Aby Warburgs Briefe

Der Kampf um Anerkennung scheint nie zu enden

Von Sigrid Weigel
01.07.2022
, 22:34
Aby Warburg im Jahr 1925
Vom Indizienbeweis zum göttlichen Detail: Eine Edition präsentiert Aby Warburg in seinen Briefen. Deren Lektüre ist auch dazu angetan, manch liebgewordene Vorstellung über den Kunsthistoriker ins Wanken zu bringen.
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„Der liebe Gott steckt im Detail“, lautet eine der Sentenzen, mit denen die Methode von Aby Warburg, dem Begründer der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg (K.B.W.), gern charakterisiert wird, auch und gerade über den Kreis der Warburg-Forschung hinaus. Warburg selbst sah darin einen der Leitsätze für das, was die Teilnehmer seines Seminars zur „Bedeutung der Antike für den Stilwandel der italienischen Kunst der Frührenaissance“ im Wintersemester 1925/26 von der K.B.W. und ihm zu erwarten hätten, und verwies auf „das Beispiel der grossen deutschen Philologen, besonders Useners“. So zu lesen in einem Schreiben vom Januar 1926 an den Bruder Max, den Bankier und Finanzier der Stiftung, dem er ebenso regelmäßig wie ausführlich über die eigenen Forschungen und Institutsvorhaben berichtete.

Der Weg des Details in diesen göttlichen Rang war allerdings langwierig und steinig. Nahezu drei Jahrzehnte zuvor, bei Archivrecherchen in Paris zum Festwesen in Frankreich, aus denen später der Vortrag über „Mediceische Festlichkeiten am Hofe der Valois“ hervorging, gestand Warburg seiner späteren Frau Mary Hertz, wie „gräßlich schwer“ es sei, „all jene kleinen Details frisch in der Erinnerung“ zu haben, „die man gegenwärtig haben muß, um Zeichnungen und Beschreibungen zu identifizieren“. Da geht es um ein zentrales Motiv seiner Arbeitsweise, die Identifizierung historischer Personen und Ereignisse, mythischer Figuren, Symbole, Gegenstände, Rituale in Werken der Kunstgeschichte „durch Heranziehung von Briefen, Urkunden, Medaillen, aller Art zeitgenössischer Dokumente“. So die Erklärung 1902 gegenüber dem Verleger, der seinen Bildband „Bildniskunst und florentinisches Bürgertum“ druckt. Darin benennt Warburg Mitglieder der Medici-Familie, die er im Personal von Ghirlandajos Fresco in Santa Trinità erkannt hatte.

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Solche Entdeckungen entstammen dem Archiv. Dort aber herrscht jene „tristesse florentine“, wie er sie zu gleicher Zeit einem Kollegen gegenüber beklagt: wenn „in heiterer Lebensfülle gejagt, getrieben und geformt durch leidenschaftliches Leben die Toten vor uns auf[steigen]: wir aber sitzen vor ihren Rechnungsbüchern und Testamenten, [. . .] halb als Aasgeier, halb als Propheten.“ Die Früchte dieser „Hades-Stimmung im Archiv“ aber bilden den stofflichen Fundus für die Erkenntnisse ikonologischer und symbolischer Korrespondenzen zwischen Antike und Frührenaissance, aus denen seine psychohistorische Deutung antiker Pathosformeln in den Bildern unterschiedlichster Genres, Kulturen und Zeiten erwachsen.

Seine Haltung wird souveräner und die Rhetorik umgänglicher

Die Genese von Warburgs Arbeitsweise, Thesen und eigenwilligen Formulierungen lässt sich durch die Lektüre seiner Briefe detailliert nachverfolgen, die nun in einer zweibändigen, hervorragend kommentierten Edition im Rahmen der 1998 begonnenen Studienausgabe seiner „Gesammelten Schriften“ vorliegt. Der Auswahl von mehr als achthundert Briefen – von den Studienjahren bis zum Tod Warburgs im Oktober 1929 – ist ein ebenso voluminöser Kommentarband an die Seite gestellt, der die in den Briefen erwähnten Personen, Kunstwerke, Objekte, Buchtitel, Symbole, Ereignisse wie auch die Vortrags- und Publikationsvorhaben Warburgs erschließt, ergänzt um Reproduktionen der betreffenden Bilder. Man braucht einen stabilen Tisch oder kräftige Handgelenke, um diese gewichtigen Bände zu studieren. Doch es lohnt sich, weil dabei eine lebendige Anschauung von der Wanderstraße der Warburgschen Recherchen im europäischen Bildgedächtnis entsteht, – inklusive ihrer Um- und Irrwege, Spur- und Richtungswechsel.

Aby Warburg: „Briefe“. Hrsg. v. Michael Diers und Steffen Haug mit Thomas Helbig.
Aby Warburg: „Briefe“. Hrsg. v. Michael Diers und Steffen Haug mit Thomas Helbig. Bild: De Gruyter

So lässt sich bei einem chronologischen Durchgang durch die Briefe auch die Metamorphose des Details vom „Indizienbeweis“ im Deutungsstreit mit Kollegen zum nobilitierten Medium kulturwissenschaftlicher Erkenntnis verfolgen. Vom jungen Wissenschaftler, der sich wiederholt als „out-sider“ bezeichnet, werden seine Detail-Entdeckungen als Kapital in den Kampf um Anerkennung eingebracht – und nicht selten gegenüber anderen Lesarten nahezu buchhalterisch ins Feld geführt. Doch in dem Maße, wie aus zahllosen Belegen im eigenen Archiv – im Gedächtnisspeicher wie auch in den Zettelkästen und Notizbüchern – sukzessive eine kulturgeschichtliche Kartographie symbol- und bildgeschichtlicher Zitate, Umformungen und Wiederbelebungen entsteht, wird Warburgs Haltung souveräner und die Rhetorik umgänglicher. So wendet er sich 1909 an Franz Boll, den Historiker antiker Sterndeutung, dessen „Sphaera barbarica“ zu Warburgs wichtigsten Referenzen zählt, mit dem Vorschlag, in einem Ikosaeder, den dieser für ein Amulett hielt, „einen Würfel zu sehen“, und fügt eine Reihe von Beispielen und Hinweisen an, – mit dem Effekt, dass diese Boll zugesandte „Vermutung“ und „Fragezeichensammlung“ zum Beginn eines langjährigen Austausches und einer fruchtbaren Kooperation wird.

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Doch noch dem längst hochgeschätzten Direktor der K.B.W. sind einzelne Entdeckungen so wertvoll, dass er darin einen Wechsel auf den Nachruhm sieht. So äußert er Max gegenüber die Möglichkeit, sich durch die Entdeckung einer bisher unbekannten Quelle eines der bedeutsamsten Dialoge Giordano Brunos „einen ganz festen Posten in der europäischen Geistesgeschichte für längere Zeit erobert“ zu haben. Nötig hat er so etwas zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, ist er doch längst ein anerkannter Wissenschaftler, dem etwa die ehrenvolle Aufgabe zugefallen war, mit einem Vortrag den neuen großen Saal der Bibliotheca Hertziana in Rom zu eröffnen. Doch der Kampf um Anerkennung scheint nie zu Ende zu sein.

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Der Glaube an die deutsche Kultur

Oder ist es in dieser Zeit nurmehr Erfolgsbilanzierung, gerichtet an den Bruder, Familienoberhaupt und maßgebliche Stimme im über das Budget wachenden Kuratorium der K.B.W. in einer Person? Beim epistolarischen Genre hat man schließlich immer auch die Adressierung der Schreiben in Rechnung zu stellen, sodass nicht jedes Wort auf die Goldwaage der Autor-Meinung gelegt werden kann. Das gilt wohl auch für Warburgs Hinweis auf die Würdigung der K.B.W „aus dem Munde einer so unbestrittenen deutschen Autorität“ wie Wilamowitz, als Beweis, „dass meine Bibliothek ein natürliches zukunftsweisendes eigenstes Organ der europäisch-deutschen Kultur geworden ist“.

Die Lektüre der Briefausgabe ist allerdings auch dazu angetan, manch liebgewordene Warburg-Bilder ins Wanken zu bringen. Wer sich sein rundum positives Bild vom originellen Kulturwissenschaftler bewahren will, sollte die Briefe der Jahre 1914 bis 1918 überschlagen. Kontaminiert durch das nationalistische Gift der deutschen Kriegspropaganda, war Warburgs Sichtweise in diesen Jahren, ähnlich wie die nicht weniger anderer Geistesgrößen, sichtlich getrübt. Motiviert war sein Patriotismus in dem unter jüdischen Intellektuellen damals verbreiteten Glauben an Emanzipation durch Assimilation. Aufgewachsen in einer Familie, in der die jüdischen Gesetze streng befolgt wurden und der Vater noch dem Dreißigjährigen eine „Mischehe“ mit der Protestantin Mary Hertz meinte untersagen zu können, hatte der Sohn den „formelhaften Kram“ seiner „ererbten Religion“ längst abgeworfen. Er setzte dagegen auf den „geistigen Idealismus“, den er „trotz allem Anschein“ in „der heutigen Civilisation und in unserem deutschen Staat begründet“ sah, so 1897 im Brief an John Hertz, seinen späteren Schwager.

Dieser Glaube an die deutsche Kultur blieb erstaunlich stabil, wenn er auch ein halbes Jahr vor seinem Tod seine Tochter nicht in München studieren lassen wollte, wegen des dortigen Antisemitismus und „solange die Saubayern die Hitlerei hätscheln“. Doch noch 1924 in einem Brief an Percy E. Schramm heißt es, die K.B.W. treibe „die Geistespolitik des guten Europäers zu Gunsten Deutschlands“. Insofern muss das berühmte Selbstporträt Warburgs als „Hebräer dem Blute, Hamburger dem Herzen, Florentiner der Seele nach“ um den deutschen Patrioten ergänzt werden.

Aby Warburg: „Briefe“. Hrsg. v. Michael Diers und Steffen Haug mit Thomas Helbig. Gesammelte Schriften, Studienausgabe, V.1/V.2. De Gruyter Verlag, Berlin/Boston 2021. Zus. 1430 S., Abb., geb., 89,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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