Alex Stock: Lateinische Hymnen

Nicht nur die Romantiker waren betört

Von Thomas Kapielski
10.10.2012
, 16:00
Dieser Gesang hebt zur Morgenstunde an: Der Kölner Theologe Alex Stock hat eine Auswahl lateinischer Hymnen vorgelegt - Gebrauchslyrik, die nach Höchstem strebt.
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Das Missliche sogar an trefflichen Buchbesprechungen betrifft das sie betreffende Misstrauen: Wie nah, wie fern ist die Sicht des Buchbesprechers dem Buche, dem möglichen Leser des Buches, beiden? Textproben können das Problem entschärfen, den Vermittler umgehen; allein, die Proben hätte wiederum er ausgewählt. Auch einen Herausgeber können ähnliche Zweifel an Auslese und gegebenenfalls Ausdeutung belasten. Nun, die Last ist oftmals schon bedacht, und wir können und müssen damit leben - und lesen.

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Was nun sagt das Buch, das seinen Rezensenten tagelang betörte ob seiner poetischen Schwebkraft und seines gelehrten Rahmens? (In der Hoffnung, dass man ihm hierin wird folgen können.) „Lateinische Hymnen“, ausgewählt und herausgegeben von Alex Stock, ist ein Buch das singt und lehrt: „Hymnos ist in der griechischen Antike ein Lied, das man zum Preis von Göttern und Heroen anstimmt.

Die lateinische Sprache hat den Begriff als Lehnwort übernommen, die christliche Religion die Sache in den Haushalt ihrer Frömmigkeit.“ Der Sang hebt zur Matutin, zur Morgenstunde, so an: „Aeterne rerum conditor / noctem diemque qui regis / et temporum das tempora / ut alleves fastidium.“ - „Der Dinge ewiger Grund / der den Tag du lenkst und die Nacht, / den Zeiten die Zeiten setzt / dass nicht Überdruss uns befällt.“

Meistgebrauchte Lyrik der Weltgeschichte

Augustinus berichtet in den „Confessiones“, wie ihn die beispiellosen Hymnen des Ambrosius, des Bischofs von Mailand, dort, im Jahre seiner Bekehrung 386, frommsinnig überwallten und zu Tränen rührten. Diese aufbauenden Gesänge, von der Gemeinde nach Art der Ostkirche mit einer Stimme gesungen, halfen der Kirchengemeinde, Belagerungen und Bedrängnissen zu widerstehen, und wurden ihrer liturgischen wie erbaulichen Kraft wegen beibehalten und fortan vervielfacht. „Die Macht der Süßigkeit des Gesanges“ bekehrte Augustinus - darin gründet der Ruhm des „Hymnus ambrosianus“, der die Christenheit, die Gemeinden, Klöster und Kleriker fürderhin mehr als tausend Jahre lang, Tag um Tag im Gotteslob mit Gesang (“cum cantico“ - das ist wichtig: mit Gesang!) vereinen und stärken sollte.

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Vermutlich gehören die lateinischen Hymen zur umfangreichsten und meistgebrauchten Lyrik der Weltgeschichte. Seit jener Zeit des Ambrosius wurden bis dato 35 000 solche Loblieder gezählt, und bisweilen gibt es noch heute Kleriker und Lateiner, die etwelche dichten. Im fünfundfünfzig Bände (plus drei Registerbände) umfassenden Werk „Analecta Hymnica Medii Aevi“ (1886 bis 1908) sind dreißigtausend Hymnen, Tropen, Offizien und Psalterien aus der Zeit vom vierten bis zum fünfzehnten Jahrhundert zusammengetragen. 1885 beauftragte die Ordensprovinz den Jesuiten Guido Maria Dreves mit der Sammlung und Sichtung lateinischer Hymnendichtung; bis zu seinem Tode arbeitete er ein Vierteljahrhundert an Bestand und Grundlage aller folgenden Ausführungen zur lateinischen Hymnodie. Seit zehn Jahren sind die „Analecta Hymnica“ auch digital verfügbar.

Hymnologische Blüthensträuße

Zur Zeit, da die Kirche sich entschied, das Latein als verbindliche Liturgiesprache aufzugeben, zerstob mählich nebenan die lateinisch unterlegte humanistische Bildung, büßte ihren Vorrang und ihre Wertschätzung ein. Das lateinische Gotteslob ist daran freilich nicht zugrunde gegangen. Der Kreis der Verehrer lateinischer Hymnik unter den Dichtern, Musikern und Theologen ist seit jeher groß, und so hat es zuzeiten immer auch Nachdichtungen, Vertonungen und Verdeutschungen gegeben. Unter den Übersetzern finden wir Luther, Thomas Müntzer, Lobwasser und Spangenberg; durch Quirinus Kuhlmann, Angelus Silesius und Gryphius kamen Übertragungen auf uns; Paul Gerhardt dichtete aus dem „Salve, caput cruentatum“ das allbekannte „O Haupt voll Blut und Wunden“.

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Das „Stabat mater“ ist vielmals übersetzt worden; berühmt und allbekannt sind die Vertonungen durch Josquin Desprez, Pergolesi, Haydn, Rossini, Verdi. Klopstock, Wieland, vor allem die deutschen Romantiker ließen sich von der lateinischen Hymnendichtung betören und anregen: Schlegel, Tieck, Brentano, Fouqué bis hin zu Goethe studierten die liturgischen Verse und schufen Nach- und Neudichtungen. Immer wieder auch wurden „Hymnare“, ausgewählte Sammlungen lateinischer Hymnen und Übersetzungen, zur liturgischen Nutzung, zu Stundenbüchern oder Corollarien (Kränzchen) und „Hymnologischen Blüthensträußen“ verwoben.

Pragmatische Auswahl

Der Kölner Emeritus Alex Stock, ein gestandener, in den Nebenprovinzen der Kunst- und Literaturwissenschaft bewanderter „Poetischer Theologe“, hat ein besonders schönes Gebinde solcher Lobgesänge vorgelegt - zu einer Zeit, da es stille geworden ist um den lateinischen Hymnus. Das Buch bietet dreiunddreißig Hymnen - was in etwa dem Umfang eines Hymnars aus dem frühen Mittelalter entspricht - nach liturgischen wie ästhetisch-poetischen Kriterien. Der Lobgesang ist Gebrauchslyrik; er ordnet, klärt und begründet im Bunde mit dem Gebet und Gottesdienst das Jahr und den Tag. Die Auswahl Stocks folgt also aus gutem, pragmatischem Grunde einerseits dem Festkalender durch das Kirchenjahr - von Advent an über Weihnachten, Ostern bis Allerseelen -, dann folgt sie der liturgischen Ordnung des Tages mit je einem Hymnus zur Matutin, zu den Laudes bis zur Komplet.

Das andere wichtige Auswahlkriterium Stocks zielt auf die poetische Kraft und Schönheit der Dichtung, auch soll die mannigfache Reimstruktur der Lieder exemplarisch Würdigung finden; wir lesen somit Hymnen die typisch sind, bekannt und beliebt, zu den schönsten gehörend, vielmals verdeutscht oder besungen. Die Sammlung würdigt, zum Bedauern auch des Autors selbst, die musikalischen Dimensionen des Lobgesanges nur am Rande. Meist übersetzt Stock die Hymnen selbst - auf beachtliche, löbliche Weise, nahe am Text, am Reim, zugleich gefällig; bisweilen gibt er anderen, auch prominenten Übersetzungen den Vorzug oder stellt sie neben seine eigene.

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Sieben Silben pro Zeile

Jedem Hymnus sind also Übersetzung, ausführliche Kommentare zu Text und Inhalt, zur Reimstruktur, zur liturgischen Bedeutung, zu Sinn, Semantik und Geschichte des Liedes beigegeben. Die Tücken des Kürens, Deutens und die des Übersetzens sind vom Autor wohl bedacht und bewältigt. Außerdem ist das Buch sehr schön gebunden, gediegen und gemäßigt, also nicht marktschreierisch und auf Effekte zielend, gestaltet. Typographie, Redaktion und Korrektur walten so unauffällig wie sorgfältig. Das gilt als höchstes Lob der Buchzunft!

Zwei Strophen noch zum Abschluss aus dem „Veni sancte spiritus“ (um 1200): „Consolator optime, / dulcis hospes animae, / dulce refrigerium.“ - Übersetzung im besprochenen Werk dem Kölner Gotteslob folgend: „Tröster in Verlassenheit / Labsal voll der Lieblichkeit / komm, o lieber Seelenfreund!“ - Wörtlich übertragen: „Tröster bester, / süßer Gast der Seele, / süße Labsal / Kühlung.“ Einige Strophen weiter: „Da tuis fidelibus / in te confidentibus / sacrum septenarium.“ - Wörtlich: „Gib deinen Gläubigen, / die auf dich vertrauen, / siebenfache heilige Gabe.“ Im Gotteslob: „Schenke deiner Gläub’gen Schar, / die auf dich hofft immerdar, / deiner Gaben Siebenzahl!“

Je Zeile zählen wir im lateinischen Gedicht und in der darum vorteilhaften Übertragung im Gotteslob sieben Silben - nicht ohne gewichtigen Grund: Nach Jesaja 11,2 zählen sieben heilige Gaben des heiligen Geistes: Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit und Gottesfurcht. Auch solches lehrt uns dies feine Buch. Also, wohlgesinnter Leser: Tolle, lege! Nimm und lies!

Alex Stock (Hrsg): „Lateinische Hymnen“. Verlag der Weltreligionen, Berlin 2012. 402 S., geb., 38,- Euro.

Quelle: F.A.Z.
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