Ausgestorbene Tiere

Todesursache? Der Mensch!

Von Kai Spanke
06.12.2021
, 06:58
Im Freiland etwa 1930 ausgestorben: amerikanische Karolinasittiche, hier in einer Darstellung von John James Audubon aus dem Jahr 1827
Aus natürlichen Gründen verschwindet kaum eine Spezies: Bernhard Kegel informiert über große Aussterbeereignisse und porträtiert fünfzig Tierarten, die für immer verschwunden sind.
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Schon mal vom Riesenfaultier gehört? Es lebte in Süd-, Mittel- und Nordamerika, brachte sechs Tonnen auf die Waage und hätte, auf den Hinterbeinen stehend, einen T-Rex überragt. Vor elf- bis achttausend Jahren ist es ausgestorben. Der Koalalemur war etwa so groß wie ein menschlicher Teenager und hat länger durchgehalten. Ihn gab es ausschließlich auf Madagaskar, bis 1500, danach gab es ihn gar nicht mehr. Beide Arten teilen ihr Schicksal mit dem Tarpan und dem Kapverdischen Riesenskink, dem Dodo und dem Elfenbeinspecht, dem Beutelwolf und dem Bengalischen Java-Nashorn. Die Zerstörung des Lebensraums und eine intensive Bejagung haben den Tieren den Garaus gemacht. Und es geht ungebremst weiter. Derzeit befinden wir uns im sechsten Massenaussterben, bei dem in relativ kurzer Zeit viele Spezies für immer verschwinden.

Der Biologe Bernhard Kegel nimmt diese Verluste zum Anlass, in seinem neuen Buch über größere Aussterbeereignisse zu informieren und fünfzig verschwundenen Arten ein Porträt zu widmen. Damit wir uns ein Bild davon machen können, wovon die Rede ist, werden die Texte von historischen Darstellungen flankiert – darunter Arbeiten namhafter Maler wie John James Audubon und John Gould. Der Band versammelt fast nur Tiere, denen der Mensch noch begegnet ist, was meist übel endete. Kegel zufolge ist keine Spezies bekannt, die in den vergangenen fünfhundert bis tausend Jahren nur aus „natürlichen“ Gründen ausgestorben wäre, also ohne unsere Mithilfe.

Bernhard Kegel: „Ausgestorbene Tiere“.
Bernhard Kegel: „Ausgestorbene Tiere“. Bild: Dumont Verlag

Aber auch bevor der Mensch auftauchte, war die Erde ein gefährlicher Ort. Bei einem Massenaussterben vor zweihundertfünfzig Millionen Jahren hat es fünfundneunzig Prozent aller damaligen Tier- und Pflanzenarten dahingerafft. Eine Zäsur zwischen Perm und Trias, die das Ende des Erdaltertums markiert. Nachdem der zehn Kilometer lange Asteroid, der den Sauriern zum Verhängnis wurde, auf dem Gebiet des heutigen Mexiko einschlug, waren zwei Drittel aller Vogel- und Säugetierfamilien erledigt. Kein Landtier, das größer war als eine Katze, überlebte die Katastrophe.

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Allerdings gibt es auch gute Nachrichten. Laut einer Studie von 2011 wurden in den vergangenen einhundertzwanzig Jahren mehr als dreihundertfünfzig Vogel-, Säugetier-, Amphibien- und Reptilienarten, die man für ausgestorben gehalten hatte, wiedergefunden. Dass eine Tierart ausgestorben ist, lässt sich mit Sicherheit also kaum sagen. Wer kann schon die hintersten Winkel aller Ozeane, Wüsten und Regelwälder nach dem vermeintlich letzten Vertreter einer Spezies durchsuchen? Für das Gros der Arten liegt die Lebenserwartung bei wenigen Millionen Jahren. Der Mensch hätte also noch eine ordentliche Strecke vor sich. Was das für die Natur bedeuten könnte, dar­über möchte man lieber nicht nachdenken.

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Bernhard Kegel: „Ausgestorbene Tiere“. Dumont Verlag, Köln 2021. 160 S., Abb., geb., 25,– €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spanke, Kai
Kai Spanke
Redakteur im Feuilleton.
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