Neues Buch von Aleida Assmann

Die schwache Identität ist die richtige

Von Herfried Münkler
07.01.2021
, 22:05
Deutschland als Avantgarde: Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann umreißt die Eigenschaften einer wünschenswerten Vorstellung von der Nation.

Unter dem Eindruck der Globalisierung und der zunehmenden Herausforderungen, die, wie der Klimawandel, nur staatenübergreifend angegangen werden können, hat sich im Verlauf der letzten Jahrzehnte die Vorstellung durchgesetzt, Staat und Nation seien überholte Vorstellungen, die im 21. Jahrhundert keine Rolle mehr spielten: Regiert werde „jenseits des Staates“, und auch die Nation spiele als Projektionsfläche kollektiver Identitäten keine große Rolle mehr. Inzwischen hat sich freilich gezeigt, dass hier eine den Modernisierungstheorien verpflichtete Gruppe von Sozialwissenschaftlern und ihnen verbundene Intellektuelle – der, wie sie fanden, provinziellen Enge des Nationalen überdrüssig – ihre eigene Lebenslage mit der einer breiten Mehrheit der Bevölkerung verwechselt haben. Dabei sind sie den suggestiven Entwürfen einer kosmopolitisch-neoliberalen Vorstellung auf den Leim gegangen.

In den Zeiten von Corona sind die Staaten als die entscheidenden Regulatoren von Lebensformen und Überlebenschancen sichtbar geworden, und unter dem Druck wachsender Migrationsbewegung hat die Vorstellung von nationaler Zugehörigkeit wieder dramatisch an Bedeutung gewonnen. Die Formel vom „gesellschaftlichen Zusammenhalt“, die seit einiger Zeit in aller Munde ist, bezieht sich im Wesentlichen auf das Kompositum National-Staat, der den Rahmen dieses Zusammenhalts vorgibt und ihn mit soziopolitischen Interventionen gewährleisten soll. Die vorherrschenden Zukunftsperspektiven sind kleinräumiger und kurzfristiger geworden.

Aber wie sollen wir uns die Idee der Nation vorstellen in einer Zeit, da ein globaler Wirtschaftsaustausch unser Leben bestimmt, wir die Nutzer eines globalen Kommunikationssystems und die bedrängenden Herausforderungen nur noch global zu bewältigen sind? Aleida Assmann, vielfach ausgewiesene Kulturwissenschaftlerin, hält in ihrem neuen Buch Abstand zu den Problemen der operativen Politik. Sie zerlegt das Kompositum Nationalstaat in seine Bestandteile und konzentriert sich auf die Nation: Wie sollen Inklusion und Exklusion in ihr verbunden sein? Wie viel Identitätspolitik für Minderheiten stärkt die Pluralität im Innern der Nation, und ab wann schlägt Identitätspolitik in eine Spaltung der Gesellschaft um? Wie können zumal die Deutschen sich mit ihrer Nation identifizieren, die so viel Schimpf und Schande auf sich geladen hat – oder ist Stolz und Ehre, wie sie jetzt von den Rechtspopulisten allenthalben eingefordert wird, nicht nur für die Deutschen eine sozialpsychologische Sackgasse?

Der Wert von Zuwanderung

Aleida Assmann, die sich seit Jahrzehnten mit dem Konzept eines kollektiven Gedächtnisses beschäftigt hat und insofern eine Expertin für nationale Identität ist, lässt sich damit auf Fragen ein, die bei der linksliberalen Mitte seit langem auf der politischen Tagesordnung stehen, um deren Beantwortung die meisten sich jedoch herumgedrückt haben. Für einige ist das Thema peinlich, für andere ewig gestrig, für die meisten ist es durch Nationalismus und Nationalsozialismus kontaminiert – aber soll man es deswegen, so Assmanns Einwand, den Rechtspopulisten überlassen? Oder weiterhin darauf setzen, dass die Nation in „Europa“ aufgehen werde?

Assmann bearbeitet diese Fragen zunächst als Wissenschaftlerin, die sich die einschlägigen Theoriedebatten anschaut, bevor sie eine eigene Position entwickelt und diese offensiv und selbstbewusst ins Spiel bringt. Nur am Rande beschäftigt sie sich mit der historischen und sozialwissenschaftlichen Nations- und Nationalismusforschung; stattdessen konzentriert sie sich auf eine „Grammatik der Identitäten“ und eine „Grammatik nationaler Narrative“. Die beiden so überschriebenen Kapitel sind der wissenschaftliche Anker ihrer Argumentation, bevor sie zu der normativ zugespitzten Unterscheidung zwischen zivilen und militanten Nationen kommt, wo sie dann Partei ergreift und ihre eigenen Präferenzen entwickelt. Die „Grammatik“ der Identitäten und Narrative ist zu verstehen als die Lehre von der syntaktischen Ordnung und eines ihr entsprechenden richtigen Gebrauchs der Elemente, so dass Assmann selbst die Kriterien bereitstellt, anhand derer man ihre parteiergreifende Positionierung am Schluss überprüfen kann.

Immer wieder neu auf der Suche

Sie optiert dabei für eine Nation, die sich auch durch Zuwanderung reproduziert, also nicht auf ethnische Homogenität begründet ist, die sich aber nicht in eine Addition nebeneinanderstehender und in sich geschlossener Minderheiten auflösen lässt. Sie soll vielmehr auf einer kulturellen Identität beruhen, die nicht der Ab- und Ausgrenzung dient, sondern die Grundlage und Voraussetzung des Aufeinander-Zugehens bildet. Und zugleich soll es eine Nation sein, die sich der Schuld und Verantwortung, die sie in der Vergangenheit auf sich genommen hat, bewusst ist, die also nicht triumphalistisch daherkommt, aber doch aus der Beschäftigung mit ihrer Geschichte das erforderliche Selbstbewusstsein bezieht, das erforderlich ist, wenn man Neuankömmlinge integrieren und ihnen zu guten Lebenschancen verhelfen will. Kurzum: Assmann plädiert für eine Vorstellung von Nation, die nichts gemein hat mit den Exklusionsvorstellungen ethnischer Homogenität, wie sie von den Rechtspopulisten vertreten werden, aber auch auf Distanz bleibt zu den Konzeptionen einer postmigrantischen Gesellschaft, die zuletzt als Modell sozialer Kohäsion ohne national-kulturelles Zentrum lanciert worden ist. Und sie kann sich auch nicht anfreunden mit der Vorstellung einer allein durch „Verfassungspatriotismus“ zusammengehaltenen Gesellschaft.

Die Begründung, warum einer solchen Vorstellung von gesellschaftlichem Zusammenhalt gegenüber die genannten Alternativen der Vorzug zu geben sei, hat Assmann zuvor nicht nur in der kritischen Durchsicht von Identitätstheorien und politischen Narrativen entwickelt, sondern immer auch mit vergleichendem Blick auf korrespondierende Entwicklungen in den Vereinigten Staaten, Israel und den Staaten des östlichen Mitteleuropas: Letztere, so Assmann, haben sich einem politischen wie kulturellen Nationalismus geöffnet, der die Gesellschaften im Innern spaltet und schwächt; die Vereinigten Staaten seien in die Falle einer Identitätspolitik für Minderheiten gegangen, in deren Folge sie zu einer Gesellschaft ohne soziale und politische Kohäsion geworden seien, und Israel habe es unterlassen, den Austausch mit der innerhalb des Staates lebenden palästinensischen Bevölkerung und seinen angrenzenden Nachbarn zu suchen, und sei darüber in die Falle eines nationalen Exklusionsmodells hineingeraten.

Bei den Deutschen indes, so Assmanns nach viel Kritik doch noch zuversichtlicher Ausblick, könnte es sein, dass das, was zumeist als Schwäche angesehen wird, sich zu guter Letzt als Stärke erweist: dass sie sich ihrer Identität nie wirklich sicher waren, sich immer wieder neu auf die Suche machten und deswegen heute die Türen zu einer modernen Vorstellung von Nation weiter geöffnet haben als die meisten anderen. Das ist seit dem anschwellenden Bocksgesang des Rechtspopulismus eine im doppelten Sinn mutige Perspektive: Sie verzichtet nicht auf die Idee der Nation und verheddert sich doch nicht in den Stricken der Vergangenheit.

Aleida Assmann: „Die Wiedererfindung der Nation“. Warum wir sie fürchten und warum wir sie brauchen. C.H. Beck Verlag, München 2020. 334 S., br., 18,– €.

Quelle: F.A.Z.
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