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Barbara Beuys: Leben mit dem Feind

Unter den Besatzern in Europas alter Hauptstadt der Toleranz

Von Jochen Schimmang
Aktualisiert am 11.01.2013
 - 10:56
Von der „korrekten“ Ausplünderung über die verschärfte Repression bis zum Terror: Barbara Beuys erzählt von Amsterdam in den Jahren 1940 bis 1945.

Barbara Beuys, man weiß es schon lange, kann hervorragend erzählen, egal, ob es sich nun um Familienleben in Deutschland handelt, um Florenz zwischen 1200 bis 1500 oder um Hildegard von Bingen oder Annette von Droste-Hülshoff. Dabei war das immer auch kulturhistorische Unterhaltung auf hohem Niveau. Im vorliegenden Fall handelt es sich jedoch um etwas ganz anderes, nämlich um die fünf Jahre deutscher Besatzung der Niederlande und insbesondere Amsterdams von Mai 1940 bis Mai 1945 und um die massenhafte Deportation und Vernichtung niederländischer Juden.

Mokum nannten die Amsterdamer Juden ihre Stadt, nach dem hebräischen „makom“ für Ort, Stadt, sicherer Hafen. Über Jahrhunderte ist Amsterdam für Juden tatsächlich der sicherste Hafen in ganz Europa gewesen, beginnend mit den Flüchtlingen aus Spanien und Portugal im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert und fortgesetzt mit den Ostjuden, die vor Pogromen und Repressionen in Europas Hauptstadt der Toleranz flohen. Auch nichtjüdische Amsterdamer sagen zuweilen, dass sie aus Mokum seien.

Vor dem deutschen Überfall auf die Niederlande lebten insgesamt etwa 140.000 Juden im Land, 80.000 davon in Amsterdam: Sie machten damals rund zehn Prozent der Stadtbevölkerung aus, manche erfolgreiche Geschäftsleute, die Mehrzahl aber keineswegs in herausgehobener sozialer Position, viele von ihnen Diamantschleifer und wohnhaft im Judenviertel um die Jodenbreestraat. Später wurden auch die neuen Viertel in Amsterdam-Zuid eine bevorzugte Wohngegend. Ein Getto gab es nie. Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts explodierte die Bevölkerungszahl. Als die Deutschen im Mai 1940 das Land überrollten, war Amsterdam längst eine typische westeuropäische Metropole.

Kaum einer überlebte

Eine „Judenfrage“ kannte man in den Niederlanden um diese Zeit nicht. Selbstverständlich gab es Vorurteile und Antipathien, und zwar in alle Richtungen. Warum diese aber nicht wirkmächtig wurden, bringt Beuys so auf den Punkt: „Als Jude kann man mit antijüdischen Vorurteilen besser leben, wenn man weiß, dass ein holländischer Protestant jeden Katholiken zur Hölle wünscht, wenn der Katholik seine Kinder niemals in eine protestantische Schule schicken würde. (...) Keine Minderheit ist diskriminiert, wenn die ,Souveränität im eigenen Kreis’ allgemeine Richtschnur für die Gesamtstruktur der Gesellschaft ist.“

Es handelt sich um das legendäre „Säulenmodell“, das Barbara Beuys hier auf eine Kurzform bringt. Damals funktionierte es noch. Ein paar Jahre später, Ende 1943, war Amsterdam weitgehend „judenfrei“ und damit auch das ganze Land, denn schon ab Januar 1942 wurden mit wenigen Ausnahmen alle niederländischen Juden in Amsterdam zusammengezogen und von dort ins Lager Westerbork und schließlich in die osteuropäischen Vernichtungslager gebracht. Am Ende waren von den 140.000 niederländischen Juden 107.000 deportiert, von denen 102.000 die Lager nicht überlebten.

Erzählerische Dichte

Das alles ist schon mehrfach beschrieben worden. Barbara Beuys will auch keineswegs neue Forschungsergebnisse präsentieren, sondern sie will die Geschichte noch einmal erzählen, und zwar akribisch und vermittels eines Narrativs, das die Wege einer Reihe von Protagonisten verfolgt. Zu ihnen zählen unter anderen das langjährige sozialdemokratische Gemeinderatsmitglied Monne de Miranda, die Fraktionsvorsitzende der SDAP, Alida Jong, das Ehepaar Grete und Edgar Weil, der Geschichtslehrer Hendrik Jan Smeding, der deutschjüdische Emigrant Walter Süskind, der bei der massenhaften Rettung jüdischer Kinder eine wichtige Rolle spielte, die Leiter des „Jüdischen Rats“, David Cohen und Abraham Asscher, oder Mirjam Levie, die ebenfalls im Jüdischen Rat arbeitete. Zu ihnen gehörten auch der „Bankier des Widerstandes“, Walraven van Hall, der geniale Passfälscher Gerrit van der Veen und noch einige andere. Die meisten der Genannten haben die Jahre der deutschen Besatzung nicht überlebt.

Auf der anderen Seite verfolgt Beuys’ Erzählung auch die Karriere so erbärmlicher Gestalten wie Anton Mussert, Führer der holländischen Nationalsozialisten - die lange brauchten, bis ihre Anbiederung bei den deutschen Besatzern Früchte trug -, oder des von den Nazis neu ernannten Polizeipräsidenten Sybren Tulp. Sie führt auf Seite der Besatzer die Karrieren (und die Konkurrenz untereinander) der Seyß-Inquart, Rauter, des Amsterdamer SD-Chefs Willy Lages und seines engsten Mitarbeiters Ferdinand aus der Fünten vor.

Ausplünderung bis zum letzten Tag

Entlang dieser Figuren und anhand bisher unbekannter Tagebücher, Briefe und Autobiographien spinnt Beuys ihr Erzählungsnetz. Es ist diese Konkretion, dieses genaue Verfolgen fünf quälender Jahre, in denen ein paarmal die Hoffnung auf vorzeitige Befreiung durch die Alliierten enttäuscht wurde (erst am 8. Mai 1945 zogen kanadische Truppen in Amsterdam ein, während der Süden des Landes schon länger befreit war), die den Leser, den deutschen zumal, zeitweise in tiefe Depression stürzen kann. Es ist aber auch gerade diese dichte Beschreibung, die dem Buch seinen Rang verleiht, weil sie die langsame Steigerung von anfänglicher „Korrektheit“ der Besatzer über die Verschärfung der Repression bis zum nackten Terror vorführt. Dass der von den Nazis eingerichtete Jüdische Rat und die niederländischen Behörden bei der Vernichtung der Juden eine sehr unglückliche Rolle gespielt haben, ist ebenfalls seit langem bekannt. Man hat es aber noch nie so genau erzählt bekommen wie von Barbara Beuys.

Widerstand hat sich, von Einzelaktionen abgesehen, in der Amsterdamer Bevölkerung lange Zeit nicht geregt. Erst ab 1944 etwa wächst der Hass und wird in einem zähen Guerrillakampf produktiv, der zu Vergeltungsaktionen der deutschen Besatzer führt. Dieser Widerstand hat auch die Ausplünderung des Landes und insbesondere Amsterdams bis zum letzten Tag zum Anlass. Beuys’ Erzählung liefert genug Belege für Götz Alys These von der erkauften deutschen Volksgemeinschaft durch massenhaften Raub in den besetzten Ländern. Am Ende, als der Krieg für die Besatzer erkennbar längst verloren war, sollte in einer der schönsten Städte der Welt noch möglichst viel zerstört werden. Dazu ist es in nennenswertem Umfang zum Glück nicht mehr gekommen.

Deshalb kann der Leser dieses Buches noch heute, weit über das Anne-Frank-Haus hinaus, die Orte aufsuchen, in denen einerseits die Besatzer ihre Zentralen hatten und andererseits der Widerstand sich versteckte. Barbara Beuys führt sie mit Straße und Hausnummer an. Eine Erinnerung allerdings, die gar zu schmerzlich war, hat die Stadt Amsterdam noch im Mai 1945 gelöscht. Die Euterpestraat, Sitz des deutschen Sicherheitsdienstes und damit der Zentrale des Terrors, wurde sofort nach dem Passfälscher des Widerstands in Gerrit-van-der-Veen-Straat umbenannt.

Barbara Beuys: „Leben mit dem Feind“. Amsterdam unter deutscher Besatzung 1940 - 1945. Carl Hanser Verlag, München 2012. 384 S., Abb., geb., 24,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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