Buch zu Gisèle van Waterschoot

Eine Frau im Männerbund

Von Wolfgang Matz
05.02.2021
, 22:14
Die Hausherrin an der Herengracht: Annet Mooijs vorzügliche Biographie Gisèle van Waterschoots wirft Licht auf die Gemeinschaft des „Castrum Peregrini“.

Hundert Jahre alt wurde Gisèle d’Ailly van Waterschoot van der Gracht. So steht ihr vollständiger Name im Impressum der Zeitschrift „Castrum Peregrini“, deren Schirmherrin sie war. Von diesen hundert Jahren waren es jedoch nur sehr wenige, die Gisèle van Waterschoot, so der praktische Alltagsname, ihren Platz in der Literaturgeschichte einbrachten, den Ehrentitel einer Gerechten unter den Völkern in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und schließlich auch eine eigene Biographie von mehr als vierhundert Seiten.

In den Jahren von 1941 bis 1945 wurde die junge, 1912 geborene Malerin, die ein bewegtes, nicht allzu zielgerichtetes Leben geführt hatte, zu einer entschlossenen Person, die mit Organisationstalent, Engagement und großem Mut in ihrer Amsterdamer Wohnung mehrere jüdische Männer versteckte und ihnen damit das Leben rettete. Diese Wohnung in der Herengracht 401, später das ganze Haus, verwandelte sie nach der Befreiung in die freiwillige Gemeinschaft des Castrum Peregrini, über Jahrzehnte Heimstätte für Poesie und Kunst und die gleichnamige, exklusive Zeitschrift.

Ein egozentrischer Schmarotzer

Dies ist die Geschichte, wie man sie kennt und wie sie in ihrem Kern noch immer wahr ist und den bleibenden Ruhm der Gisèle van Waterschoot ausmacht. Es ist jedoch eine sehr kurzgefasste Geschichte, die in späteren Nacherzählungen mehr und mehr zum Mythos erstarrte, und die Protagonistin ging dabei entschlossen voran. Erzählt jetzt Annet Mooij die gleiche Geschichte in ihrer gründlich erforschten Version, ändert sich sehr vieles: Wer wurde dort eigentlich versteckt in der Herengracht? Wie viele Menschen waren es? Und von wem? An Gisèle van Waterschoots mutiger Lebensentscheidung, sich gegen den Terror auf die Seite der Menschlichkeit zu stellen, ändert das nichts; und dennoch lohnt es, die ausführliche Geschichte zu erzählen, mit all ihren alltäglichen, recht handfesten Details diesseits der großen heroischen Momente.

Gisèles Jugend im steirischen Schloss Hainfeld und in Saint Louis, in Paris und dem niederländischen Bergen ist von pittoresker Bewegtheit und desgleichen ihre Gratwanderung zwischen dem strengen Katholizismus der Eltern und den lockeren Sitten der künstlerischen Boheme. Dann beginnt der Krieg, die deutsche Wehrmacht besetzt die Niederlande, und im Sommer 1940 begegnet die Künstlerin einem emigrierten deutschen Autor. Aber war dieser Wolfgang Frommel, der für immer prägender Teil ihres Lebens bleibt, überhaupt ein ernsthafter Schriftsteller? Und was war er sonst? Frommel war wohl das, wofür ihn auch mancher Zeitgenosse schon hielt: ein wenig selbständiger Dichter und ein Hochstapler, ein gebildeter, charismatischer Erzieher und Liebhaber – und ein egozentrischer Schmarotzer. Doch als die Verfolgungen beginnen, kommt er, der kein verfolgter Jude ist, auf der Suche nach einem Versteck für zwei jüdische Freunde in die Herengracht. Mit Wandschränken und ausgehöhltem Klavier haben Gisèle van Waterschoot und Wolfgang Frommel dieses Versteck geschaffen.

Sie war kein Opfer mächtiger Herren

Das Castrum Peregrini wurde später eine Imitation des poetischen Männerbunds um Stefan George, mit Ritualen und Hierarchien, mit der Vorliebe für junge Männer und mit hohen Bildungsidealen – allerdings ohne den entscheidenden Kern eines großen literarischen Werks. Frommel berief sich für seine Mission auf den Segen des „Meisters“ persönlich, doch die biographische Forschung weckte schon zu seinen Lebzeiten den Verdacht, der von ihm wiederholt ausfabulierte Initiationsbesuch bei George habe nie stattgefunden. Im Rückblick ist man geneigt, in dieser Lebenslüge, an der Frommel auch nach ihrer Enthüllung festhielt, den eigentlichen Webfehler des Castrum zu sehen. Denn folgt man Annet Mooij, so sind Mythologisierung und Betrug – und deshalb auch Selbstmythologisierung und Selbstbetrug – von Anfang an Existenzbedingung dieser eingeschworenen, nach außen abgedichteten Gemeinschaft mit sektenartigen Zügen. Dazu gehört, dass für die eigene Gründungsgeschichte ausschließlich die selbsterzählte Version gelten durfte, und auch Gisèle van Waterschoot neigte zu einer märchenhaften Fassung ihres Lebens.

Wie aber konnte diese selbstbewusste, selbständige Künstlerin lebenslang Teil eines sexuell unterfütterten Männerbundes bleiben, in dem sogar sie, ohne deren Arbeit, Haus und Geld das Castrum nie existiert hätte, als Frau von allem Wesentlichen ausgeschlossen wurde? Zum Glück gibt Annet Mooij auf diese zentrale Frage keine einfache Antwort. In ihrem Bewusstsein von der Ambivalenz menschlicher Lebensentscheidungen liegt die Qualität des Buches. Gisèle van Waterschoot, so wütend sie zuweilen auch klagte über ihren Ausschluss, war kein bedauernswertes Opfer mächtiger Herren; sie hat entschieden zu Frommel und der gemeinsamen Sekte gehalten und wusste genau, wie sehr sie selbst vom Castrum profitiert hatte für ihr ganzes Leben. Ihre Begabung, Unerfreuliches auszublenden aus ihrem Selbstbild, muss ebenso groß gewesen sein wie ihr Mut.

Abscheu vor geistvoll camouflierter Sexualmanie

Zum Heiklen der Geschichte gehört natürlich der Vorwurf, Frommel habe nicht nur die homosexuelle Kultur des George-Kults weitergeführt, sondern seine Macht als Guru und die daraus resultierenden Abhängigkeitsverhältnisse zu kriminellen Übergriffen genutzt. Seit dem 2019 vorgelegten Untersuchungsbericht gibt es an den Tatsachen keinen Zweifel mehr. Annet Mooijs Biographie, die großen Einfluss hatte auf den Bericht, ist keine Analyse sexueller Verhaltensweisen im Castrum, beschäftigt sich jedoch mit der Frage nach Gisèle van Waterschoots Wissen oder Teilhabe. Offenkundig ging auch hier das sektiererische, Frauen ausschließende Glaubensbekenntnis eine Mischung ein mit den Charaktereigenschaften der Beteiligten: Einerseits wurde vor der unerwünschten Frau die homosexuelle Praxis so weit wie möglich versteckt, andererseits folgte Gisèle bei dem, was sie trotzdem ahnte, ihrem bewährten Prinzip, nicht zu sehen, was sie nicht sehen wollte. Der Untersuchungsbericht spricht sie, mit dieser Einschränkung, frei.

Annet Mooijs Biographie ist damit auch die notwendige Ergänzung zu Ulrich Raulffs Buch über Georges Nachleben, in dem das Castrum nur am Rande vorkommt. Man liest mit wechselnden Gefühlen: Bewunderung für den Mut in schrecklicher Zeit, Kopfschütteln über Gruppenbilder mit blütenbekränzten Jünglingsköpfen, Sympathie für eigensinniges Festhalten an Kunst, Bildung und Poesie, Abscheu vor geistvoll camouflierter Sexualmanie.

Hundert Jahre lang hat Gisèle van Waterschoot ihre Vorstellung von Kunst und Freundschaft gelebt. Dass sie damit eines Tages auch Teil der Ideologie-, Sekten- und Kriminalgeschichte dieses Jahrhunderts sein würde, hat sie wohl nicht geahnt, aber genau deshalb wurde es Zeit für eine Darstellung jenseits aller selbsterzählten Märchen.

Annet Mooij: „Das Jahrhundert der Gisèle“. Mythos und Wirklichkeit einer Künstlerin. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. Wallstein Verlag, Göttingen 2021. 470 S., Abb., geb., 34,– €.

Quelle: F.A.Z.
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