben plötzlich in die Seele . . .“. Es sei leicht nachzuvollziehen, schreibt Szlezák, „dass diese Position in nachaufklärerischer Zeit als Inbegriff philosophiefeindlicher elitärer Abschottung missverstanden wurde“. Doch so klar die Motivation gewesen sei, die Echtheit zu bestreiten, das Ergebnis dieser Versuche sei „ wissenschaftlich wertlos“.

Zumal der siebte Brief nicht die einzige Quelle ist. Aristoteles etwa berichtet von „ungeschriebenen Ansichten“ Platons, zuweilen auch als seine „esoterische Lehre“ bezeichnet. Doch nach Szlezák war Platons Prinzipientheorie keine Geheimlehre. Unter entsprechend vorgebildeten und begabten Gesprächsteilnehmern sei sie durchaus sag- und lehrbar gewesen. Sie war nur nicht geeignet für die schriftliche Fixierung zur Rezeption für jedermann – auch nicht in der Form der platonischen Dialoge mit ihren dramaturgischen Finessen, Gleichnissen und Mythos-Erzählungen.

Die Nachzeichnung der Prinzipientheorie Platons ist ein Höhepunkt von Szlezáks Buch. Es ist vielleicht keine vollständige Rekonstruktion, aber der Autor kann nicht zuletzt anhand charakteristischer „Aussparungen“ in den Dialogen plausibel machen, worum es Platon dort gegangen sein muss: um eine Ontologie auf der Grundlagen zweier Prinzipien, des „Einen“ und der „unbestimmten Zweiheit“, die aber die Ideenlehre keineswegs aufhebe, sondern fortsetze und vertiefe, wie Szlezák schreibt. Somit ist die platonische Philosophie noch reichhaltiger, als sie sich in den Dialogen darstellt, wo sie doch bereits dort vielschichtiger und mächtiger ist, als Platons Kritiker, angefangen bei Aristoteles, zu würdigen wussten. Eine weitere oft vernachlässigte Dimension platonischen Denkens thematisiert Szlezák schließlich mit dem Nachweis von dessen Vernetzung mit Platons tiefer Religiosität.

Die modernen Seiten der Philosophenherrschaft

Die Anschlussfähigkeit des sich so ergebenden Platon-Bildes für heutiges Philosophieren ist, wie gesagt, nicht mehr Szlezáks Thema – auch wenn er eine Liste von Einwänden gegen die Theorie der Prinzipien diskutiert. Immerhin bekommt der unvoreingenommene Leser auch bei der Prinzipienlehre oder dem Thema Religion mitnichten den Eindruck, er lausche hier Geschichten einer versunkenen Zeit.

Momente regelrechten „Hereinholens“ in aktuelle Fragen bleiben aber auch bei Szlezák unvermeidlich, wo er Platons Staatsphilosophie vorstellt. In der „Politeia“ wird ein Idealstaat entworfen, der auf die Diktatur einer Schicht Höchstbegabter hinausläuft, der „Philosophenkönige“. Denn das Richtige und Gerechte zu erkennen und zu verwirklichen ist nach Platon zwar durch philosophisches Training erlernbar, doch die kognitiven und charakterlichen Voraussetzungen dafür bringen seiner Überzeugung nach nur sehr wenige mit. Aber sieht man mit Szlezák etwas näher hin, als Karl Popper es offenbar tat, wird deutlich, dass Platons Philosophendiktatur auch Züge aufweist, die man heute – noch mehr als zu Poppers Zeiten – fortschrittlich nennen würde: So propagierte Platon zwar nicht die Gleichheit aller Menschen, aber sehr wohl die von Mann und Frau – er sah keinen Grund, warum es nicht auch Philosophenköniginnen geben sollte. Imperiale Staatlichkeit kritisiert er – etwa in seinem Atlantis-Fragment im „Kritias“ – ebenso wie zu große materielle Ungleichheit in der Gesellschaft. Und eine der vornehmsten Staatsaufgaben ist für Platon das Erziehungswesen.

Zudem kann man bei Szlezák lernen, dass sich Platons Staatsdenken keineswegs in der Politeia erschöpft. In seinem letzten und umfangreichsten Werk, den „Nomoi“ (Gesetze), denkt Platon darüber nach, wie ein vielleicht eher realisierbarer „zweitbester Staat“ aussehen könnte. Während der theoretisch beste Staat keiner Gesetze bedarf – solche würden die als vollkommen weise gedachten Philosophenkönige ja nur einschränken –, zeichnet Platon in den „Nomoi“ einen Mittelweg zwischen monarchischer und demokratischer Verfassung. Es gibt eine Volksversammlung mit weitreichenden Entscheidungsbefugnissen, doch die höhere Rechtsprechung bleibt ihr entzogen, wie im modernen Rechtsstaat ja auch. Sie liegt in der Hand von Experten, die jedoch zur Rechenschaft verpflichtet sind. Allerdings ist auch die Gesetzgebung allein Sache von Fachleuten, deren höchstem Gremium, der „nächtlichen Versammlung“, auch hier nur philosophisch Ausgebildete und damit entsprechend Begabte angehören können.

Die Überzeugung Platons, dass Menschen nicht gleich sind – im Sinne von nicht gleich diskursfähig –, dürfte den tiefsten Graben zwischen ihm und heute gültigen Axiomen markieren. Wo Menschen andere Menschen als ihnen grundsätzlich ungleich ansahen, und wenn sie ihnen nur ein falsches Bewusstsein bescheinigten, ist das schließlich selten gut ausgegangen. Doch Platons Bild vom Menschen bleibt ambi­valent, wenn man es mit Szlezák in all seinen Facetten betrachtet. Einerseits feiert Platon die Wahrheitsfähigkeit des Menschen, bemüht sich um einen Begriff von Gerechtigkeit und um Antworten auf die Frage, wie gesellschaftliches Zusammenleben am besten zu bewerkstelligen sei. Dann aber erklärt er in fast existenzialistischem Ton die menschlichen Dinge als „großen Ernstes nicht wert“ und kränkt unseren Planungs- und Wissensstolz mit Trans­zendenz: „Der Mensch ist ein Spielzeug ­Gottes“, heißt es in den „Nomoi“. „Und das ist gerade das Beste an ihm.“ Dagegen mag man protestieren wollen – aber auch das wäre nur wieder eine Fußnote zu Platon.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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